_Praxis

Auf dem Weg nach Rio

Über ein funktionelles und sportartspezifisches Training

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Unsere Autorin ist Sportphysiotherapeutin und hat die Hockey-Nationalspielerin Charlotte Stapenhorst auf Olympia vorbereitet. Erst sah es nicht so aus, als ob die Profisportlerin überhaupt an den Spielen teilnehmen könnte. Ein Bericht über eine erfolgreiche Rehabilitation nach lang andauernden Rückenbeschwerden und einer zusätzlichen Gehirnerschütterung – mit Schwerpunkt Faszientherapie.

Der Traum

Charlotte „Stapy” Stapenhorst träumte seit ihrer frühesten Kindheit von einer Teilnahme an den Olympischen Spielen. Im Alter von erst 20 Jahren begab sich die technisch starke, schnelle und torgefährliche Stürmerin vom Uhlenhorster HC (Hamburg) deshalb auf ihre „Road to Rio”.

Dieser Weg war lang, mitunter auch steinig. Mehr als 100 Lehrgangstage, gemeinsam mit ihren Teamkameradinnen, standen alleine im Jahr 2016 an; darüber hinaus mussten die Kaderathleten neben dem Vereinstraining zu Hause noch Extraschichten schieben. Insgesamt kamen sie dabei in einer durchschnittlichen Woche auf zwei bis drei Ausdauereinheiten, zwei bis drei Kraft- und Sprinteinheiten sowie zwei bis drei Hockeytrainingseinheiten.

Während der Bundesligasaison finden am Wochenende meist zwei Spiele statt – eine enorme Belastung, gerade für junge Sportler. Für Verletzungen ist eigentlich „keine Zeit”, aber natürlich bleiben auch Hockeyspielerinnen davon nicht verschont. Auch Charlotte Stapenhorst nicht.


Die Hauptursache scheint nicht die Muskulatur zu sein

Bereits ein Jahr vor den Spielen in Rio plagten Stapy ständig Rückenschmerzen. Diese waren vor allem im thorakalen und lumbalen Bereich lokalisiert, auch Blockaden der Wirbelsäule und des Beckens waren feststellbar. Auffällig bei Stapy war, dass eine gute Stabilität der Rumpfmuskulatur vorhanden war – daran wurde bereits intensiv und seit frühester Jugend gearbeitet. Eine Instabilität hielt ich daher nicht für die Hauptursache der Rückenbeschwerden.


Anamnese

Während des olympischen Qualifikationsturniers sowie der Europameisterschaft im Jahr 2015 klagte Stapy über wiederkehrende dumpfe Schmerzen sowie Bewegungseinschränkungen in der Lendenwirbelsäule (LWS). Dazu kamen Verhärtungen in der ischiokrualen Muskulatur.

Darüber hinaus stieß Stapy im Januar 2016 mit einer australischen Abwehrspielerin zusammen und zog sich eine Gehirnerschütterung zu, die sie zunächst zu vier Wochen Ruhe zwang.


Befund

  • Tonuserhöhung der Plantarfaszie
  • verringerte Mobilität der Fußwurzel
  • hoher Tonus der ischiocruralen Muskulatur beidseits
  • hypertoner M. iliopsoas
  • erhöhte Zwerchfellspannung
  • Beckenverwringung, Ilium anterior
  • Verklebungen in der Faszia thoracolumbalis (FTL)
  • Blockaden der Iliosakralgelenke (ISG) sowie der Brust- (BWS) und Lendenwirbelsäule (LWS)

 

Nach der Gehirnerschütterung kam es zusätzlich zu erhöhter Spannung der Dura mater und damit verbundenen Blockaden in den Kopfgelenken und der Halswirbelsäule (HWS), hypertoner Nacken- und Kaumuskulatur sowie starken Kopfschmerzen.


Myofasziales System als Ursache?

Nach dem Befund wurde für mich deutlich, dass die Ursache für die Beschwerden im myofaszialen System zu suchen ist, das heißt im Wechselspiel von Faszien, Muskeln und Knochen.

Tom Myers hat dieses Wechselspiel in verschiedene Funktionsketten eingeteilt (1). Das Ziel aller Ketten ist die Aufrichtung des gesamten Körpers sowie dessen Stabilisation. Die oberflächliche Rückenlinie verläuft von der Plantarfaszie über den M. gastrocnemius und die ischiocrurale Muskulatur zum Tuber ischiadicum. Von dort zieht sie weiter über das Lig. sacrotuberale, das Os sacrum, den M. erector spinae und die Linea nuchae zur Galea aponeurotica und dem Os frontale.

Eine Hockeyspielerin hat haltungsbedingt generell viel Spannung. Häufig wird in der Körpermitte eine Spannung produziert, die sich dann in beide Richtungen ausbreitet.

Die Plantarfaszie kann auch Ursprung von Problemen sein, da diese in der weiteren Linie nach kranial übertragen werden. Eine Einschränkung der plantaren Beweglichkeit geht häufig mit einer hohen Spannung der ischiocruralen Muskulatur, einer verstärkten Lumballordose sowie einer Hyperextension der oberen Halswirbel einher.

Die Faszia thoracolumbalis ist ein Teil dieser Kette und verbindet den M. latissimus dorsi und die Bauchmuskulatur mit der Wirbelsäule und dem Beckenkamm. Sie verläuft von der unteren BWS über die LWS bis zum Steißbein. Nach kranial setzt sie sich bis zum Schädel fort, nach dorsal bis in die Faszien der Beine. Die FTL umhüllt den festen Kapsel-Band-Apparat der LWS, den M. erector spinae sowie die tiefen Strukturen der autochtonen Rückenmuskulatur (2).

Als funktioneller Gegenspieler sollte noch der M. iliopsoas genannt werden. Als zentraler Muskel im Körper verbindet er den Oberschenkel mit dem Becken und der LWS. Er sorgt für Stabilität im Rumpf, überträgt die Kraft der Beine auf die Wirbelsäule und ist Ausgangspunkt aller Rotationsbewegungen. Der Hockeyschlag- oder -schiebepass wird durch ein Drehen in der Hüfte eingeleitet. Dabei kontrahiert der M. iliopsoas und der Schwung aus Beinen und Rumpf wird auf den Oberkörper übertragen. Um diese Power des Muskels optimal zu nutzen, muss er gut gedehnt und kontraktionsfähig sein.


Fazit

Als Hockeyspielerin hat Stapy ohnehin haltungsbedingt erhöhte Spannung auf der dorsalen Kette, insbesondere der oberflächlichen Rückenlinie. Hier zeigten sich starke Verklebungen und Verfilzungen der FTL. Diese hatten ihren Ursprung sicherlich zunächst in der starken Trainingsbelastung. Aufgrund der darüber hinaus erlittenen Gehirnerschütterung verstärkten sich die Symptome aber massiv, da die Erschütterung zu einer erhöhten Spannung der Dura mater (3) sowie zu Spannungen der Faszien im Kopfbereich führte. Als Folge nahm die Elastizität der Faszien ab, es entstanden Verklebungen und Verfilzungen. Durch den Verlauf des myofaszialen Systems traten Spannungskopfschmerzen, Bewegungseinschränkungen der gesamten Wirbelsäule, lumbale Rückenschmerzen sowie Verhärtungen der hinteren Oberschenkelmuskulatur auf.

Der M. iliopsoas als funktioneller Gegenspieler wies bei Stapy eine viel zu hohe Spannung auf und übte zusätzlichen Druck auf das Hüftgelenk und die LWS aus. Die Beckenaufrichtung beziehungsweise Entlordosierung zur Dehnung der FTL und zur lumbalen Stabilisation waren eingeschränkt.

An diesem Fall wird deutlich: Die Rumpfmuskulatur kann noch so gut trainiert sein – wenn sie nicht in der Faszienhülle gleitet, kommt es zu der oben genannten Symptomatik.


Interdisziplinär!

Der Nominierungstermin für die Olympischen Spiele war für Ende April 2016 vorgesehen. Dadurch war schnell klar, dass uns ein Wettlauf mit der Zeit bevorstand, zumal nach der Gehirnerschütterung erst einmal absolute Ruhe eingehalten werden musste. Ich hielt es aufgrund der Gesamtsituation für absolut notwendig, eine interdisziplinäre Rehabilitation durchzuführen, bestehend aus Orthopädie, Physiotherapie, Osteopathie, Training und neuropsychologischer Betreuung.

Zunächst schloss der Orthopäde eine strukturelle Verletzung aus, überprüfte die kognitiven Funktionen und die Gehirnleistung (Behandlung der Funktionsstörung im muskuloskelettalen Bereich). Neuropsychologische Tests, durchgeführt von einer Neuropsychologin, erfolgten unterstützend und erleichterten die Verlaufsbeurteilung der Gehirnerschütterung. In der Physiotherapie behandelte ich die Faszien manuell und mobilisierte sämtliche Gelenke. In den osteopathischen Sitzungen stand die Behandlung der Dura mater sowie des extra- und intrakraniellen Systems im Vordergrund.

Im Verlauf der Rehabilitation intensivierten wir die Trainingsinhalte fortlaufend. Norbert Sibum, Reha-Trainer vom Olympia-Stützpunkt Hamburg, erstellte dabei einen Trainingsplan, der vor allem die Verbesserung der Ausdauer und der Kraft vorsah.

Dauer und Intensität des Trainings wurden an die Symptomatik angepasst, wodurch die Belastung gerade nach der Gehirnerschütterung erst einmal sehr gering war.

Da Stapy auch bei sehr geringen Trainingsumfängen zunächst Belastungskopfschmerzen bekam, war es für uns besonders wichtig, die Trainingssteuerung in engem Austausch zu gestalten, um die Intensität stetig – eigentlich täglich – neu an die aktuelle Symptomatik anzupassen.

Es hat sich hier deutlich gezeigt, wie wertvoll die interdisziplinäre Therapie sein kann.

Abb. 1 Erlernen der aktiven Entlordosierung mit anschließender Lordosierung
Abb. 1 Erlernen der aktiven Entlordosierung mit anschließender Lordosierung
Abb. 2 Hinunterrutschen am Hockeyschläger zur Verbesserung der Gleitfähigkeit der Faszia thoracolumbalis Abb. 3 Dynamisches Aufrollen mit Pezziball zur Mobilisation der oberflächlichen Rückenlinie
Abb. 2 Hinunterrutschen am Hockeyschläger zur Verbesserung der Gleitfähigkeit der Faszia thoracolumbalis Abb. 3 Dynamisches Aufrollen mit Pezziball zur Mobilisation der oberflächlichen Rückenlinie
 
Abb. 4a, b Kettlebell Swing abb._4b
 Abb. 4a, b Kettlebell Swing

Die Therapie

In der von mir durchgeführten Trainingstherapie lag der Schwerpunkt auf funktionellem Training sowie sportartspezifischem Faszientraining. Trainiert wird dynamisch, gut rhythmisiert und mit einem großen Bewegungsausmaß, da man möglichst viele Muskel- und Faszienketten erreichen möchte.

Als Erstes erlernte Stapy die aktiv bewusste Entlordosierung der LWS (Abb. 1) und die damit verbundene aktive Stabilisierung der Lenden-Becken-Hüft(LBH)-Region. Nur mit einer dynamisch stabilen LBH-Region können selektive Bewegungen von oberer und unterer Extremität entkoppelt voneinander stattfinden. Das heißt bei dieser Übung: zuerst in die Entlordosierung gehen und danach wieder in die Lordosierung; der Rest des Körpers bleibt stabil.

Jede Trainingseinheit hatte zum Ziel, die oberflächliche Rückenlinie zu mobilisieren, um damit ihre Gleitfähigkeit zu verbessern. Dies gelingt durch das Hinunterrutschen in den Squat mit aktiver Entlordosierung an einem Stab oder Hockeyschläger (Abb. 2) oder durch ein dynamisches Aufrollen mit einem Pezziball zwischen den Beinen (Abb. 3).

Eine Mobilisation der oberflächlichen Rückenlinie sowie die aktive Stabilisation werden auch beim Kettlebell Swing trainiert: komplette Dehnung in Flexion mit anschließender Stabilisation in der vollständigen Extension. Wichtig dabei ist, dass die Bewegungen aus dem Becken eingeleitet werden (Abb. 4a, b).

Die Abbildungen 5a und b zeigen eine dynamische Stabilisation auf dem Pezziball bei gleichzeitiger Mobilisation der dorsalen Kette. Beim langsamen Heranziehen der Beine stabilisiert Stapy die LBH-Region nicht statisch, sondern achtet darauf, dass diese sich während der Flexion mitbewegt. Sind die Beine gestreckt, soll sie nicht in eine Hyperlordose fallen, sondern wieder kontrolliert dynamisch stabilisieren. Abbildung 5c zeigt eine Variation, bei der die oberflächliche Rückenlinie in fast vollständige Dehnung gebracht wird.

Zur Verbesserung der Beweglichkeit und Gleitfähigkeit von Muskulatur, faszialem Gewebe sowie Gelenken werden Übungen auch dreidimensional und in komplexen Bewegungsmustern trainiert (Abb. 6).

Mit Fortschreiten der Trainingseinheiten gingen wir immer mehr dazu über, in hockeyspezifischen Bewegungsmustern zu trainieren. Bei einem Hockeyschlag entsteht die Kraft über den Abdruck der Beine zum Becken. Wenn die Kraft ungehindert durch einen dynamisch stabilen Rumpf auf die Arme und somit auch auf den Schläger übertragen werden kann, kann der Spieler den Ball am härtesten schlagen.

Die Abbildungen 7a und b zeigen hockeyspezifische Übungen am Seilzug im Stand auf Drehbrettern. Diese Übungen fördern zudem die Koordinationsfähigkeit. Essenziell ist dabei, auch die Gegenbewegungen zu trainieren, wie in Abbildung 8 (am Seilzug) demonstriert wird.

Ein letzter wichtiger Gesichtspunkt unserer Trainingstherapie war es, nach der überstandenen Gehirnerschütterung die Konzentrations-, Koordinations- und Reaktionsfähigkeit zu fördern. Dies erfolgte meist auf eine spielerische Art mit Hockeyschlägern und Bällen (Abb. 9, 10).

Ganz wesentlich bei Stapys Therapie war die enge Verknüpfung von Therapie und Training: So konnten die schnellstmögliche Steigerung der Belastung und die kürzestmögliche Regenerationszeit erreicht werden, ohne jedoch eine Überlastung hervorzurufen.

Als roter Faden diente eine ausgewogene Kombination von faszialen und muskulären Trainingsaspekten, die eine Verbesserung von Kraft, Koordination und Schnelligkeit ermöglichten.

Stapy und ihr Körper haben auf diese Trainingskombination hervorragend reagiert. Auch wenn aufgrund der Kürze der Zeit einige Skeptiker ihre rechtzeitige Genesung anzweifelten, so konnte sie doch ihre Leistungsfähigkeit wiedergewinnen und wurde für das olympische Turnier nominiert.

Abb. 5a–c Dynamische Stabilisation auf dem Pezziball bei gleichzeitiger Mobilisation der oberflächlichen Rückenlinie im Unterarmstütz abb._5b abb._5c
Abb. 5a–c Dynamische Stabilisation auf dem Pezziball bei gleichzeitiger Mobilisation der oberflächlichen Rückenlinie im Unterarmstütz
 
Abb. 6 Training in komplexen Bewegungsmustern, hier mit Thera-Band Abb. 7a, b Hockeyspezifische Übung des Vorhandschlages am Seilzug im Stand auf Drehbrettern abb._7b
 Abb. 6 Training in komplexen Bewegungsmustern, hier mit Thera-Band Abb. 7a, b Hockeyspezifische Übung des Vorhandschlages am Seilzug im Stand auf Drehbrettern
 
Abb. 8 Trainieren der Gegenbewegung: Diese entspricht im Hockey dem Rückhandschlag Abb. 9, 10 Übungen zur Förderung der Konzentrations-, Koordinations- und Reaktionsfähigkeit: Diese spielten angesichts der überstandenen Gehirnerschütterung eine sehr wichtige Rolle in der Rehabilitation. abb._10
Abb. 8 Trainieren der Gegenbewegung: Diese entspricht im Hockey dem Rückhandschlag Abb. 9, 10 Übungen zur Förderung der Konzentrations-, Koordinations- und Reaktionsfähigkeit: Diese spielten angesichts der überstandenen Gehirnerschütterung eine sehr wichtige Rolle in der Rehabilitation.

 

 

pt-Fachvideo
Die Therapie noch mal im pt-Fachvideo anschauen?


Ziel erreicht

All die Trainings- und Therapieeinheiten sollten sich auszahlen: Die deutschen Hockeydamen gewannen, für viele überraschend, die Bronzemedaille – für Stapy und die Mädels ein riesiger Erfolg! Für mich war es am schönsten, sie beschwerdefrei sieben Spiele in zehn Tagen absolvieren zu sehen.

 

Anmerkung:
Alle Abbildungen: Therapiezentrum HafenCity

 

Heftnummer: 7-2017


Literatur

1) Myers TW. 2004. Anatomy Trains. München: Urban & Fischer

2) Stecco C. 2016. Atlas des menschlichen Fasziensystems. München: Urban & Fischer

3) Schleip R, Findley TW, Chaitow L, Huijing PA. 2014. Lehrbuch Faszien. Grundlagen – Forschung – Behandlung. München: Urban & Fischer

Autor

Julia Boie

Physiotherapeutin, Osteopathin, DOSB-Sportphysiotherapeutin, funktionelle Faszientrainerin; zehn Jahre im Olympiastützpunkt Hamburg / Schleswig-Holstein tätig, Betreuung der Hamburger Kernsportarten Schwimmen, Hockey und Beachvolleyball; 2011–2016 Betreuung der Damen-Hockey-Nationalmannschaft; Physiotherapeutin des Eishockey-DEL-Teams der Hamburg Freezers.

jb@tz-hafencity.de

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