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Auf „Tour de Spahn 2019“

Heiko Schneider im Gespräch.

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Fast genau ein Jahr nach der ersten „Tour de Spahn“ (1) gingen Therapeuten am Limit (TAL) Ende Mai / Anfang Juni 2019 erneut auf Protestradtour. Dieses Mal war es eine Sternfahrt, die gleichzeitig an mehreren Orten begann und wieder vor dem Bundesgesundheitsministerium in Berlin endete. Im vergangenen Jahr ist berufspolitisch viel passiert. Wir haben Heiko Schneider gefragt, warum er noch einmal aufs Rad gestiegen ist.

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Heiko Schneider radelt für Schulgeldfreiheit.

Lieber Heiko, wenn du auf das vergangene Jahr zurückblickst, was ist dein erster Gedanke?

Das letzte Jahr war verbunden mit extrem viel Arbeit, sehr viel am Limit sein. Aber jetzt mit mehr Hoffnung.

Was habt ihr im vergangenen Jahr erreicht?

Wir Therapeuten bekommen mehr Aufmerksamkeit, vor allem aus der Politik. Es findet insgesamt auch mehr Kommunikation mit Politikern statt. Aber vor allem auch innerhalb der Therapeutenwelt: Die Kommunikation untereinander war noch nie so intensiv, sie ist zum Teil sehr kontrovers, aber eben auch intensiv.

Was mich dabei am meisten freut, ist, dass die Politik bereit ist, auf die Therapeuten zuzugehen. Das Interesse an den Heilmittelerbringern ist geweckt. Ohne dieses Interesse geht nix. Wir wurden eigentlich in der Vergangenheit gar nicht wahrgenommen. Das hat sich verändert und das freut mich sehr! Außerdem haben wir viele Kollegen aus ihrer Lethargie geholt!

Warum seid ihr 2019 erneut auf Tour gegangen?

Die Tour 2019 war primär den Schülerinnen und Schülern gewidmet. Die Schulgeldfreiheit ist ja eigentlich schon beschlossen, aber fast nirgends umgesetzt. An den Schulen geht nach wie vor die Existenzangst um. Deshalb haben wir diese Tour der Schulgeldfreiheit und der Ausbildungsvergütung gewidmet. Nach der Schulgeldfreiheit muss flächendeckend die Ausbildungsvergütung her!

Durch das Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) hat sich schon einiges verändert. TAL fordert, dass die Basis laut bleiben muss. Welche Forderungen stellt ihr noch?

Das TSVG schafft ja nicht automatisch die Angleichung an die an einen Tarifvertrag gebundenen Kollegen. Es wird viel von einer Preiserhöhung von 30 Prozent gesprochen. Viele verstehen nicht, dass durch den Heilmittelmix 30 Prozent nicht immer echte 30 Prozent sind. Ich kenne viele Praxisinhaber, die sich selbst weniger berücksichtigen als ihre Angestellten. Auch Inhaber kleiner und mittelgroßer Praxen müssen überleben können und sich Renten erarbeiten können, ohne 60 Stunden pro Woche arbeiten zu müssen. Das muss alles noch gerechter werden.

Was würde zu mehr Gerechtigkeit führen?

Am besten wäre ein Minutenpreis von 1,50 Euro.

Ihr wollt auch die Zuzahlungen abschaffen. Warum?

Die Zuzahlungen treffen vor allem die, die es nicht treffen darf: die chronisch Kranken. Menschen, die selbst nicht viel haben. Die Patienten, die finanziell stabil sind, juckt das nicht. Was soll damit gesteuert werden? Das System ist nicht logisch. Das ist eine Ungerechtigkeit, die aus der Welt geschafft werden muss!

Außerdem brauchen wir die Förderung und Finanzierung einer sachgerechten Versorgungsforschung, die nicht nur auf Wirtschaftlichkeit abzielt, sondern die Patientenversorgung in den Mittelpunkt stellt!

Das Ganze ist auch eine extreme Energieleistung. Wie schaffst du das alles?

Meine Kraft ziehe ich immer noch aus den Briefen (2, 3). Diese Briefe beeinflussen mich sehr stark. Ich kann mir gut vorstellen, irgendwann noch mal ganz alleine auf Tour zu gehen und die Praxen gezielt anzufahren, um zu fragen: Was ist passiert? Was haben wir erreicht?

Zu vielen Verfassern habe ich eine Verbindung aufgebaut. Wenn ich da irgendwann das Feedback habe: „Ich kann mir eine Rente erarbeiten und in Urlaub fahren“, dann habe ich mein Ziel erreicht.

Man könnte das auch „Robin-Hood-Syndrom“ nennen …

(Lacht). Mir ist ganz wichtig: Viele Kollegen denken immer noch, dass sie schuld an der Situation sind. Darauf reagiere ich sofort: Es liegt am Hamsterrad, an den schlechten Rahmenbedingungen. Die müssen wir ändern!

Ich höre von Kollegen immer noch solche Sätze: „Ich finde niemanden mehr“, „Durch einen Krankheitsfall können wir die Ausfälle nicht mehr kompensieren“, „Wir müssen runterschrumpfen, haben Angst vor Insolvenz.“ Solange ich das höre, mache ich weiter! Wenn wir „Therapeuten am Limit“ irgendwann in „Therapeuten sind glücklich“ umbenennen können, dann sind wir fertig!

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Gespräch führte Jörg Stanko.

 

 

 

Literatur

  1. Stanko J. 2018. „Tour de Spahn – von einem, der auszog, weil ihn sein Therapeutenjob in die Insolvenz führt“. physiotherapeuten.de/tour-de-spahn-von-einem-der-auszog-weil-ihn-sein-therapeutenjob-in-die-insolvenz-fuehrt; Zugriff am 29.5.2019
  2. Höppner H, Beck EM. 2019. Verärgerte Therapeuten. Eine qualitative Auswertung der Brandbriefe. Z. f. Physiotherapeuten 71, 2:12–5
  3. Höppner H, Beck EM. 2019. Therapeutinnen am Limit verstehen. Fortsetzung der qualitativen Studie der Brandbriefe. Z. f. Physiotherapeuten 71, 4:14–9

 

Heft 07-2019

Autor

Jörg Stanko

Physiotherapeut seit 1992; bis 2013 in verschiedenen Praxen und Krankenhäusern tätig; Schriftsteller; schreibt Romane, Kinder­bücher und Ruhrgebietskrimis; Referent für kreatives Schreiben; Vater eines Sohnes; freier pt-Autor und pt-Redakteur

stanko@pflaum.de

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