_Evidenzbasierte Therapie

Cochrane Update 4 2019

PT-relevante CRs der Cochrane Library Ausgabe 2 / 2019 (1. bis 28. Februar)

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Ein Beitrag von Cordula Braunund Tanja Boßmann2

Wir suchen für Sie

Die systematischen Übersichtsarbeiten der Cochrane Collaboration, Cochrane Reviews (CRs), sind weithin als Goldstandard für systematische Reviews zu Fragestellungen aus allen Bereichen der Gesundheitsversorgung anerkannt. Wir möchten Ihnen den Zugang zu dieser bedeutsamen Quelle hochwertiger Evidenz so einfach wie möglich machen, um Sie darin zu unterstützen, aktuelle Cochrane-Evidenz im Sinne der evidenzbasierten Physiotherapie in Ihre tägliche Praxis einzubeziehen. Deshalb durchsuchen wir für Sie regelmäßig die Cochrane Library, „Heimatort“ aller CRs, nach allen neu publizierten, das heißt neuen oder neu aktualisierten CRs mit Relevanz für die Physiotherapie (PT) in Deutschland und stellen diese kompakt für Sie zusammen – in einer tabellarischen Übersicht, die eine von uns formulierte, auf Deutsch verfasste klinische Fragestellung sowie Kerninformationen zu jedem CR enthält.

Wir übersetzen für Sie

Aus allen relevanten Neuzugängen einer Monatsausgabe der Cochrane Library wählen wir je nach Verfügbarkeit und Eignung ein bis zwei CRs aus, deren „Plain Language Summary“ (laienverständliche Zusammenfassung, kurz: PLS) wir ins Deutsche übersetzen: Zu jedem CR gibt es neben dem Abstract, der wissenschaftlichen Zusammenfassung, ein solches PLS, in dem die wesentlichen Reviewinhalte insbesondere medizinischen Laien und Menschen ohne wissenschaftliche Kenntnisse verständlich vermittelt werden sollen. All unsere PLS-Übersetzungen werden nach ihrer Fertigstellung in der Cochrane Library publiziert, wo sie dauerhaft für jedermann frei zugänglich sind – zu finden über die in der tabellarischen Übersicht angegebenen Links zu den Reviews; die PLS befinden sich in der Cochrane Library jeweils unter dem Abstract. Im Anschluss an die tabellarische Übersicht drucken wir in der Regel ein übersetztes PLS ab. Die Verfügbarkeit eines deutschen PLS kennzeichnen wir in der Übersicht für jeden CR durch ein Flaggensymbol (siehe Legende).

Unsere methodische Vorgehensweise

Informationen zu unseren Kriterien für die Beurteilung der PT-Relevanz sowie zu unserer Vorgehensweise bei der Erstellung der PLS-Übersetzungen finden Sie in unseren Einführungsartikeln (siehe Infos zur Methodik).

 


PLS-Übersetzung

Thomas LH, et al. 2019. Interventions for treating urinary incontinence after stroke in adults

Link zum CR: www.cochranelibrary.com/cdsr/doi/10.1002/14651858.CD004462.pub4/full


Maßnahmen zur Behandlung Erwachsener mit Harninkontinenz nach Schlaganfall

Reviewfrage

Wir wollten die Wirksamkeit von Maßnahmen untersuchen, deren Ziel die Behandlung einer Harninkontinenz bei Erwachsenen ist, die einen Monat oder länger zuvor einen Schlaganfall erlitten hatten.

Hintergrund

Die Hälfte aller im Krankenhaus behandelten Schlaganfall-Patienten ist von einer Harninkontinenz (auch Urininkontinenz) betroffen. Zu den Symptomen der Harninkontinenz zählen der unwillkürliche Verlust von Harn (Urin), ein starker Drang zum Wasserlassen (Dranginkontinenz) oder der Abgang von Harn beim Lachen oder Niesen (Stressinkontinenz). Diese Symptome sind bei Schlaganfall-Patienten ausgeprägter als bei anderen Menschen mit Harninkontinenz. Sie bewirken bei den Betroffenen Schamgefühle sowie psychischen Stress und beeinträchtigen ihre Teilnahme an Rehabilitationsmaßnahmen. Eine Harninkontinenz beeinträchtigt das Selbstwertgefühl – Depressionen sind häufig. Die Inkontinenz hat auch eine große Auswirkung auf die Familien und kann den Zeitpunkt der Entlassung der Betroffenen nach Hause beeinflussen.

Foto: Tupungato / shutterstock.com

Recherchedatum

Die Recherche ist auf dem Stand vom 1. November 2017.

Studienmerkmale

Wir fanden 20 Studien mit 21 Vergleichen, die 1.338 Menschen einschlossen. Diese Studien umfassten verschiedene verhaltensorientierte Therapien (zum Beispiel Beckenbodentraining), alternative Therapien (zum Beispiel manuelle Akupunktur oder Elektroakupunktur), physikalische Therapien (zum Beispiel transkutane elektrische Nervenstimulation – TENS) und Medikamente (zum Beispiel Oxybutynin, Östrogene). Eine Studie untersuchte die Wirksamkeit der Untersuchung und Therapie durch eine für die Inkontinenzbehandlung speziell ausgebildete Pflegekraft. Die Vergleichsgruppen erhielten hauptsächlich entweder die „herkömmliche Versorgung“ oder keine Therapie.

Hauptergebnisse

Wir ermittelten, dass verhaltensorientierte Behandlungsmaßnahmen möglicherweise die Zahl von Inkontinenzepisoden innerhalb von 24 Stunden reduzieren, möglicherweise aber nur einen geringen oder keinen Unterschied für die Lebensqualität bewirken. Die Durchführung der Maßnahme durch eine für die Inkontinenzbehandlung speziell ausgebildete Pflegekraft bewirkt jedoch wahrscheinlich nur einen geringen oder keinen Unterschied in der Zahl der Patienten, die drei Monate nach der Therapie kontinent sind (das heißt keine Inkontinenz mehr haben). Alternative Therapien wie Akupunktur steigern möglicherweise die Zahl der Patienten, die nach der Behandlung kontinent sind. Physikalische Therapien wie die transkutane elektrische Nervenstimulation verringern möglicherweise die durchschnittliche Zahl von Inkontinenzepisoden innerhalb von 24 Stunden und verbessern wahrscheinlich funktionelle Fähigkeiten.

Qualität der Evidenz

Die Qualität der Evidenz (des wissenschaftlichen Belegs) war aufgrund der mangelhaften Beschreibung von Studiendetails (vor allem in den älteren Studien) und der geringen Anzahl von Studienteilnehmern für die meisten Vergleiche begrenzt. In über der Hälfte der Studien wurden keine Angaben zu Nebenwirkungen gemacht. Schlussfolgerung der Autoren Es besteht ein Bedarf an hochwertigen Studien, die verschiedene Therapieansätze mit der herkömmlichen Versorgung oder keiner Behandlung an einer großen Anzahl von Teilnehmern vergleichen.

Mit freundlicher Genehmigung durch die Cochrane Library

Anmerkungen

1 hochschule 21 Buxtehude, Studiengang Physiotherapie

2 Richard Pflaum Verlag GmbH & Co KG, pt Zeitschrift für Physiotherapeuten

Heft 04-2019


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