_Magazin

Akademisierung: Die Aktualisierung der Berufsgesetze ist schon lange überfällig

Im Gespräch mit Arnd Longrée

.

Die bundesweite Aktion des Spitzenverbandes der Heilmittelverbände (SHV) startete am 4. September 2017. Politik, Krankenkassen und die Öffentlichkeit sind die Adressaten der Kampagne. Den Auftakt machte der SHV mit dem Thema Vergütung, im Oktober folgte die Meldung zur Schulgeldfreiheit. Am 6. November 2017 informierte der SHV nun zur Akademisierung. Die pt fragte nach.

.

Arnd Longrée, stellvertretender SHV-Vorsitzender
Foto: DVE

Ein Ziel ist der Wegfall des Modellstatus der primärqualifizierenden Studiengänge – wie möchten Sie dies konkret erreichen?

Der Gesetzgeber hat die Modellklausel auch auf Druck des SHV bis Ende 2021 statt bis 2027 verlängert, dieser Termin liegt in der jetzt laufenden Legislaturperiode. Wir sind deshalb aktuell im Gespräch mit den in den Sondierungs- beziehungsweise Koalitionsverhandlungen befindlichen Parteien. Unser Ziel: die schon lange überfällige Aktualisierung der Berufsgesetze sowie der dazugehörigen Ausbildungs- und Prüfungsordnungen. Dabei sollen die primärqualifizierenden Studiengänge als Regelangebot verankert werden. Diese Weiterentwicklung unserer Berufe gilt es, bereits im Koalitionsvertrag der künftigen Bundesregierung zu platzieren. Wir denken heute schon an morgen, was unsere Berufe angeht. Das gilt selbstverständlich auch für die Themen Vergütung, kostenfreie Ausbildung und Direktzugang.

Inwiefern ist gegebenenfalls auch mit Widerstand zu rechnen und wie gehen Sie damit um?

Die politischen Signale in der auslaufenden Legislaturperiode stimmen uns zuversichtlich, dass wir den Einstieg in die primärqualifizierenden Studiengänge als Regelangebot erreichen können. Parallel dazu braucht es einen deutlichen Ausbau der öffentlichen Studienangebote.

All das sind Etappenziele auf dem Weg zur Akademisierung unserer Berufe. Diese ist im Ausland längst Standard und hat sich im Hinblick auf die Patientenversorgung bewährt. Uns ist bewusst, dass Veränderungen immer mit Widerständen einhergehen. Der Widerstand ist aus unserer Sicht jedoch unbegründet. Es wird keinen radikalen Umbruch geben, sondern eine Umsetzung in Etappen. Eine Weiterentwicklung unserer Berufe beinhaltet auch wissenschaftliche Qualifizierungswege für Therapeuten. Dazu zählen neben den Bachelorstudiengängen auch Masterstudiengänge und Promotionsmöglichkeiten in den einzelnen Therapiedisziplinen.

Was unterscheidet die „fachliche Profilierung“ einer hochschulischen Ausbildung von der Fachkompetenz der gut ausgebildeten Kollegen, die beispielsweise in Manueller Therapie oder anderen vergleichbaren Therapierichtungen ausgebildet sind und sich jahrelang regelmäßig fortgebildet haben?

Dies ist ein schiefer Vergleich, weil Ausbildung und Weiterbildung in Deutschland höchstrichterlich geklärt zwei verschiedene Bereiche sind, die sich nicht überschneiden. Unabhängig von akademischer oder fachschulischer Ausbildung geht es um den Berufseinstieg und nicht darum, erfahrene Berufskollegen mit Berufseinsteigern zu vergleichen. Die hochschulische Ausbildung bietet zwar erweiterte Möglichkeiten zum Kompetenzerwerb, die dann beim Berufseinstieg zur Verfügung stehen. Absolventen von Hochschulen wie Berufsfachschulen sind aber beide Novizen, wenn sie in den Beruf einsteigen, die einen haben jedoch zusätzliches Rüstzeug mit auf den Weg bekommen. Jeder Berufsanfänger muss seinen individuellen Weg in die praktische Berufsausübung finden und Berufserfahrung sammeln.

Therapeuten sind bisher nicht dadurch aufgefallen, dass sie enorme Kosten im Gesundheitswesen verursacht haben. Warum sprechen Sie von „kostensenkenden Veränderungen“?

Ja, da haben Sie vollkommen recht. Auch wenn die Ausgaben für Heilmittel bei nur etwa drei Prozent der Gesamtausgaben liegen, wird dem Heilmittelbereich in den letzten Jahren stets eine „Kostenexplosion“ vorgehalten. Die Kritiker schauen dabei nur auf Zahlen und nicht auf den steigenden Bedarf und den Nutzen unserer Arbeit. Das muss sich ändern. Klar ist, alle Ausgaben im Gesundheitswesen stehen fortlaufend auf dem Prüfstand, auch die Kosten der Heilmittelversorgung. Gerade vor dem Hintergrund des demografischen Wandels wird diese Diskussion uns weiterhin begleiten. „Kostensenkende Veränderungen“ können sich aber beispielsweise auf den einzelnen Fall beziehen. Ziel ist, auf der Basis unserer eigenen therapeutischen Forschung evidenzbasiert festzustellen, welche Maßnahmen in welchem Umfang tatsächlich notwendigerweise der einzelne Patient erhalten sollte. Wenn wir eigenständig über die Maßnahmen entscheiden können, können diese zielgerichteter zur Anwendung kommen. Vor dem bereits bestehenden Mangel an Fachkräften kann das mit dazu beitragen, die Patientenversorgung zu sichern.

Bisher gibt es kaum bessere Verdienstmöglichkeiten für hochschulisch ausgebildete Therapeuten. Wie wollen Sie attraktivere Einkommen erreichen? Was kann man dagegen tun, dass dadurch eine Spaltung innerhalb des Berufs, zwischen hochschulisch und fachschulisch ausgebildeten Therapeuten, entsteht?

Das Thema bessere Vergütung hat oberste Priorität für uns und gilt für alle Berufsangehörigen. Aktuell gibt es erste erfreuliche Schritte hin zu einer besseren Vergütung im ambulanten Sektor aufgrund der politischen Arbeit des SHV. Es geht uns um eine generelle finanzielle Aufwertung unserer Berufe. Davon abgesehen können wissenschaftliche Kompetenzen auch die Basis für Aufstiegsmöglichkeiten sein, die mit einer verbesserten Bezahlung einhergehen. Diese stehen auch den berufsfachschulisch ausgebildeten Therapeuten offen, wenn sie sich zum Beispiel im Rahmen der Durchlässigkeit selbst für ein Studium entscheiden oder sich in anderer Form weiterqualifizieren.

Wie sieht die Zukunft für die Berufsfachschulen langfristig aus, wenn Sie Ihre Ziele wie geplant erreichen?

Sehr viele Berufsfachschulen befinden sich bereits im Umbruch und kooperieren mit Hochschulen. Wir werden einen längeren Übergangszeitraum haben, in dem neben den Hochschulen weiterhin auch die Berufsfachschulen eine Bedeutung für die Fachkräftesicherung haben werden. Für diesen Zeitraum muss auch die Ausbildung an den Berufsfachschulen auf dem höchstmöglichen Niveau gewährleistet werden, was bei den Restriktionen innerhalb dieses Systems nicht auf die leichte Schulter zu nehmen ist. Auf Dauer wird sich zeigen, welche Berufsfachschulen sich am Markt halten werden. Dabei werden Qualität und Nachfrage eine entscheidende Rolle spielen.

Das Gespräch führte Tanja Boßmann

Lesen Sie auch:

Vergütung: Die Erhöhung von zehn Prozent kann nur ein erster Schritt sein

 

Schulgeldfreiheit: Wir halten den Druck in Richtung Politik weiter hoch

pt online 10.11.2017

Autor

Tanja Boßmann

Physiotherapeutin; 2007 Abschluss des Masterstudiums an der Phi­lipps-Universität Marburg; Chefredakteurin, pt_Zeitschrift für Physiotherapeuten; seit 2012 wissenschaftliche Mitarbeiterin Fakultät für Sport- und Ge­sund­heitwissenschaften, FB kons. und rehab. Orthopädie, Technische Universität München.

tanja.bossmann@pflaum.de

Teilen & Feedback