_Evidenzbasierte Therapie

Chronische Rückenschmerzen: Profitieren Betroffene von einer zusätzlich zur Übungstherapie durchgeführten Schmerzedukation?

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Grafiken: adik / shutterstock.com

Kreuzschmerzen sind die häufigste muskuloskelettale Erkrankung und stellen auch deswegen einen großen Kostenfaktor dar, weil Betroffene in ihrer Arbeitsfähigkeit eingeschränkt werden. Studien zeigen, dass insbesondere chronische Patienten neben therapeutischen Übungen auch von einem besseren Verständnis der Entstehung und Beeinflussung von Schmerzen profitieren. Daher randomisierte ein belgisch-spanisches Forscherteam 56 Patienten mit chronischen unspezifischen lumbalen Rückenschmerzen seit mindestens sechs Monaten entweder in eine Interventionsgruppe oder eine Kontrollgruppe (n = 28). Während Letztere die gängige Therapie aus Übungen zur Verbesserung der motorischen Kontrolle, Stretching und aerobem Training erhielt, bekamen die Probanden der Interventionsgruppe (n = 28) dieselbe Therapie und zusätzlich zwei Gruppensitzungen Edukation über Schmerz-Neurophysiologie von 30 bis 50 Minuten Dauer (vier bis sechs Teilnehmer pro Gruppe). Eingeschlossen wurden spanische Muttersprachler zwischen 20 und 75 Jahren. Zu den Ausschlusskriterien gehörten Radikulopathie, Tumorschmerzen, Osteoporose, entzündliche Arthritis, Frakturen und die zeitgleiche Therapie der Rückenschmerzen mithilfe einer anderen Maßnahme. Alle Patienten waren hochgradig zentral sensibilisiert, gemessen mit dem Central Sensitization Inventory (CSI). Beim ersten Termin erlernten alle Probanden die Übungen und wurden von einem Physiotherapeuten bedarfsgerecht korrigiert. Die Edukationsgruppe erhielt zusätzlich ihren ersten Edukationstermin, die Inhalte orientierten sich unter anderem an dem Buch „Explain Pain“ von David Butler und Lorimer Moseley. Alle Teilnehmer sollten täglich zu Hause die Übungen durchführen, ihre Compliance dokumentierten sie selbst. Beim zweiten Termin einen Monat später wurde die Übungsausführung nochmals kontrolliert und der zweite Edukationstermin durchgeführt (je nach Gruppenzugehörigkeit). Direkt nach der Intervention sowie nach einem und drei weiteren Monaten erfolgten die Nachuntersuchungen. Die Wissenschaftler erhoben die klinischen Zielgrößen Schmerzintensität, Druckschmerzhaftigkeit, Beweglichkeit, Grad der Behinderung, Katastrophisierung, Bewegungsangst und wahrgenommene Effektivität der Maßnahme mit folgenden Assessments: Numerische Schmerzskala, Fisher-Algometer, Finger-Boden-Abstand, Roland Morris Disability Questionnaire (RMDQ), Pain Catastrophizing Scale (PCS), Tampa Scale for Kinesiophobia (TSK) und Patient Global Impression of Change (PGIC). Alle Probanden hatten direkt nach Studienende weniger Schmerzen. Im Vergleich zu den Kontrollpersonen wies die Interventionsgruppe nach weiteren drei Monaten deutlich weniger Schmerzen auf, die klinisch relevant waren (hohe Effektstärke d = 1,37). Auch in den sekundären Parametern (Finger-Boden-Abstand, RMDQ, TSK, PCS, Druckschmerzschwelle) war die Edukationsgruppe überlegen (moderate bis hohe Effektstärke d = 0,75 bis 3,24). Die Autoren kommen daher zu dem Schluss, dass die Kombination aus therapeutischen Übungen und Edukation zur Schmerzphysiologie Patienten mit chronischen Kreuzschmerzen besser hilft als eine alleinige Übungstherapie. Eine Limitation dieser Studie ist das Fehlen einer Kontrollgruppe ohne jegliche Therapie.

Central Sensitization Inventory (CSI)
Der Fragebogen screent anhand von 25 Fragen, ob Symptome einer zentralen Sensibilisierung vorliegen, und schließt andere Ursachen aus. Er wird derzeit von einem deutschen Forscherteam übersetzt, die Validierung soll noch 2018 beginnen.
Quelle: Laekeman M, et al. 2017. Zentrale Sensibilisierung erkennen. Der Central Sensitization Inventory wird ins Deutsche übersetzt und validiert. Z. f. Physiotherapeuten 5:71–3

 

Quelle: Gema BP, et al. 2017. Pain neurophysiology education and therapeutic exercise for patients with chronic low back pain: a single-blind randomized controlled trial. Arch. Phys. Med. Rehabil. Nov 11. [Epub ahead of print]

Link zum Abstract: www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/29138049

 

Heft 02-2018


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pt_Redaktion

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