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Nichtärztliche Gesundheitsfachberufe: Wir steuern auf einen Engpass zu ​

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​Im April 2017 wurde die im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie erstellte und vom Institut für Europäische Gesundheits- und Sozialwirtschaft GmbH (IEGUS), der WifOR GmbH und dem Institut für Angewandte Wirtschaftsforschung e. V. (IAW) durchgeführte Studie zur Entwicklung der Angebotsstruktur, der Beschäftigung sowie des Fachkräftebedarfs im nichtärztlichen Bereich der Gesundheitswirtschaft publiziert. Darin finden sich auch einige alarmierende Ergebnisse für unseren Berufsstand.

Die Studie

Foto: janews / Shutterstock.com

Die Untersuchung ist eine Bestandsaufnahme der Entwicklung der Angebotsstruktur, der Beschäftigung sowie des Fachkräftebedarfs im nichtärztlichen Bereich der Gesundheitswirtschaft. Die Studie umfasst unter anderem eine Auswertung von Mikrodatenquellen und eine makroökonomische Analyse. Zudem werden Handlungsoptionen abgeleitet, die als Grundlage für künftige Entscheidungen im Gesundheitswesen dienen können.

Untersuchte Berufsgruppen:

813 Gesundheits-, Krankenpflege, Rettungsdienst, Geburtshilfe

817 Nicht ärztliche Therapie und Heilkunde

821 Altenpflege

825 Medizin-, Orthopädie- und Rehatechnik

Insbesondere die Ergebnisse der Auswertung der Berufsgruppe „817 – Nicht ärztliche Therapie und Heilkunde“ sind besorgniserregend. Zu dieser Gruppe gehören neben den Physiotherapeuten auch Ergotherapeuten und Logopäden.

Die öffentlich zugänglichen Datengrundlagen für die Analyse insbesondere der Situation der Physiotherapeuten seien allerdings ungenügend, so Projektleiter Thomas Neldner vom IEGUS. Nicht alle hier zu untersuchenden Berufsgruppen könnten in den verwendeten (beziehungsweise verfügbaren) Datensätzen in vergleichbarer Qualität und Differenzierung untersucht werden. Gesetzliche Vorgaben zur Einhaltung des Datenschutzes, aber auch die teils geringen Fallzahlen führen dazu, dass einzelne Ergebnisse nicht belastbar auswertbar seien.

Hoher Frauenanteil

Die Ergebnisse für unsere Berufsgruppe basieren auf einer Teilnehmeranzahl von 82 Physiotherapeuten. 34,4 Prozent sind selbstständig tätig. Der Frauenanteil liegt bei 77,8 Prozent. 51,8 Prozent der Physiotherapeuten sind in Teilzeit beschäftigt, unter den Frauen sind es sogar mehr als 60 Prozent. Während Schichtarbeit und Bereitschaftsdienste bei den Therapeuten einen sehr geringen Anteil ausmachen, stehen 46,9 Prozent der Therapeuten auch am Wochenende in der Praxis.

Interessant ist die Entwicklung des Durchschnittsalters, das bei den Physiotherapeuten zwischen den Jahren 2000 und 2014 bereits von 35 auf 38 Jahre gestiegen ist – möglicherweise ein erstes Anzeichen von Nachwuchsmangel.

„Insbesondere bedeutsam ist die Prognose für die kommenden Jahre, erklärt Thomas Neldner. „Während die Berufsgruppen der nicht ärztlichen Therapie und Heilberufe im Jahr 2012 mit einem Durchschnittsalter von 38,8 Jahren noch die zweitjüngste Gruppe im nicht ärztlichen Bereich waren, sieht die Prognose für das Jahr 2030 ganz anders aus. Wir erwarten einen Anstieg des Durchschnittsalters auf 47,8 Jahre.“ Dies liege vor allem an der frühen Migration junger Therapeuten in andere Berufe. Ein weiteres Problem sei die große Diskrepanz zwischen tatsächlichem und gesetzlichem Renteneintrittsalter, erklärt Neldner. Durchschnittlich gingen Therapeuten nämlich bereits mit 61,9 Jahren in Rente. Dies seien Zeichen dafür, dass der Beruf weder für junge Berufseinsteiger noch für ältere Arbeitnehmer attraktiv sei. Neben den fehlenden Perspektiven und Entwicklungsmöglichkeiten sei natürlich auch die schlechte Bezahlung ein Grund für die negative Entwicklung.

Das Gehalt ist ein Trauerspiel

Die Analyse der Entlohnung der Beschäftigten zeichnet ein düsteres Bild für die Physiotherapeuten. Im Vergleich zum Gesamtdurchschnitt des Bruttojahresentgeltes aller Vollzeitbeschäftigten liegen die angestellten Physiotherapeuten weit im Rückstand (der Verdienst der Selbstständigen wurde hier nicht einbezogen). Nur medizinische Fachangestellte verdienen noch weniger als Physiotherapeuten. Während ein 25-jähriger angestellter Arbeitnehmer im Gesamtdurchschnitt mit rund 26.600 Euro brutto im Jahr rechnen kann, beginnt ein gleichaltriger Physiotherapeut sein Arbeitsleben mit durchschnittlich 22.000 Euro brutto. Diese Diskrepanz wird mit zunehmendem Alter der Beschäftigten nicht besser – im Gegenteil, der Unterschied wird immer größer. Mit 38 Jahren beispielsweise verdient der Durchschnittsarbeitnehmer rund 39.200 Euro brutto. Der gleichaltrige Physiotherapeut erreicht einen Durchschnittsverdienst von rund 24.400 Euro brutto. Und mit 50 Jahren liegt ein Therapeut bei 29.100 Euro Bruttojahresentgelt, der Gesamtdurchschnitt erreicht in diesem Alter ein Jahresgehalt von fast 41.000 Euro.

Diese Gehaltssituation sei insbesondere irritierend vor dem Hintergrund, dass Physiotherapeuten ihre Ausbildung und auch danach noch eine Reihe von teuren Fortbildungen selbst finanzieren müssten, so Neldner. Die Therapeuten müssten enorm investieren und dieser Aufwand spiegele sich bei Weitem nicht in der Gehaltsentwicklung wider.

Wachstumsmotor Gesundheitswirtschaft

Die Gesundheitswirtschaft ist ein volkswirtschaftlich bedeutsamer Wachstums- und Beschäftigungsmotor. Die Bruttowertschöpfung der Gesundheitswirtschaft insgesamt stieg von 2000 bis 2016 um rund 140 Milliarden Euro, das entspricht einer Steigerung von durchschnittlich 3,4 Prozent pro Jahr. In der Gesamtwirtschaft hingegen betrug die jährliche Zunahme nur 2,2 Prozent.

Ähnlich ist die Entwicklung für die Zahl der Erwerbstätigen. Im Jahr 2016 waren 1,4 Millionen Beschäftigte mehr in der Gesundheitswirtschaft tätig als im Jahr 2000. Das entspricht einer Steigerung von durchschnittlich 1,4 Prozent pro Jahr, ein Wert, der deutlich über dem Prozentsatz von 0,6 für die Gesamtwirtschaft liegt. Das hört sich grundsätzlich gut an – wäre da nicht der immer schlimmere Arbeitskräfteengpass.

Angebot und Nachfrage – eine düstere Prognose

Die Forscher analysierten auch die Angebotsstruktur sowie das Nachfragepotenzial in der Berufsgruppe „817 – Nicht ärztliche Therapie und Heilkunde“ und wagten dabei einen Blick in die Zukunft. Um es kurz zu machen: Dem Arbeitsmarkt stehen weniger Arbeitskräfte zur Verfügung, als gebraucht werden – und das wird in den kommenden Jahren nicht besser, sondern schlechter. Im Jahr 2016 standen dem Arbeitsmarkt 348.000 Arbeitskräfte zur Verfügung, 381.000 Personen wurden jedoch gebraucht. Das entspricht einem relativen Engpass von 8,7 Prozent. Für das Jahr 2030 errechnen die Forscher ein Nachfragepotenzial von rund 426.000 Arbeitskräften. Dem gegenüber steht eine Reduktion der zur Verfügung stehenden Arbeitskräfte auf nur noch 321.000 Personen. Das heißt im Klartext: Der Arbeitskräfteengpass könnte sich sich bis zum Jahr 2030 verdreifachen.

Was tun?

Die Autoren der Studie stellen Optionen mit unterschiedlichen zu erwartenden Effekten auf den Arbeitskräfteengpass dar, und zwar in folgenden Handlungsfeldern:

  1. Erhalt der Beschäftigungsfähigkeit
  2. Reduktion der Berufswechsler
  3. Bildung und bessere Qualifikation
  4. Aufbau einer soliden Datenbasis
  5. Verbesserung der Attraktivität der Berufsbilder
  6. Berücksichtigung der Auswirkungen von Digitalisierung in der Gesundheitswirtschaft
  7. Arbeitsmigration als Baustein

 

Thomas Neldner meint: „Berufe im Gesundheitswesen müssen insgesamt attraktiver werden. Das geht mit dem Gehalt los und mit der positiven Bindung der Mitarbeiter an ihren Beruf weiter. Frauen müssen nach der Familiengründung wieder gerne in den Beruf zurückgehen wollen und ältere Arbeitnehmer brauchen gegebenenfalls Unterstützung durch technische Hilfsmittel bei den körperlich anstrengenden Tätigkeiten, die Berufe im Gesundheitswesen nun mal mit sich bringen. Wenn Perspektiven für eine berufliche Entwicklung fehlen, ist die Gefahr groß, dass die Arbeitnehmer den Beruf wechseln. Die Substitution und Delegation medizinischer Leistungen sei ein wichtiges Thema für die kommende Legislaturperiode, so Neldner. Es gibt also noch viel zu tun. Hoffen wir, dass die gesundheitspolitischen Akteure nun wach sind und die richtigen Entscheidungen treffen. Mit dem neuen Gesetz zur Stärkung der Heil- und Hilfsmittelversorgung ist ein erster wichtiger Schritt getan.

Die Studie zum Download

Autor

Tanja Boßmann

Physiotherapeutin; 2007 Abschluss des Masterstudiums an der Phi­lipps-Universität Marburg; Chefredakteurin, pt_Zeitschrift für Physiotherapeuten; seit 2012 wissenschaftliche Mitarbeiterin Fakultät für Sport- und Ge­sund­heitwissenschaften, FB kons. und rehab. Orthopädie, Technische Universität München.

tanja.bossmann@pflaum.de

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