_Magazin

Der SHV setzt auf den Dialog mit Politikern und Entscheidungsträgern

Im Gespräch mit Ute Repschläger

.

.

In den letzten Wochen stand die Physiowelt Kopf: Heiko Schneider, ein Therapeut „am Limit“, radelte im Juni bepackt mit vielen Briefen nach Berlin. Dem Pförtner wollte er die Unterlagen natürlich nicht aushändigen, weshalb die rund 1.000 Dokumente kurz darauf dem Gesundheitsausschuss übergeben wurden. In den sozialen Netzwerken überschlugen sich die Kollegen mit Kommentaren und Meinungen. Einige Verbände signalisierten mittlerweile, die Aktion möglicherweise unterschätzt zu haben.

.

Grafik: Marish / shutterstock.com

Bisher haben sich die Verbände in Sachen Demo und Aktionen zurückgehalten. Aktuell wird durchaus vorsichtige Zustimmung laut (1) beziehungsweise wird in einer Presseerklärung des Spitzenverbands der Heilmittelverbände (SHV) auch auf die Aktivitäten der Kollegen verwiesen (2).

Wie beurteilt der SHV die aktuelle Lage? Sind Demo und Fahrrad-Aktion für Ihre Arbeit im SHV nun eine Hilfe oder ein Hindernis?

Wir freuen uns, dass die Aktion von Heiko Schneider so positive Resonanz gefunden hat, da mit ihr einige unserer wichtigen Branchenthemen besetzt wurden. Im Augenblick haben wir eine ausgesprochen dynamische Situation, in der wir gemeinsam mit Politik und den Ministerien in Bund und Ländern viel auf den Weg bringen. Themen, bei denen wir in den letzten Jahren und im Moment viel bewegen, sind: deutliche Vergütungserhöhungen, Schulgeldfreiheit, Ausbildungskostenvergütung, neue Berufsgesetze einschließlich moderner Ausbildungs- und Prüfungsordnung und Aufnahme der Studierbarkeit. Der SHV setzt hier auch auf den Dialog mit Politikern sowie mit anderen Entscheidungsträgern.

Dem SHV wird zum Beispiel in den sozialen Netzwerken vorgeworfen, die Demo in Köln und die Tour von Heiko Schneider nicht unterstützt zu haben. Was sagen Sie dazu?

Es ist richtig, wir haben nicht an der Demo in Köln teilgenommen. Eine Demo ist ein legitimes Mittel, für uns aber nicht zum jetzigen Zeitpunkt. Heiko Schneider hat mit seiner Aktion sehr gut und anschaulich unsere Branchenprobleme dargestellt sowie den Handlungsdruck verdeutlicht. Der SHV selbst hat nicht über die Aktion berichtet, das war auch gar nicht seine Aufgabe, sondern die seiner Mitgliedsverbände, und die haben in den sozialen Medien auf seine Aktion hingewiesen und darüber informiert. Wir haben ihn im Rahmen des Hauptstadtkongresses dann ja auch persönlich getroffen. Leider ist bei der Kritik einiger User die Grenze des Anstands überschritten worden, denn persönliche Beleidigungen gegenüber uns Verbänden oder einzelnen Personen, auch aus Politik und Selbstverwaltung, sind weder zielführend noch konstruktiv, sondern schlicht unprofessionell.

Wie geht es jetzt aus Ihrer Sicht weiter? Wäre es nicht schön, wenn sich die vorhandene Energie und Motivation gemeinsam bündeln ließen?

Dass die Politik den Handlungsbedarf erkannt hat, zeigen bereits der Koalitionsvertrag, die Regierungserklärungen Merkel und Spahn und nicht zuletzt die kürzlich von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn angekündigte Einladung an die Spitzenvertreter der Heilmittelerbringer, um über Verbesserungen in der Branche zu diskutieren. Zudem hat er seinerseits konkrete Vorschläge unter anderem für das Thema Vergütung angekündigt, und zwar bis Ende August.

Diesen Ankündigungen müssen nun auch zeitnah Taten folgen. Wir als SHV steuern unseren Teil dazu bei, indem wir in konstantem – mindestens wöchentlichem – Dialog mit den politischen Akteuren stehen, um unseren Kernforderungen, wie zum Beispiel einer weiteren fühlbaren Verbesserung der Vergütung, Einführung des Direktzugangs, Schulgeldfreiheit und der Förderung der Akademisierung, Gehör zu verschaffen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führte Dr. Tanja Boßmann.

Ute Repschläger

Foto: axentis.de / G.J.Lopata

Physiotherapeutin; seit 1987 selbstständig in eigener Praxis in Witten; seit 2002 Vorsitzende des Vorstands des Bundesverbands selbstständiger Physiotherapeuten – IFK e. V.; 2004–2007 Sprecherin der Bundesarbeitsgemeinschaft der Heilmittelverbände (BHV); seit 2017 Vorsitzende des Spitzenverbands der Heilmittelverbände (SHV). Kontakt: repschlaeger@ifk.de

 

Literatur

1. Stanko J. 2018. „Tour de Spahn – von einem, der auszog, weil ihn sein Therapeutenjob in die Insolvenz führt“. physiotherapeuten.de/tour-de-spahn-von-einem-der-auszog-weil-ihn-sein-therapeutenjob-in-die-insolvenz-fuehrt; Zugriff am 11.6.2018

2. SHV. 2018. CSU-Antragspaket in Bayern untermauert zentrale Forderungen des Spitzenverbandes der Heilmittelverbände (SHV). www.shv-heilmittelverbaende.de/2018/06/08/csu-antragspaket-in-bayern-untermauert-zentrale-forderungen-des-spitzenverbandes-der-heilmittelverbaende-shv; Zugriff am 11.6.2018

Sommeraktion „Entscheidungshilfe“

[tb] Am 3. Juli 2018 publizierte der Spitzenverband der Heilmittelverbände eine Meldung zur Sommeraktion „Entscheidungshilfe“ (1). Darin wird betont, dass die flächendeckende Versorgung der Versicherten mit Heilmitteltherapie auf dem Spiel stehe. Daher seien die SHV-Vertreter auch in der politischen Sommerpause zwischen dem 5. Juli und 9. September unterwegs und reisen durch die Wahlkreise der Gesundheitspolitiker, um mit ihnen über konkrete Maßnahmen zu sprechen.

Dem SHV gehe es dabei um die schnelle Umsetzung seiner Forderungen, dazu gehöre die umgehende Novellierung der Berufsausbildungsgesetze mit klaren Qualitätsvorgaben an die Ausbildungseinrichtungen, die nachhaltige Existenzsicherung aller freiberuflich und angestellt ambulant tätigen Heilmittelerbringer durch leistungsgerechte Entgelte, eine Abkoppelung von der Grundlohnsumme auch für die Haushaltsjahre ab 2020, die originären Mitbestimmungs- und Mitspracherechte der Heilmittelerbringer im G-BA sowie die vollständige Einbeziehung in die Gesundheitstelematik mit Zugang zur elektronischen Gesundheitsakte. Zudem wurde mitgeteilt, dass das Bundesgesundheitsministerium von der Politik aufgefordert sei, zum 1. September 2018 konkrete Handlungsvorschläge vorzulegen. Erwartet werde zudem, dass Gesundheitsminister Jens Spahn die über Facebook-Live angekündigten Gespräche mit den Berufsverbänden weiterführen werde. Parallel dazu nutze der SHV die Sommerpause auch, um mit den Mitgliedern des Gesundheitsausschusses zu sprechen, da diese über die Vorschläge des Ministers im Herbst beraten würden. Höhepunkt der politischen Gespräche sei dann der vom SHV organisierte erste Therapiegipfel der Heilmittelbranche in Berlin am 27. September 2018.

Literatur

1. SHV. 2018. Spitzenverband der Heilmittelverbände startet Sommeraktion „Entscheidungshilfe“. www.shv-heilmittelverbaende.de/2018/07/03/spitzenverband-der-heilmittelverbaende-startet-sommeraktion-entscheidungshilfe/; Zugriff am 3.7.2018

Treffen der Heilmittelverbände in Berlin

Am 4. Juli 2018 trafen sich dann die Vertreter von neun Berufsverbänden der Heilmittelbranche in Berlin. In der Pressemitteilung (2) wurde mitgeteilt, dass große Einigkeit darüber herrsche, welche politischen Maßnahmen nun erforderlich seien. Das Heil- und Hilfsmittelgesetz (HHVG) vom 11. April 2017 sei ein erster wichtiger Schritte gewesen, aber um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken, müssten weitere folgen. Ebenfalls von der Politik gefordert sei die Zusammenarbeit im G-BA auf Augenhöhe. In einer öffentlichen Äußerung des unabhängigen Vorsitzenden des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA), Prof. Josef Hecken, heißt es, er könne sich vorstellen, „die wachsende Bedeutung der Heilmittelerbringer in irgendeiner Form im G-BA abzubilden“. Wie dies in Zukunft aussehen könnte, bleibt abzuwarten. Das nächste verbandsübergreifende Treffen wird im Herbst 2018 geplant.

Literatur

2. SHV. 2018. Heilmittelverbände positionieren sich einheitlich zur Mitarbeit im Gemeinsamen Bundesausschuss. www.shv-heilmittelverbaende.de/wp-content/uploads/2018/07/PM-Positionierung-der-Heilmittelverb%C3%A4nde-zum-G-BA-Endfassung.pdf; Zugriff am 6.7.2018

 

Heft 08-2018

Autor

Dr. Tanja Boßmann

Physiotherapeutin; 2007 Abschluss des Masterstudiums an der Phi­lipps-Universität Marburg; Chefredakteurin, pt_Zeitschrift für Physiotherapeuten; seit 2012 wissenschaftliche Mitarbeiterin Fakultät für Sport- und Ge­sund­heitwissenschaften, FB kons. und rehab. Orthopädie, Technische Universität München.

tanja.bossmann@pflaum.de

Teilen & Feedback