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​ Myofasziale Funktionsstörungen der Halswirbelsäule behandeln ​

Instrumentengestützte Faszientherapie und -gymnastik

Zervikal- und zervikozephales Syndrom

Der folgende Fallbericht beschreibt die Therapie einer 35-jährigen Bürofachkraft mit zervikozephalem Syndrom. Dazu gehören sowohl der Einsatz von instrumentengestützter Faszientherapiea als auch ein fasziengymnastisches Übungsprogrammb für die Halswirbelsäule (HWS).

Als Physiotherapeut bekommt man sehr häufig Verordnungen mit der „Diagnose” Zervikalsyndrom. Dabei handelt es sich um keine exakte Diagnose, sondern um einen Sammelbegriff für verschiedene Beschwerden in der Schulter-HWS-Region. Die Patienten berichten über Einschränkungen beim Bewegen des Kopfes und ein starkes Verspannungsgefühl im Schulter-Nacken-Bereich; besonders die HWS-Rotationen und -Seitneigungen sind beeinträchtigt. Klagen die Patienten auch über vermehrte Kopfschmerzen, speziell als Spannungskopfschmerz im Hinterhauptsbereich, diagnostizieren Ärzte häufig ein zervikozephales Syndrom.


Anatomie

Generell ist zu beachten, dass es in unserem Körper keine einzelnen, unverbundenen Faszien gibt, sondern vielmehr ein stark verzweigtes Fasziennetzwerk.

Nach Aussage des Faszienforschers Robert Schleip stecken wir in einem „Ganzkörper-Faszienanzug” (1). Neben Organ-, Nerven- und Gefäßfaszien gibt es Muskelfaszien mit verschiedenen Schichten: Endomysium, Perimysium und Epimysium. Wie Muskeln und Faszien in Form von Zugkraftlinien zusammenarbeiten, beschreibt Thomas Myers (2): Er schildert das Vorhandensein myofaszialer Leitbahnen, darunter die oberflächliche Rückenlinie, die oberflächliche Frontallinie, die Laterallinien, die Spirallinie, die Armlinien, verschiedene funktionelle Linien und die tiefe Frontallinie.Bei der Behandlung von HWS-Problemen sind diese Linien mitzuberücksichtigen. Besonders haltungs- und arbeitsbedingte myofasziale Dysbalancen können Probleme an der HWS begünstigen oder verstärken. Gute Orientierung bietet der Leitsatz von Frans van den Berg: „Bewegungen und Haltungen formen das Bindegewebe” (3).

Vielfältige Bewegungen halten unser myofasziales System im Gleichgewicht. Andererseits verursachen nicht nur Traumen, sondern vor allem auch Bewegungsarmut und einseitige Bewegungs- und Haltungsmuster Störbilder und Fehlfunktionen im myofaszialen System. Es kommt zu Restriktionen, Verfilzungen und fehlender Verschiebbarkeit in den bindegewebigen Strukturen. Dabei können auch Nerven und Gefäße komprimiert und Rezeptoren in ihrer Funktion eingeschränkt werden. Wenn man als Therapeut ein HWS-Problem mit langfristigem Erfolg behandeln möchte, reicht es nicht aus, sich nur auf die Therapie der Gelenkfunktionsstörungen zu konzentrieren. Bei der Betrachtung der Gesamtproblematik muss immer das typische Bewegungs-, Haltungs- und Arbeitsverhalten der Patienten berücksichtigt werden.


Fallbeispiel

Anamnese

Frau M. kommt mit einer Verordnung über sechsmal Krankengymnastik und der Diagnose „gesichertes HWS-Syndrom” in die Praxis. Dabei erwähnt sie, dass sie bereits häufiger HWS-Probleme und gelegentliche Spannungskopfschmerzen hatte, diese aber bislang noch nicht erfolgreich behandelt werden konnten. Sie hat als Bürofachkraft einen Bildschirmarbeitsplatz in einem mittelständischen Unternehmen und arbeitet intensiv mit einer Computermaus. Ergänzend berichtet Frau M., dass sie ihren Arbeitsplatz zusammen mit einem hausinternen „Experten” ergonomisch neu eingestellt hat. Außerdem macht sie seit sechs Monaten Nordic Walking. Bei Beschwerden behandelt sie die Hals-, Schulter- und Nackenregion mit einem warmen Kirschkernkissen, gelegentlich auch mit einer wärmenden Salbe. Insgesamt hat sie das Gefühl, dass ihre Maßnahmen zur Linderung der Beschwerden beitragen, jedoch muss sie an besonders schlimmen Tagen auf Schmerzmittel wie Ibuprofen 400 zurückgreifen.

Hauptbeschwerden

  • latentes Verspannungsgefühl in der Schulter-Nacken-Region, rechts stärker als links
  • Beschwerden bei Drehbewegungen des Kopfes, besonders beim Rückwärtsfahren mit dem Auto
  • zeitweiliges Kribbeln in allen Fingern der rechten Hand, besonders nach langer Arbeit mit der Computermaus
  • drei- bis viermal wöchentlich Kopfschmerzen, die vom Nacken zum Hinterkopf hochziehen

 

Bei der Einstufung des aktuellen Schmerzlevels gibt die Patientin einen Wert von sechs auf einer Numerischen Ratingskala (NRS) von null bis zehn an.Um die Symptome noch besser erfassen zu können, wird Frau M. befragt, wann es zur Zunahme oder Linderung der Beschwerden kommt. Sie berichtet von folgenden Einflussfaktoren:

Zunahme der Beschwerden:

  • lange Bildschirmarbeit- intensive Arbeit mit der Computermaus
  • Arbeiten über Kopf, zum Beispiel Gardinen aufhängen
  • Tragen von Einkaufstaschen
  • Tragen ihrer Handtasche über der rechten Schulter
  • erhöhter Stress
  • Schlafen in Bauchlage
  • Schlafen mit hohen Kopfkissen

 

Reduktion der Beschwerden:

  • Massage im Schulter-Nacken-Bereich
  • Wärmeanwendungen
  • Nordic Walking
  • Schwungübungen mit den Nordic-Walking-Stöcken
  • Spazierengehen mit schlenkernden Armen
  • Schlafen auf dem Rücken oder der Seite mit flachen Kissen

Physiotherapeutische Befundaufnahme

Auffälligkeiten im Standbild:

  • Hyperkyphose der mittleren und oberen Brustwirbelsäule (BWS)
  • eingezogenes Sternum
  • protrahierte Schultern
  • vermehrte Elevationsstellung der Schultern
  • vermehrte Translationsstellung des Kopfes
  • Hyperlordose HWS mit Scheitelpunkt C4 / C5​

 

Risikoscreening

Es werden weder Red noch Yellow Flags festgestellt. Die differenzialdiagnostische Abklärung ergibt keine Hinweise auf die Beteiligung neuromeningaler oder vaskulärer Strukturen, die eine weitere ärztliche Diagnostik erfordern würden. In der manualtherapeutischen Untersuchung ergeben sich bei der Patientin folgende Auffälligkeiten:​​

Beweglichkeit

  • Hypomobilität der BWS, besonders in den Segmenten Th3–Th6
  • Hypomobilität der HWS in den Segmenten C6 / C7 und C5 / C6
  • Einschränkung der HWS-Rotation: links > rechts
  • Einschränkung der HWS-Seitneigung: links > rechts
  • keine schmerzhaften Endgefühle

 

Trigger- und Tender-Schmerzpunkte

  • Trapezius pars descendens rechts: zwei Triggerpunkte mit Ausstrahlungsqualität zum Hinterhaupt
  • Trapezius pars descendens links: ein Tenderpunkt ohne Ausstrahlung
  • Ansatz des Sternocleidomastoideus: beidseits Tenderpunkte
  • Tenderpunkte beidseits im Bereich des Sternums

Behandlungsphasen

Für eine vertrauensvolle und zugleich effektive Therapie ist es besonders wichtig, die einzelnen Behandlungsphasen mit dem Patienten abzusprechen.

​Information

Frau M. werden die wichtigsten Schlussfolgerungen und Informationen erläutert, die sich aus Anamnese, Screening, Testverfahren und Behandlungsziel ergeben. Sie wird darüber informiert, dass sich bei ihrem Beschwerdebild besonders Therapieformen aus der Manuellen Therapie, Faszientherapie und Fasziengymnastik sowie Aktivitätsformen zur Stärkung der Haltungs- und Bewegungskompetenz eignen. Auch die Einstellung des Büroarbeitsplatzes soll noch einmal überprüft werden; Frau M. wird gebeten, ein Foto mitzubringen, das sie in ihrer typischen Arbeitshaltung am PC zeigt.

Vertrauensbildung

Die Phase der Vertrauensbildung beginnt mit der ersten Behandlungseinheit und zieht sich über den gesamten Therapieverlauf. Von Anfang an soll die Patientin das Gefühl haben, dass ihre Wünsche bei der Behandlungsgestaltung an erster Stelle stehen.Frau M. erhält deshalb den Hinweis, dass bestimmte Verfahren der Faszientherapie schmerzhaft sein können, insbesondere die instrumentengestützten Therapieformen. Ihr wird aber auch verdeutlicht, dass nach bisherigen Erfahrungen die Faszientherapie von schmerzhaften Trigger- und Tenderpunkten sowie von verklebten oder verspannten myofaszialen Strukturen sehr effektiv sein kann.Frau M. wird zudem versichert, dass sie immer „Chef im Ring bleibt“ und bestimmt, wie intensiv die jeweiligen Therapiemaßnahmen durchgeführt werden. Dazu wird ihr eine Ampel-Intensitätsskala vorgestellt: Der grüne Bereich der Skala steht für eine angenehme Behandlungsintensität; der gelbe und orange Skalierungsbereich ist dagegen von zunehmend deutlichem Druck und mitunter auch von leichten, aber tolerierbaren Schmerzen gekennzeichnet.Die Skalierungsstufen Grün, Gelb und Orange werden als Hinwendungsbereich dargestellt. Die rote Stufe markiert den Abwendungsbereich: Hier ist die Behandlungsintensität so hoch, dass der Patient deutliche Ausweichbewegungen macht, Atmung und Pupillen sich verändern und verbale Schmerzsignale geäußert werden. Frau M. wird erklärt, dass intensive und angenehme Therapieabschnitte in einem harmonischen Wechsel durchgeführt werden.

Selbstmanagement

Von der ersten bis zur letzten Therapieeinheit ist ein wichtiges Ziel, bei Frau M. ein gutes Empowerment und ein gesundheitsförderliches Selbstmanagement zu entwickeln. Dazu erhält sie ein niederschwelliges Übungsprogramm mit Fotos und Kurzerklärungen, das sie zu Hause und im Arbeitsalltag durchführen kann. Die Schwerpunkte liegen auf fasziengymnastischen Übungen sowie selbstgesteuerten Therapiemaßnahmen mit der Faszienrolle und dem Faszienball.

Körperwahrnehmung und Reflexion

Frau M. wird darauf hingewiesen, dass bei der Therapie und den Eigenübungen die Körperwahrnehmung und Reflexionen einen hohen Stellenwert einnehmen. Sowohl bei den passiven als auch bei den aktiven Therapiemaßnahmen soll die Patientin speziell auf körperliche und mentale Reaktionen achten. Folgende Aspekte der Körperwahrnehmung sind dabei von besonderer Bedeutung:

  • Kribbeln
  • Temperaturunterschiede
  • Spannungsunterschiede- Bewegungsausmaß, -qualität und –fluss
  • Druckempfindlichkeiten
  • Fühlt sich der Schulter-Nacken-Bereich eng oder weit an?
  • Welches Wohlbefinden lösen die Therapiemaßnahmen / Eigenübungen bei mir aus?
  • Was konnte die Therapie / konnten meine Eigenübungen bis zu diesem Zeitpunkt bewirken?
  • Wie wirkungsvoll konnte ich mir zum Beispiel bei Beschwerdesituationen während der Arbeit oder im Alltag helfen?
  • Wo benötige ich noch Hilfestellungen, wo fühle ich mich mittlerweile sicher und handlungskompetent?

 

Darüber hinaus wird der Patientin verdeutlicht, dass es bei der Ausführung des Eigenübungsprogramms weniger um millimetergenaue Perfektion geht, sondern vielmehr um eine gute Aufspürarbeit und Rückkopplung mit dem eigenen Körper.


Praxisprogramm

Das Programm stützt sich auf die von Thomas Myers beschriebenen myofaszialen Leitbahnen. Es basiert auf der Philosophie eines tensegralen Netzwerks im menschlichen Körper und auf weiteren wichtigen Erkenntnisse aus der Faszienforschung:

  • Faszien können sich unabhängig von der Muskulatur kontrahieren.
  • Faszien besitzen enorme Speicherkapazitäten.
  • Faszien verfügen über sechsmal mehr Rezeptoren als die Muskulatur selbst und sind daher ein wichtiges Sinnesorgan.
  • Faszien haben nozizeptive Qualitäten und können Schmerz melden.- Faszien können Restriktionen bilden und verkleben / verfilzen, zum Beispiel durch Bewegungsmangel, einseitige Bewegungen, Traumen oder Ruhigstellungen.

 

Da Bewegungen und Haltungsmuster das Gewebe formen, gilt der folgende Leitsatz: Faszien lieben es, gedrückt, geschoben, gezogen, verdreht und bewegt zu werden.

Anmerkungen:

a Es handelt sich um das Fazer-System der Firma ARTZT (Dies besteht u.a. aus „Wal” und „Finger”).

b Es werden Übungen aus dem Faszienfit-Programm beschrieben.

 

 

 

 

Heftnummer 09-2017


Literatur

1) Schleip R. 2017. Faszientraining. Theorie und Praxis zum Aufbau eines geschmeidig-kraftvollen Bindegewebes. de.fascial-fitness.com/images/presse/Fascial_Fitness_Booklet_Deutsch.pdf; Zugriff am 17.6. 2017

2) Myers TW. 2010. Anatomy Trains. Myofasziale Leitbahnen. München: Elsevier

3) Van den Berg F. 2016. Angewandte Physiologie. Band 1: Das Bindegewebe des Bewegungsapparates verstehen und beinflussen. Stuttgart: Georg Thieme Verlag

Autor

Günther Lehmann

Erzieher bis 1983; seit 1986 Physiotherapeut, ab 1990 selbstständig; 2002–2012 Leiter der AG Prävention im ZVK; Gründer und Mitentwickler der ZVK-Weiterbildung zum ErgoPhysConsult; Herausgeber und Autor »KddR Neue Rückenschule«; Referent für Prävention in der Arbeitswelt und weitere Präventionsthemen

info@rueckenfit.de

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