_Evidenzbasierte Therapie

​Bewegungszeugnis für Kinder und Jugendliche ​

​Deutschland ist versetzungsgefährdet ​

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​Die Mehrheit der Kinder und Jugendlichen in Deutschland erfüllt nicht die Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation für eine ausreichende körperliche Aktivität und verbringt einen großen Teil des Tages im Sitzen – so das Ergebnis der Auswertung eines Expertenteams von Active Healthy Kids Germany. Im Bewegungszeugnis gibt es insgesamt zehn Indikatoren, die von den Forschern mit Schulnoten bewertet wurden – basierend auf vorhandenen Benchmarks. Weitere Maßnahmen zur Förderung körperlicher Aktivität und zur Schaffung von bewegungsfreundlichen Umwelten, die eine gesunde und bewegungsaktive Lebensweise in Deutschland ermöglichen, sind notwendig.

Risikofaktor Inaktivität

Foto: Cherry-Merry / shutterstock.com

Kinder und Jugendliche sollten laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) pro Tag ein Mindestmaß von 60 Minuten körperlicher Aktivität erreichen, um von den positiven körperlichen und psychischen Effekten von Bewegung zu profitieren (1). Denn körperlich aktive Kinder und Jugendliche haben im Vergleich zu weniger aktiven Altersgenossen ein geringeres Risiko für Übergewicht, Diabetes Typ II und das metabolische Syndrom (2).

Darüber hinaus wird aus aktuellen Forschungsarbeiten deutlich, dass Kinder und Jugendliche, die ihre Freizeit viel im Sitzen verbringen (zum Beispiel beim Fernsehen, vor dem PC oder mit Videospielen), eine schlechtere Körperzusammensetzung, ein höheres kardiometabolisches Risiko, geringere Fitnesswerte und ein schlechteres Selbstbewusstsein haben (3).

Interventionsprogramme zur Förderung der körperlichen Aktivität und zur Reduzierung von Sitzzeiten sind bislang nur mäßig erfolgreich. Dies ist besonders beunruhigend, da das Bewegungs- und Sitzverhalten sich bereits im Kindes- und Jugendalter etabliert und im Erwachsenenalter häufig fortgeführt wird.

Für die Förderung eines aktiven Lebensstils bei Kindern und Jugendlichen sind Informationen notwendig, um wirksame Maßnahmen zur Bewegungsförderung zu entwickeln und umzusetzen. Diese umfassen insbesondere eine klare Übersicht zu Ausmaß und Verbreitung verschiedener Bewegungsaktivitäten und Sitzzeiten von Kindern und Jugendlichen (zum Beispiel Sport im Verein, freies Spielen, sitzendes Verhalten) sowie Informationen über Faktoren, die das Bewegungs- und Sitzverhalten der Kinder und Jugendlichen beeinflussen (zum Beispiel Schule, Eltern, Freunde, Vereine, politische Strategien).

Das Bewegungszeugnis für Kinder und Jugendliche in Deutschland für das Jahr 2018 evaluiert die körperliche Aktivität und das Sitzverhalten von Kindern und Jugendlichen und zeigt auf, inwieweit Strategien und Maßnahmen zur positiven Unterstützung dieser Verhaltensweisen existieren (siehe Surftipps). Dies geschieht auf Basis aktueller Studien, die durch ein Expertenteam analysiert wurden. Das Bewegungszeugnis soll auf Defizite in Sachen Bewegung aufmerksam machen und dazu dienen, Maßnahmen zu entwickeln und umzusetzen, die einen aktiven Lebensstil von Kindern und Jugendlichen unterstützen. Gleichzeitig sollen dadurch neue Investitionen in diesem Bereich initiiert und zentrale Botschaften für Kampagnen abgeleitet werden. Die Bewertung der vorhandenen Daten soll eine leicht verständliche Übersicht über die Dimensionen geben, in denen Handlungsbedarf zur Förderung eines aktiven Lebensstils bei Kindern und Jugendlichen besteht.

In einigen Ländern – beispielsweise England, Schottland, USA, Kanada und Australien – wurden bereits Bewegungszeugnisse entwickelt, die diese Informationen zur Verfügung stellen (siehe Surftipps). Evaluationen aus Kanada zeigten, dass über die letzten zehn Jahre nach der Entstehung der ersten Broschüre (diese wird alle zwei Jahre aktualisiert) mehr als 80.000 Personen und Organisationen diese verwendet haben, um sich für die Entwicklung neuer Maßnahmen zur Förderung von körperlicher Aktivität bei Kindern und Jugendlichen einzusetzen. Darüber hinaus wurde nachgewiesen, dass Eltern die Hinweise aus der Broschüre annehmen und aktiv zur Erhöhung der Bewegungszeit ihrer Kinder beitragen.

Surftipps
Bewegungszeugnis
www.stiftung-gesundarbeiter.de

Active Healthy Kids
www.activehealthykids.org/global-matrix


Das Projekt im Überblick

Das Bewegungszeugnis wurde von der Technischen Universität München initiiert und spiegelt das Bewegungs- und Sitzverhalten von Kindern und Jugendlichen in Deutschland anhand von zehn Indikatoren wider (Abb. 1).

Abb. 1 Die zehn Indikatoren für das Bewegungszeugnis.

In einem ersten Schritt wurden deutsche wissenschaftliche Studien, nationale Erhebungen sowie Berichte von Regierungs- und Nichtregierungs-Organisationen aus den letzten fünf Jahren zu den zehn Indikatoren des Bewegungszeugnisses identifiziert, gesichtet und zusammengestellt. Anschließend wurden diese Daten von der Active Healthy Kids Germany (AHKG), einem Netzwerk von zwölf Wissenschaftlern aus neun Institutionen in Deutschland, bewertet und auf Basis eines Notenschlüssels (Abb. 2) mit Schulnoten von eins bis sechs versehen (4, 5).

Abb. 2 Der Notenschlüssel für das Bewegungszeugnis

Die zehn Indikatoren können in den folgenden vier Kategorien zusammengefasst werden:

  1. tägliches Verhalten der Kinder und Jugendlichen (körperliche Aktivität insgesamt, Teilnahme am organisierten Sport, aktives Spielen, aktiver Schulweg und sitzendes Verhalten)
  2. Lebenswelten und Einflussquellen (Schule, Kommune, Familie und Freunde)
  3. Strategien und Investitionen der Regierung
  4. persönliche Eigenschaften – körperliche Fitness

Die Ergebnisse sind durchwachsen

Durchschnittsnote „Drei“

Das deutsche Bewegungszeugnis von Kindern und Jugendlichen fällt mit viermal Note „Zwei“, einmal Note „Drei minus“ und dreimal Note „Vier minus“ durchwachsen aus. Die durchschnittliche Note für Deutschland ist eine Drei. Während die äußeren Einflussfaktoren auf die Bewegung – wie Schule, Familie und Sportvereine – positiv bewertet wurden, schrammen individuelle Verhaltensmuster wie aktives Spielen und wenig Sitzen knapp an der Note „Fünf“ und somit an „mangelhaft“ vorbei. Das deutsche Bewegungszeugnis fällt damit gut und schlecht zugleich aus. Es zeigt sich ein deutlicher Kontrast: Während die äußeren Einflussfaktoren und das Umfeld recht gut bewertet sind, werden beim individuellen Bewegungsverhalten deutliche Schwächen erkennbar. Im internationalen Vergleich von 48 Ländern befindet sich Deutschland auf Rang 17 (6, 7).

Dreimal Note „Vier minus“: Deutschland hinter den Niederlanden und England

Lediglich eine Vier minus bekommt Deutschland bei der körperlichen Aktivität insgesamt, dem sitzenden Verhalten und beim aktiven Spielen. Nur rund 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen erreichen mindestens eine Stunde moderate oder intensive körperliche Aktivität pro Tag, wie es die WHO empfiehlt. 80 Prozent sitzen mehr als zwei Stunden vor dem Fernseher, Computer oder Handy. Und weniger als ein Viertel spielt aktiv mehrere Stunden lang. Den Schulweg legen nur etwa 40 Prozent zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurück – dafür gibt es die Note „Drei minus“. Kinder und Jugendliche in anderen Staaten sind deutlich aktiver. Besonders gut sind die Ergebnisse in afrikanischen Staaten wie Simbabwe, Ghana und Südafrika. Aber auch viele europäische Länder wie die Niederlande und England schneiden besser ab, den besten Wert weltweit hat Slowenien. Abbildung 3 zeigt die erreichten Noten im Überblick.

Abb. 3 Die Noten für das Jahr 2018 (Auszug)

Vereine, Schule, Familie und Kommunen bieten viel

Gute Noten bekommt Deutschland dagegen bei den Rahmenbedingungen, die der organisierte Sport, Schule, Familie und Kommunen bieten: 70 Prozent der Kinder und Jugendlichen sind Mitglied in einem Sportverein, in der Schule steht zweimal wöchentlich Sport auf dem Stundenplan. Zwei Drittel der Eltern sind regelmäßig körperlich aktiv und damit ein Vorbild, die meisten Städte und Gemeinden legen ausreichend Spielplätze, Parks und Radwege an. Allerdings sind auch in diesen Bereichen andere Länder noch besser. Beispielsweise sind in Dänemark, Kanada und Schweden die meisten Kinder und Jugendlichen in Sportvereinen. In Nepal und Slowenien bewegen sich die Erwachsenen am häufigsten. In Schweden und Australien ist die Ausstattung der Kommunen am besten. Mit seinem Zeugnis liegt Deutschland im internationalen Vergleich im oberen Drittel. Die besten Zensuren bekommt Slowenien, gefolgt von Nepal, Japan und Dänemark.


Lebenswelten verändern

Gerade für Kinder und Jugendliche ist Bewegung unheimlich wichtig. Wer sich als Kind zu wenig bewegt, hat ein hohes Risiko, dies auch als Erwachsener zu tun. Das wiederum begünstigt die Entstehung von Zivilisationskrankheiten wie Adipositas, Herzinfarkt oder Schlaganfall. In Deutschland ist körperliche Inaktivität die fünfthäufigste Todesursache.

Kinder und Jugendliche brauchen aktive Bewegung, um sich körperlich und seelisch gesund entwickeln zu können. In all ihren Lebenswelten sollte dafür Zeit und Raum sein: in der häuslichen Umgebung ebenso wie in Kindertagesstätten und Schulen.

Das Bewegungszeugnis für Kinder und Jugendliche in Deutschland zeigt: Die Wirklichkeit sieht anders aus. Je früher bei Kindern die Lust auf Bewegung geweckt wird, umso größer ist die Chance, dass sie auch als Erwachsene körperlich aktiv sind und damit bis ins Alter etwas für ihre Gesundheit tun.

Kindertagesstätten und Schulen können mit passenden Angeboten für Kinder und Jugendliche enorm dazu beitragen. Attraktive Bewegungsangebote für den Alltag brauchen wir aber auch gerade in Zeiten der Digitalisierung, um Kindern und Jugendlichen andere reizvolle Beschäftigungen neben der Nutzung von Smartphone, Computer und Co aufzuzeigen.


Fazit und Ausblick

Deutsche Kinder und Jugendliche bewegen sich deutlich weniger als Gleichaltrige in vielen anderen Staaten. Dies zeigt die weltweite Untersuchung der Active Healthy Kids Global Alliance, die ein Bewegungszeugnis für rund 50 Staaten ausgestellt hat. Deutschland nimmt zum ersten Mal an der Initiative teil, die 2014 von kanadischen Wissenschaftlern gegründet wurde.

Durch dieses Projekt erhalten Bevölkerung sowie Experten im Themengebiet der Bewegungsförderung eine Übersicht über den aktuellen Stand des Bewegungs- und Sitzverhaltens von Kindern und Jugendlichen und die Faktoren, die diese Verhaltensweisen beeinflussen.

Basierend auf dem internationalen Vergleich wird deutlich, dass ein Blick „zurück in die Zukunft“ notwendig ist, um von anderen Ländern zu lernen, die noch nicht den Stand der Mobilitäts- und Digitalisierungsentwicklung von Deutschland erreicht haben.

Diese Länder haben häufiger höhere Noten in den Indikatoren des täglichen Verhaltens und schneiden besser bei der körperlichen Aktivität ab. Daraus wird deutlich, dass in Deutschland nicht nur vereinzelt Maßnahmen ergriffen werden müssen, sondern dass ein allgemeines Umdenken stattfinden muss und Bewegung und körperliche Aktivität in den gesamten Tagesablauf integriert werden müssen.

Nur so können Kinder und Jugendliche die empfohlenen Umfänge an körperlicher Aktivität erreichen und von den gesundheitlichen Effekten profitieren.

 

 

Im Interview gibt Prof. Yolanda Demetriou weitere Einblicke in das Projekt, die Ergebnisse und die Maßnahmen, die zu einer Verbesserung beitragen könnten – zu finden auf unserem YouTube-Kanal: www.youtube.com/ptzeitschrift

 


Anmerkungen

Partner von Active Healthy Kids Germany sind Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler folgender Einrichtungen: Technische Universität München, Goethe-Universität Frankfurt, Justus-Liebig-Universität Gießen, Karlsruher Institut für Technologie, Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie, Pädagogische Hochschule Heidelberg, Robert Koch-Institut, Technische Universität Chemnitz, Westfälische Wilhelms-Universität Münster.

Ermöglicht wurde die Umsetzung des Bewegungszeugnisses durch die Kooperationen mit der Schwenninger Krankenkasse und der Stiftung „Die Gesundarbeiter“.

Abbildungen mit freundlicher Genehmigung aus:

Active Healthy Kids Germany. 2018. Bewegungs-Zeugnis 2018 zur körperlichen Aktivität von Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Villingen-Schwenningen: Die Schwenninger Krankenkasse / Stiftung „Die Gesundarbeiter – Zukunftsverantwortung Gesundheit“

 

 

Heft 08-2019


Literatur

  1. World Health Organization. 2018. Global action plan on physical activity 2018–2030: more active people for a healthier world. Geneva: World Health Organization
  2. Poitras VJ, Gray CE, Borghese MM, Carson V, Chaput JP, et al. 2016. Systematic review of the relationships between objectively measured physical activity and health indicators in school-aged children and youth. Appl. Physiol. Nutr. Metab. 41, 6:197–239
  3. Carson V, Hunter S, Kuzik N, Gray CE, Poitras VJ, et al. 2016. Systematic review of sedentary behaviour and health indicators in school-aged children and youth: an update. Appl. Physiol. Nutr. Metab. 41, 6:240–65
  4. Colley RC, Brownrigg M, Tremblay MS. 2012. A model of knowledge translation in health: the Active Healthy Kids Canada Report Card on physical activity for children and youth. Health Promot. Pract. 13, 3:320–30
  5. Tremblay MS, Gray CE, Akinroye K, Harrington DM, Katzmarzyk PT, et al. 2014. Physical activity of children: a global matrix of grades comparing 15 countries. J. Phys. Act. Health 1, Suppl. 1:S113–25
  6. Aubert S, Barnes JD, Abdeta C, Nader PA, Adeniyi AF, et al. 2018. Global matrix 3.0 of report card physical activity grades for children and youth: results and analysis from 49 countries. J. Phys. Act. Health 15, Suppl. 2:251–73
  7. Demetriou Y, Bucksch J, Hebestreit A, Schlund A, Niessner C, et al. 2019. Germany’s 2018 report card on physical activity for children and youth. Ger. J. Exerc. Sport Res. 2:113–26

Autor

Yolanda Demetriou

​Prof. Dr.; Magisterstudium der Sportwissenschaft, Erziehungswissenschaft und Psychologie an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg; wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Sportwissenschaft der Eberhard Karls Universität Tübingen, an der sie 2012 promovierte; seit 2014 Professorin für Sport- und Gesundheitspädagogik an der TUM.

yolanda.demetriou@tum.de

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