_Evidenzbasierte Therapie

Cochrane Update 7 2019

PT-relevante CRs der Cochrane Library Ausgabe 5 / 2019 (1. bis 31. Mai)

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Ein Beitrag von Cordula Braunund Tanja Boßmann2

Wir suchen für Sie

Die systematischen Übersichtsarbeiten der Cochrane Collaboration, Cochrane Reviews (CRs), sind weithin als Goldstandard für systematische Reviews zu Fragestellungen aus allen Bereichen der Gesundheitsversorgung anerkannt. Wir möchten Ihnen den Zugang zu dieser bedeutsamen Quelle hochwertiger Evidenz so einfach wie möglich machen, um Sie darin zu unterstützen, aktuelle Cochrane-Evidenz im Sinne der evidenzbasierten Physiotherapie in Ihre tägliche Praxis einzubeziehen. Deshalb durchsuchen wir für Sie regelmäßig die Cochrane Library, „Heimatort“ aller CRs, nach allen neu publizierten, das heißt neuen oder neu aktualisierten CRs mit Relevanz für die Physiotherapie (PT) in Deutschland und stellen diese kompakt für Sie zusammen – in einer tabellarischen Übersicht, die eine von uns formulierte, auf Deutsch verfasste klinische Fragestellung sowie Kerninformationen zu jedem CR enthält.

Wir übersetzen für Sie

Aus allen relevanten Neuzugängen einer Monatsausgabe der Cochrane Library wählen wir je nach Verfügbarkeit und Eignung ein bis zwei CRs aus, deren „Plain Language Summary“ (laienverständliche Zusammenfassung, kurz: PLS) wir ins Deutsche übersetzen: Zu jedem CR gibt es neben dem Abstract, der wissenschaftlichen Zusammenfassung, ein solches PLS, in dem die wesentlichen Reviewinhalte insbesondere medizinischen Laien und Menschen ohne wissenschaftliche Kenntnisse verständlich vermittelt werden sollen. All unsere PLS-Übersetzungen werden nach ihrer Fertigstellung in der Cochrane Library publiziert, wo sie dauerhaft für jedermann frei zugänglich sind – zu finden über die in der tabellarischen Übersicht angegebenen Links zu den Reviews; die PLS befinden sich in der Cochrane Library jeweils unter dem Abstract. Im Anschluss an die tabellarische Übersicht drucken wir in der Regel ein übersetztes PLS ab. Die Verfügbarkeit eines deutschen PLS kennzeichnen wir in der Übersicht für jeden CR durch ein Flaggensymbol (siehe Legende).

Unsere methodische Vorgehensweise

Informationen zu unseren Kriterien für die Beurteilung der PT-Relevanz sowie zu unserer Vorgehensweise bei der Erstellung der PLS-Übersetzungen finden Sie in unseren Einführungsartikeln (siehe Infos zur Methodik).

 


Kommentar

Wir freuen uns, Ihnen in dieser Ausgabe einen neu publizierten Cochrane Review vorzustellen, den Cordula Braun gemeinsam mit einer britischen Kollegin, Cliona McRobert, erstellt hat. Es handelt sich um die Aktualisierung eines 2006 erstmalig publizierten Reviews, der zuletzt 2014 aktualisiert wurde.

Cordula Braun zu diesem Review:

„Der Review ist für Physiotherapeuten insofern von Interesse, als er die derzeit verfügbare Evidenz zum konservativen Management nach geschlossener (manueller) Reposition einer traumatischen Schulterluxation darstellt. Dennoch werden Physiotherapeuten bei der Lektüre vermutlich ein wenig enttäuscht sein, denn: Er enthält nichts wirklich ‚Physiotherapeutisches‘. Uns beiden ReviewAutorinnen ist es genauso gegangen: Als wir mit der Arbeit an der Aktualisierung begannen, wussten wir zwar, dass alle bisherigen randomisierten kontrollierten Studien sich ausschließlich mit dem Vergleich der initialen Ruhigstellung des Arms in Innenrotation versus der initialen Ruhigstellung des Arms in Außenrotation befasst hatten, waren jedoch guter Hoffnung, dass sich dies in der Zwischenzeit geändert hatte. Dies war letztendlich jedoch nicht der Fall: Nach wie vor gibt es keine randomisierten kontrollierten Studien zur konservativen Nachbehandlung einer primären traumatischen Schulterluxation nach geschlossener Reposition und initialer Ruhigstellung – eine klare Forschungslücke. Einen Hoffnungsschimmer (aus Physiotherapeutensicht) für die nächste Aktualisierung des Reviews gibt es jedoch: Drei der fünf in dem Review identifizierten noch laufenden (‚ongoing‘) randomisierten kontrollierten Studien befassen sich mit verschiedenen Aspekten der Rehabilitation, darunter der Vergleich zweier Rehabilitationsstrategien, der Einbezug einer Smartphone-App und die Evaluation eines neuromuskulären Übungsprogramms (siehe Seite 18 des Reviews)“.


PLS-Übersetzung

Braun C, et al. 2019. Conservative management following closed reduction of traumatic anterior dislocation of the shoulder.

Link zum CR: www.cochranelibrary.com/cdsr/doi/10.1002/14651858.CD004962.pub4/full


Nichtoperative Behandlung nach nichtoperativer Reposition einer traumatischen vorderen Schulterluxation

Hintergrund

Eine akute vordere Schulterluxation ist eine Verletzung, bei der das obere Ende des Oberarmknochens nach vorne aus der Gelenkpfanne gedrückt wird. Danach ist die Schulter weniger stabil und anfällig für eine teilweise oder vollständige ReLuxation (erneute Luxation), insbesondere bei aktiven jungen Erwachsenen. Die Erstbehandlung besteht darin, das Gelenk wieder in seine ursprüngliche Stellung zu bringen. Dies wird als „geschlossene Reposition“ bezeichnet, wenn es ohne Operation durchgeführt wird. Die anschließende Behandlung ist häufig konservativ (nichtoperativ) und beinhaltet in der Regel eine Phase der Ruhigstellung des verletzten Arms in einer Schlinge oder Schiene, gefolgt von Übungen.

Foto: ilovecoffeedesign / Shutterstock.com

Fragestellung des Reviews

Welchen Nutzen und Schaden haben verschiedene konservative Interventionen zur Behandlung von Menschen nach geschlossener Reposition einer erstmaligen traumatischen (verletzungsbedingten) vorderen Schulterluxation? Dies ist eine Aktualisierung eines Cochrane Reviews, der 2006 erstmals veröffentlicht und zuletzt 2014 aktualisiert wurde.

Wir haben die Evidenz aus klinischen Studien überprüft, in denen eine beliebige konservative Intervention (zum Beispiel Ruhigstellung, Rehabilitation) mit keiner Behandlung oder einer anderen Maßnahme verglichen wurde, oder in denen verschiedene Varianten einer Maßnahme (zum Beispiel eine unterschiedliche Dauer) miteinander verglichen wurden. Die uns interessierenden primären Endpunkte waren Re-Luxation, selbstberichtete (vom Teilnehmer erfasste) Schulterinstabilität (in der Regel mit Fragebogen erhoben) und das Wiedererlangen des körperlichen Aktivitätsniveaus von vor der Verletzung.

Weitere uns interessierende Endpunkte waren die Zufriedenheit der Teilnehmer mit der Intervention, die gesundheitsbezogene Lebensqualität und unerwünschte Ereignisse (nachteilige Wirkungen).

Recherchedatum

Die Recherchen für diesen Review haben wir im Mai 2018 durchgeführt.

Studienmerkmale

Wir haben in dieser Aktualisierung drei neue relevante Studien identifiziert. Insgesamt umfasst dieser Review nun sieben Studien mit 704 Teilnehmern. Die meisten Teilnehmer (82 Prozent) waren männlich; das Durchschnittsalter in den Studien lag bei 29 Jahren (zwischen 12 und 90 Jahren). Alle Studien untersuchten nur einen Vergleich: eine Ruhigstellung in Außenrotation (das heißt in einer nach außen, vom Oberkörper weg gerichteten Position des Arms) gegenüber einer Ruhigstellung in Innenrotation (der üblichen Schlingenposition mit am Oberkörper anliegendem Arm) nach geschlossener Reposition. Die Teilnehmer wurden über verschiedene Zeiträume nachbeobachtet; die häufigste Dauer war zwei Jahre oder länger.

Hauptergebnisse

Es ist unklar, ob eine Ruhigstellung in Außenrotation im Vergleich zu einer Ruhigstellung in Innenrotation einen Unterschied im Risiko einer Re-Luxation nach einem Jahr oder mehr bewirkt. Keine der vier Studien, die über selbstberichtete Ergebnismessungen für Schulterinstabilität mit einer Nachbeobachtungsdauer von mindestens einem Jahr berichteten, ermittelte einen Beleg für einen bedeutsamen Unterschied zwischen den beiden Interventionen.

Unklar sind auch die relativen Wirkungen der beiden Ruhigstellungsmethoden auf die Wiederaufnahme von vor der Verletzung durchgeführten sportlichen Aktivitäten. Eine Studie fand keinen Beleg für einen Unterschied zwischen den beiden Maßnahmen in der Wiederaufnahme von vor der Verletzung ausgeführten Aktivitäten des betroffenen Arms.

Zwei weitere Studien ermittelten in einer kleinen Gruppe von Teilnehmern innerhalb der Außenrotationsgruppe, die ihre Verletzungen bei sportlichen Aktivitäten erlitten hatten, eine höhere Wiederaufnahme von sportlichen Aktivitäten. Keine der Studien berichtete über die Zufriedenheit der Teilnehmer oder die gesundheitsbezogene Lebensqualität.

Es ist unklar, ob es einen Unterschied zwischen den beiden Interventionen in der Anzahl der Teilnehmer mit Instabilität, definiert als Re-Luxation oder Subluxation (teilweise Luxation), gibt. Die Berichterstattung über unerwünschte Ereignisse (Komplikationen) war unzureichend.

Es gab Berichte über neun Fälle von kurzfristiger Schultersteifigkeit in der Außenrotationsgruppe und zwei Fälle von Hautausschlag unter der Achsel in der Innenrotationsgruppe. Es gab drei weitere schwerwiegende unerwünschte Ereignisse: abnormale Empfindlichkeit und Handschmerzen; abnormale Empfindungen wie Kribbeln im kleinen Finger und entlang des Ellenbogens; starke Bewegungseinschränkung. Es war unklar, inwieweit diese drei unerwünschten Ereignisse auf die Behandlung zurückzuführen waren.

Vertrauenswürdigkeit der Evidenz

Wir bewerteten die Vertrauenswürdigkeit der Evidenz für alle Ergebnisse als sehr niedrig. Dies lag vor allem daran, dass es nicht genügend Daten gab und unklar war, wie zuverlässig die Ergebnisse der einzelnen Studien waren. Daher sind wir uns bezüglich der Ergebnisschätzungen unsicher.

Schlussfolgerungen

Insgesamt reicht die derzeit verfügbare Evidenz nicht aus, um eine Entscheidungshilfe für die Wahl zwischen einer Ruhigstellung in Außenrotation oder Innenrotation zu bieten. Es gibt keine Evidenz zu weiteren konservativen Interventionen nach geschlossener Reposition einer traumatischen vorderen Schulterluxation.

Mit freundlicher Genehmigung durch die Cochrane Library

Anmerkungen

1 hochschule 21 Buxtehude, Studiengang Physiotherapie

2 Richard Pflaum Verlag GmbH & Co KG, pt Zeitschrift für Physiotherapeuten

Heft 07-2019


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