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​... und wieder locker lassen! ​

​Patienten-Watching ​

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Ich bewahre Gewohnheiten, wenn sie gut sind. Ich nenne das traditionsbewusst, meine Frau unflexibel. Ich gehe beispielsweise in meinem alten Stadtteil, in dem ich lange gewohnt und als Physiotherapeut gearbeitet habe, immer noch einkaufen. Und zum Friseur. Und zum Arzt. Und ich sitze dort auch gerne im Café und betreibe (Ex-)Patienten-Watching und „-Talking”. Der Mensch ist schließlich ein geselliges Wesen.

Fast 20 Jahre lang habe ich hier, nun ja, fast jeden einmal oder auch regelmäßig behandelt. Danach weiß man viel, ob man will oder nicht. Fällt natürlich alles unter die Schweigepflicht. Aber seien wir mal ehrlich: Welche Berufsgruppe erfährt so viel über die Menschen, mit denen sie arbeitet? Nicht viele – ein paar Mediziner, Lehrer, Friseure vielleicht. Wir Physiotherapeuten sind Nähe-Profis. Dafür muss man geschaffen sein. Eloquent während der Gelenkmobilisation noch über die Bundesligaergebnisse parlieren, offen bleiben, wenn jemand über Kummer berichtet. Beraten, wenn Beratung gefragt ist. Schweigen, wenn Schweigen nötig ist.

Da hat man doch auch später noch ein berechtigtes Interesse daran, wie es den ehemaligen Patienten so geht, oder? Die meisten erzählen ja sowieso freiwillig. Winken und rufen: „Ach, der Herr Stanko, wissen Sie schon …”, und dann geht es los: Arthrose schlimmer geworden, Nachbarin tot, Kreuzband der Enkelin kaputt. Mein Nachfolger prima, „aber ist natürlich nicht dasselbe”. Der Rollator zu langsam, die Knochen gebrechlich, „der Lauf des Lebens … traurig, traurig”.

Ich nicke und bestätige: Das Bild des Stadtteils hat sich verändert. Die Menschen hinken wieder mehr, die Haltung ist schlechter geworden. Es ächzt und stöhnt überall. Hier fehlt Knorpel, da Muskulatur. Ganz klar: Ich fehle. Aber man kann nicht überall sein. Ich empfehle das ein oder andere pt-YouTube-Video. Lächeln. Dankbarkeit. Glänzende Augen bei der Nachricht, dass es diese Glossen bald als Buch geben wird.

Ein Gedanke streift mich: Man könnte ganz unauffällig eine Café-Beratungsstelle einrichten, merkt bestimmt niemand. Das Ganze als Plauderei tarnen, ein paar Therapietipps über den Tisch schieben, einige weitere für die Nachbarschaft und Verwandtschaft. „Wir sehen uns in einer Woche” raunen, „gleiche Zeit, gleicher Ort.” Keine Probleme mit den Krankenkassen oder verordnenden Ärzten: der Kaffeehaus-Direktzugang. Nur so als Hobby. Meiner Frau müsste ich erzählen, dass ich einen regelmäßigen Termin habe: Squash oder Yoga. Oder besser: Squash und Yoga. Dann hätte ich ein bisschen mehr Luft und damit Zeit für meine Patienten. Und zwischendurch säße ich in der Sonne und äße Croissants. Man müsste nur darauf achten, dass sich vor dem Café keine Schlange bildet.

Heft 10-2017

Autor

Jörg Stanko

Physiotherapeut seit 1992; bis 2013 in verschiedenen Praxen und Krankenhäusern tätig; Schriftsteller; schreibt Romane, Kinder­bücher und Ruhrgebietskrimis; Referent für kreatives Schreiben; Vater eines Sohnes; freier pt-Autor und pt-Redakteur

stanko@pflaum.de

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