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Früher war alles ... ach, nicht wirklich

... und wieder locker lassen!

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Neulich erhielt ich eine sehr freundliche Mail von einer Kollegin, in deren Anhang sich zwei Fotodateien befanden. Zunächst vermutete ich Erpressung. Es wurde aber keine Forderung gestellt. Das geäußerte Wohlwollen schien also echt zu sein. Die Fotos zeigten neben dem Schriftzug „Entwicklung der KG-Schüler“, dem Wort „Examen“ und Jahreszahlen, die weit in die Vergangenheit reichten, ein Shooting mit 22 Damen und zwei Herren in Strampelanzügen, die die kindliche motorische Entwicklung nachstellten. Die meisten Gesichter schauten gequält in die Kamera. Einer der jungen Männer sah mir ähnlich. Keine Frage, diese Fotos hatte ich erfolgreich verdrängt – und die Zeit, in der sie geschossen worden waren, ebenfalls.

EngravingFactory / shutterstock.com

Die Kollegin schilderte, dass sie schon seit 16 Jahren an dieser Kollage, die in einem schummerigen Flur in einer Physiotherapieschule hängt, vorbeilaufe und dass sie mich nun erkannt habe. Sie wollte mir eine Freude machen. Das ist ihr gelungen.

Eine Vielzahl von Erinnerungen strömten in den folgenden Tagen auf mich ein, beispielsweise „mein“ erstes Röntgenbild: viele Schrauben, eine Plattenosteosynthese, schlechte Luft und ein Stoßgebet auf den Lippen, mit der Bitte, nicht gerade jetzt in Ohnmacht zu fallen. Die erste Stunde Manuelle Therapie: Ich soll meinem Kollegen an den Zehen ziehen; er meint, es kitzelt. Und jede Menge Stoff, den man heute getrost historisch nennen kann: Kneipp’sche Güsse, Unterwasserdruckstrahlmassagen und – damals ein beliebtes Partythema in einer Runde von Nichtphysiotherapeuten – das Klapp’sche Kriechverfahren. Gefühlt verbrachten wir Monate damit, fast nur mit „Kriechkappen“ und Knieschonern aus Filz bekleidet den Boden einer alten Turnhalle auf Hochglanz zu polieren. Dazu aus dem Off: „Schritt und Schlag!“ Eine würdige Vorbereitung auf das Leben als Heilmittelerbringer.

Schön war auch der pädagogisch wertvoll gestaltete Physiologie-Unterricht. Wenn man mich heute mitten in der Nacht weckt und nach dem Frank-Starling-Mechanismus fragt, bekomme ich immer noch Panikattacken.

Wirklich schön war dann der erste Patientenkontakt: ein dankbarer älterer Herr mit Hüftendoprothese und endlich das Gefühl, dass man in diesem Job vielleicht doch richtig ist.

Wenn mich gelegentlich die Nostalgie ergreift und ich für wenige Minuten meine, dass früher alles besser war, öffne ich diese Strampelanzug-Fotos. Das hilft! Und es erfüllt mich dann eine tiefe Freude beim Lesen unserer Cochrane-Updates. Es ist sicher nicht alles gut heute; aber wir diskutieren über vieles und wir ringen um Verbesserungen für unsere Profession.

Irgendwann wird jemand darüber schreiben, wie wundersam es war, als es noch keinen Direktzugang gab und die Honorare schlecht waren, aber dass er immer an die Physiotherapeuten geglaubt hat.

PS: Herzliche Grüße nach Detmold und an die Überlebenden des KG-Kurses 89 / 91.

Buchtipp
Die Glossen von Jörg Stanko gibt es jetzt auch als Buch:
Stanko J. 2017. Und wieder locker lassen! München: Richard Pflaum Verlag
Lesungsanfragen an: info@literaturagentur.ruhr

Autor

Jörg Stanko

Physiotherapeut seit 1992; bis 2013 in verschiedenen Praxen und Krankenhäusern tätig; Schriftsteller; schreibt Romane, Kinder­bücher und Ruhrgebietskrimis; Referent für kreatives Schreiben; Vater eines Sohnes; freier pt-Autor und pt-Redakteur

stanko@pflaum.de

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