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​Als Physiotherapeutin in Peru ​

​Das Leben einer Familie ​

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Bei meiner Arbeit erlebe ich die Patienten nicht nur während der Behandlungen, sondern habe auch einen Einblick in das Leben ihrer Familien. In diesem Artikel möchte ich einer der Mütter, Marlene, eine Stimme geben, damit sie von ihrem Schicksal erzählen kann. Mit ihr stehe ich während meiner Arbeit in engstem Kontakt.

Marlene und Abraham
Foto: Esra Fehsenfeld

​Abraham ​

Bei der Geburt von Marlenes Sohn Abraham waren dessen Lebenszeichen kritisch, doch erst sechs Monate später wurde eine schwere infantile Zerebralparese mit spastischer Tetraparese diagnostiziert. Mit fünf Jahren traten erstmals epileptische Anfälle auf, die sich nicht nur negativ auf seine Körperkontrolle, sondern auch auf seinen Charakter auswirkten – von da an war er ernster und weinte viel. Heute bewirken Medikamente, dass er keine Anfälle mehr erleidet. Inzwischen ist Abraham 15 Jahre alt. Sein 28-jähriger Bruder Angel arbeitet von früh bis spät. Der Vater, Miguel, lebt seit elf Jahren nicht mehr bei der Familie, nachdem Marlene sich von ihm getrennt hat.

​Limonaden verkaufen ​

Marlene verkauft an vier Tagen in der Woche selbstgemachte Kuchen, Frühstück und Limonaden vor dem Therapiezentrum, in dem Abraham Physio- und Sprachtherapie bekommt. Abraham wurde in ein Programm für arme Familien aufgenommen, sodass seine Mutter nur einen Teil der Therapiekosten selbst tragen muss, während der Rest über Spenden finanziert wird. Abraham bleibt alleine zu Hause, während Marlene verkauft. Deshalb kehrt sie schon nach etwa einer Stunde wieder nach Hause zurück. Seit einem halben Jahr hat Marlene starke Rückenschmerzen, was ihr das Handling ihres Sohnes erschwert. Zuvor war Abraham an zwei Tagen pro Woche zur Schule gegangen. Marlene musste ihn jeden Tag selbst mit dem Zug hin- und auch wieder zurückbringen. Das kann sie inzwischen nicht mehr machen. Auch der Weg zu Abrahams Therapien war für Marlene im akuten Zustand ihrer Rückenschmerzen unmöglich.

​Hilfe für die Mutter ​

Deshalb besuche ich Abraham und Marlene zweimal wöchentlich. Montags komme ich frühmorgens zu ihnen, um die beiden zu Abrahams Therapien zu begleiten. Ich trage Abraham ins und aus dem Mototaxi, mit dem wir zum Therapiezentrum fahren, begleite Marlene während der Logopädie zum Markt und trage ihre Einkäufe. Danach begleite ich Abraham zu seiner physiotherapeutischen Behandlung und lerne von der peruanischen Therapeutin. Zu Hause helfe ich Marlene, die Kuchen und unser Mittagessen zuzubereiten. Bevor ich gehe, essen wir gemeinsam und genießen die Ruhe nach dem Sturm. Dienstags sehen wir uns direkt wieder – dann bin ich jedoch nicht für Marlene da, sondern für Abraham und drei weitere Kinder aus der Nachbarschaft: Alle vier kommen an diesen Tagen in Marlenes Haus zusammen und werden von mir behandelt.

Surftipp:

Amancay – Begegnung auf Augenhöhe e. V.: http://www.amancay-ev.org

Heft 10-2017

Autor

Esra Fehsenfeld

Seit 2016 B. Sc. Physiotherapie im primärqualifizierenden Studiengang an der Alice Salomon Hochschule (ASH) und der Wannsee-Schule Berlin; angestellt in einer PT-Praxis; Leitung eines Sportkurses für geflüchtete Frauen; seit 2013 stellv. Delegierte der ASH für den Bundesstudierendenrat; seit 2015 Landesjuniorensprecherin des LV Nordost von Physio-Deutschland.

esra_fehsenfeld@gmx.de

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