_Praxis

Interdisziplinäre Therapie der kindlichen Skoliose

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Emma ist elf Jahre alt. Im Sport fällt auf, dass sie nicht so fit ist wie die anderen Kinder und in der Umkleide beim Schwimmen machen sich ihre Freundinnen lustig, da Emma „so einen komischen Buckel“ am Rücken hat. Das ist nicht böse gemeint, belastet das Mädchen aber. Ihre Eltern gehen mit ihr zum Orthopäden, der eine Skoliose mit einem Cobb-Winkel von 25 Grad feststellt. Ein Fall für ein interdisziplinäres Team.

Je früher, desto besser

Foto: jeffy11390 / shutterstock.com

Als Skoliose bezeichnet man eine Seitenverbiegung der Wirbelsäule bei gleichzeitiger Rotation der Wirbelkörper. Mit ihrer dreidimensionalen Achsenabweichung verursacht sie je nach Alter und Ausprägung Fehlhaltungen und Rumpfdeformationen. Schmerzen, Dysbalancen und auch verunsicherte Blicke prägen den Alltag der Betroffenen. Schulkinder bis zum 16. Lebensjahr trifft es mit einer Prävalenz von ein bis zwei Prozent, Mädchen häufiger als Jungen und dominant unter den stärkeren Ausprägungen sowie mit erhöhtem Risiko für Progredienz (1). Der Kinderorthopäde ist darauf angewiesen, dass Physiotherapeuten und natürlich auch Kinder- und Hausärzte sowie die Eltern das Kind möglichst frühzeitig vorstellen, sobald es im Vorneigetest mit Rippenbuckel oder Lendenwulst auffällig wird. Die Prognose korreliert mit dem knöchernen Wachstumsstatus (Alter) und der Ausprägung der Skoliose. Wachstumsschübe stellen dabei die Hochrisikophasen für eine Verschlechterung dar.

Bei einem Cobb-Winkel von mehr als 20 Grad in Kombination mit unreifem Knochenstatus kann die Gefahr der Progredienz 70 Prozent und mehr betragen (2). Infantile Skoliosen (bis zum dritten Lebensjahr) korrigieren sich in etwa 80 Prozent der Fälle spontan. Die verbleibenden, progredienten Verläufe bedürfen häufig langwieriger und komplexer Therapien. Unbehandelt gehört die progrediente kindliche Skoliose aufgrund der zunehmenden Lungenrestriktion zu den wenigen potenziell letal verlaufenden orthopädischen Erkrankungen (3). Die Ätiologie ist bis heute unbekannt. Eine multifaktorielle Ursache wird angenommen. Die steigende Inzidenz mit höherem Verwandtschaftsgrad und bis zu 70 Prozent bei eineiigen Zwillingen spricht für einen erblichen Einfluss.


EOS – strahlenarme Diagnostik

Die ärztliche Diagnostik, vor allem die Primärdiagnose der kindlichen Skoliose erfolgt idealerweise beim Spezialisten, etwa in einem Wirbelsäulenzentrum. Aufbauend auf einer guten Anamnese mit Dokumentation von Alter, Progredienz, Menarche und Wachtumsschüben sowie der körperlichen Untersuchung von Taillendreiecken, Becken- / Schulterstand, Rippen- / Lendenwulst im Adams-Vorbeugetest und Beinlängendifferenz gehört auch eine Röntgenuntersuchung als Ganzwirbelsäulenaufnahme dazu. Das Thema Strahlenbelastung ist bei Kindern ein Indikationsproblem, dem man sich nicht gänzlich entziehen kann. Das betrifft vor allem Kinder mit langen Follow-up-Verläufen, in denen immer wieder auch Röntgenkontrollen notwendig sind. Der Linearscanner (EOS) ist mit einer bis zu 90-prozentigen Strahlenreduktion eine moderne und schonende Alternative zur konventionellen Röntgenaufnahme.

Additiv bieten sich 3-D-Videovermessungen als Oberflächenscan zur Verlaufskontrolle und das Skoliometer als nicht strahlenbelastende Untersuchung an, wobei dessen Spezifität und Sensitivität teilweise infrage gestellt werden muss.

Überblick
Die Einteilung der idiopathischen kindlichen Skoliose erfolgt nach verschiedenen Kriterien (4):

  • infantile (unter 3 Jahren), juvenile (3 bis 9 Jahre) und adoleszente Skoliosen (10 bis 18 Jahre)
  • Höhe der Hauptkrümmung (thorakal, thorakolumbal, lumbal)
  • Konvexität der Hauptkrümmung (rechtskonvex, linkskonvex)

Ärztliche Therapie: konservativ oder operativ?

Eine Verschlechterung der Krümmung auf einen Cobb-Winkel von 40 bis 50 Grad ist eine Operationsindikation. Dieser Grenzwert ist individuell auszulegen. Weitere Entscheidungskriterien in der Praxis sind vor allem eine Progression der Krümmung im Verlauf, eine zunehmende Dysbalance sowie auch der Zeitpunkt der Operation und das Alter. Wenn möglich wird gewartet, bis das Längenwachstum (Skelettreife) und die Lungenentwicklung abgeschlossen sind. So werden gut korrigierbare Krümmungen von kleineren Kindern durchaus mit dem Korsett therapiert, bis sie eine entsprechende körperliche Entwicklung erreicht haben, auch wenn die 40 Grad bereits überschritten sind. Bei skelettal reifen Jugendlichen erfolgt die Operation als korrigierendes, versteifendes Verfahren, entweder als ventrale oder als dorsale Korrekturspondylodese. Der dorsale Zugang mit einem Pedikelschrauben-Stab-System wird bevorzugt. Für Kinder im Wachstum bieten sich unterschiedliche wachstumslenkende Verfahren an, darunter perkutan verlängerbare Magnetstäbe, teleskopartige wachstumslenkende Schienensysteme sowie auch die Fixation der Wachstumsfugen am Scheitel der Krümmung (ventrales Tethering). Die Entscheidung für eine Operation sollte nach Bedenkzeit, guter Aufklärung und auch durchaus unter Einholen einer Zweitmeinung getroffen werden. In den seltensten Fällen besteht Zeitdruck.

Das Risiko einer Querschnittslähmung besteht operationsimmanent, wenn auch zu einem geringen Prozentsatz. Ein intraoperatives Neuromonitoring gilt als Voraussetzung zur Minimierung des Risikos. Zu späte Operationen sind aber technisch auch oft aufwendiger, mit höheren neurologischen Risiken und schlechteren Ergebnissen.


Korsettversorgung

Ab 20 Grad Cobb-Winkel ist eine Korsettversorgung notwendig. Die besten Ergebnisse sind zwischen 20 und 35 Grad zu erwarten. Ab 40 Grad thorakal und 50 Grad lumbal besteht eine OP-Indikation (5, 6). Die Korsetttherapie ist eine wachstumsführende Behandlung mit Verhinderung der Progredienz, Korrektur der bestehenden Krümmung und Aufrechterhaltung der erreichten Korrektur. Dazu sollte noch ein Wachstum von mindestens 1,5 bis zwei Jahren zu erwarten sein. Eine dauerhafte Korrektur ist durch das Korsett nicht möglich. Laut Studien lässt sich aber in etwa der Hälfte der Fälle eine Verschlechterung verhindern und bei weiteren 40 Prozent die Progressionsrate verlangsamen (7).

Bewährt hat sich die Redression durch ein Drei-Punkte-Prinzip (Boston, Cheneau) (8), da es die Skoliose im funktionell logischen Sinn mit Derotation behandelt. Die Abstützung erfolgt am Becken und unter der konkavseitigen Achsel, die Korrekturpelotte sitzt jeweils unterhalb der Spitze (Umkehrpunkt) der Krümmung auf der Konvexseite.

Die Kinder oder Jugendlichen sollten das Korsett mindestens 17, besser 20 Stunden pro Tag tragen – je länger, desto besser (9, 10). Am besten wird es nachts durchgehend getragen, mit vier Stunden Pause mittags. Sport erfolgt grundsätzlich ohne Korsett. Viele Patienten geben allerdings deutlich mehr Zeit an, als sie tatsächlich umsetzen. Sensoren im Korsett haben Abweichungen von bis zu 80 Prozent gemessen (11). Gerade in der Pubertät stellt das Tragen des Korsetts eine große psychische Belastung dar, die nicht unterschätzt werden darf. Die Kinder brauchen hier intensive Unterstützung durch die Eltern, Physiotherapeuten, Orthopädietechniker und den Arzt. Das Vertrauen in die Therapie hängt stark vom Engagement des behandelnden Teams ab. Wichtig ist auch, dass die Patienten immer denselben Ansprechpartner aus dem Team haben, allein auch für eine geradlinige Dokumentation.

Eine Korsetttherapie wird niemals isoliert durchgeführt. Maßgeblich mitbestimmend für den Erfolg sind regelmäßige Physiotherapie mit dreidimensionalen Korrekturübungen, ein- bis zweimal wöchentlich, und regelmäßiger Sport, um die Rumpfmuskulatur in Bewegung zu trainieren und die Lungenfunktion zu unterstützen. Die Therapie ist abgeschlossen, wenn das Wachstum der Wirbelsäule abgeschlossen ist. Danach „federt“ diese wieder etwas in ihre alte Krümmung zurück, was die Patienten wissen sollten. Eine erneute Verschlechterung ist möglich. Bei abschließendem Cobb-Winkel um die 20 Grad ist die Prognose gut, sofern die Patienten weiter Sport treiben, ihr Gewicht halten und immer wieder einen Zyklus Physiotherapie durchführen, um ihre Rumpfmuskulatur zu stabilisieren und die eigene Körperwahrnehmung zu schärfen.


Physiotherapie

Die Behandlung von Wirbelsäulenproblematiken bei Erwachsenen ist in der Physiotherapie an der Tagesordnung, vorwiegend bei Bandscheibenvorfällen, Ischialgien oder ISG-Blockaden. Bei den kleinen Patienten dominiert die idiopathische kindliche Skoliose. Schaut man sich Kinder auf einem Spielplatz, in der Schwimmhalle oder beim Turnen etwas genauer an, so kann bereits hier eine veränderte Stellung der Wirbelsäule ins Auge fallen. Den Weg in die Physiotherapie finden sie durch die ärztliche Diagnose. Im Folgenden soll nur auf die Skoliosen bei Kindern und Jugendlichen eingegangen werden; als Beispiel dient die dreibogige rechtskonvexe Thorakalskoliose, die am häufigsten vorkommt.

Anamnese

Die Skoliose wird häufig als Zufallsbefund im Sportunterricht oder von den Eltern bemerkt. Die Kinder sind in der Regel beschwerdefrei, weshalb ihre Motivation zur Physiotherapie nicht immer hoch ist. Im Rahmen der Anamneseerhebung ist bei neurologisch gesunden Kindern die Familienanamnese nicht aus den Augen zu verlieren: Häufig gibt es in der nächsten Verwandtschaft Angehörige, die ebenfalls eine Skoliose hatten. In der Kinderanamnese sind etwaige Operationen (zum Beispiel bei angeborenem Herzfehler), Bestrahlungen am Rumpf (zum Beispiel nach Operation eines Wilms-Tumors) oder Unfälle (zum Beispiel Zustand nach Wirbelfraktur) zu erfragen. Treten Schmerzen unabhängig von einer Belastung auf, ist zwingend eine weiterführende Abklärung mittels Magnetresonanztomografie (MRT) zum Ausschluss einer sekundären Skoliose notwendig (12).

Inspektion / Palpation

Auch wenn die idiopathische Skoliose schon bei Säuglingen vorkommen kann, treten die typischen Symptome in der Regel erst im Alter von zehn bis zwölf Jahren auf (13). Klinisch wird sie bei der Betrachtung des entkleideten Rumpfes von hinten durch asymmetrische Taillendreiecke, Schulterasymmetrie und gegebenenfalls Lotüberhang auffällig. Die Rotationskomponente wird im Vorneigetest als Rippenbuckel und Lendenwulst sichtbar. Durch die Beckenasymmetrie kann eine Beinlängendifferenz auftreten, auch erkennbar an einer asymmetrischen Michaelis-Raute. Die Betrachtung des seitlichen Profils gibt Hinweise auf mögliche begleitende Pathologien (Kyphoskoliosen, Spondylolisthesen) und ist für die Planung des therapeutischen Vorgehens wichtig.

Ferner ist auch die Beobachtung der Atembewegung von Bedeutung: Bei thorakalen Skoliosen dominiert die Bauchatmung, im Rippental ist je nach Ausprägung kaum Bewegung vorhanden. Bei stark ausgeprägten Skoliosen setzt schon bei leichter körperlicher Anstrengung die Atemhilfsmuskulatur ein. Von ventral sind alle für eine Skoliose typischen Veränderungen nicht so deutlich ausgeprägt wie von dorsal. Ebenfalls wichtig ist die Prüfung von Veränderungen der Muskulatur. Häufig ist ein Hypotonus der oberflächlichen Muskeln vor allem an den Konkavseiten erkennbar, ein Hypertonus der oberflächlichen Rückenextensoren an den Konvexseiten.

Die autochthone Rückenmuskulatur ist auf der konkaven Seite eher hyperton, auf der konvexen eher hypoton. Durch die Rotation der einzelnen Körperabschnitte kann es ebenso zu Seitendifferenzen der Bauchmuskulatur kommen. Bei ausgeprägter Neigung zu kalten, feuchten und bläulich verfärbten distalen Extremitäten besteht eine zusätzliche vegetative Labilität, die bei der physiotherapeutischen Behandlung berücksichtigt werden muss.

Funktionstestung

Der Vorneigetest ist ein aktiver Test zur Prüfung der Wirbelsäulenbeweglichkeit und dient als Skoliose-Screening. Dabei verstärkt sich der Rippenbuckel bei Rumpfbeugung, da die Rippen gelenkig mit den Wirbelkörpern verbunden sind und durch Rotation der Wirbel gegeneinander und durch ihre Torsion hervorgewölbt werden (14). Daneben verlangt eine diagnostizierte Skoliose in der Funktionsuntersuchung zusätzliche Untersuchungen. Eine elementare Rolle spielt dabei das Testen der Muskulatur auf Kraft. Durch die Form und Haltung der Skoliose kommt es zu einer asymmetrischen Stimulierung der rumpfstabilisierenden Muskulatur durch die Schwerkraft. Die Muskeln, welche die vertikale Haltung bestmöglich gewährleisten, werden stimuliert, die anderen werden inaktiv. Zur Erfassung der Ausdauerleistung der Rumpfmuskulatur kann der sogenannte Matthiass-Test herangezogen werden. Dabei wird der Patient im korrigierten Stand aufgefordert, seine Arme ohne Veränderung der Haltung mindestens 30 Sekunden lang in 90 Grad Flexion zu halten.

Das Messen der Körpergröße, sowohl in Gewohnheits- als auch in korrigierter Haltung, dient der bewussten Haltung und kann für die Kinder einen Ansporn darstellen. Bei höhergradigen Skoliosen sind Tests zur Vitalkapazität oder die Messung der Atemmaße zusätzlich hilfreich, da es hier zu einer Einschränkung der kardiopulmonalen Funktion und zur Reduzierung der Thoraxmobilität kommen kann.

Bewegungssystem: dreidimensionale Korrekturübungen

Die mehrdimensionale Verkrümmung der Wirbelsäule entsteht durch eine fixierte oder teilfixierte Krümmung der Wirbelsäule in der Sagittal-, Frontal- und Transversalebene sowie durch eine Torquierung einzelner Wirbelkörper. Was liegt bei der physiotherapeutischen Behandlung also näher, als die Verkrümmung und Torquierung mit einer gegensinnigen dreidimensionalen Korrektur zu behandeln? Man spricht daher von „dreidimensionalen Korrekturübungen“.

Dabei gibt es viele Behandlungsansätze und Konzepte, zum Beispiel die Therapie nach Lehnert-Schroth, das Klapp’sche Kriechverfahren, die entwicklungskinesiologische Behandlung nach Vojta, die Behandlungen nach Scharll und die 3-D-Skoliosetherapie nach dem Spiraldynamik-Konzept – um nur einige zu nennen. Sie alle sind in ihren Korrekturübungen dreidimensional orientiert. Wissenschaftliche Untersuchungen gibt es für die dreidimensionale Skoliosebehandlung nach Katharina Schroth und die entwicklungskinesiologische Behandlung nach Vojta (15). Teilweise können Skoliosen durch Physiotherapie korrigiert werden und durch die Korsettversorgung lässt sich die physiotherapeutische Behandlung erleichtern.

Neuere Erkenntnisse deuten darauf hin, dass die Seitverbiegung der Wirbelsäule und auch die Wirbelsäulenrotation durch eine einfache Korrekturbewegung vermindert werden können (15). In den letzten Jahren wurden international verschiedene Übersichtsarbeiten und Studien zu den Effekten von Korsettversorgung und Übungen publiziert (16–18).

In den folgenden Ausführungen geht es nicht um die Beschreibung der jeweiligen Ansätze und Behandlungskonzepte, vielmehr um die Darstellung der kombinierten und interdisziplinären Anwendung ihrer Inhalte, um eine für das Kind bestmögliche Therapie zu gestalten. Grundvoraussetzung für alle Ansätze ist, dass das Kind sich noch im Wachstum befindet. Die Behandlung kleinerer Krümmungen dient dabei in erster Linie dazu, diese nicht größer werden zu lassen.

Bei größeren Krümmungen ist es das Ziel, die Folgen einer Skoliose zu mildern. Durch immer wiederkehrende ungleichmäßige Belastung des Körpers wird auch das Potenzial der Bewegungsvielfalt beeinträchtigt: Eingeschliffene Bewegungsmuster wiederholen und manifestieren sich in muskulärer Dysbalance; die Ansteuerung und bewusste Rekrutierung der restlichen Muskulatur geht verloren.

Lagerungsübungen

Man unterscheidet grundsätzlich zwischen sogenannten Lagerungsübungen und den aktiven Korrekturübungen. Klassische Entlastungslagerungen dienen vor allem der Entlastung hypertoner Muskeln. Hohl liegende Stellen werden dabei durch angepasste Polster unterlagert. Dabei darf es sich jedoch nur um Minimalunterlagen handeln, damit die Fehlstellung nicht noch mehr verstärkt wird. Weiche Schaumgummiauflagen auf einer festen Matratze vermeiden erhöhten Auflagedruck an prominenten Körperstellen. Die sogenannten Korrekturlagerungen dienen einer passiven „Entdrehung“ des Rumpfes. Im Gegensatz zur Entlastungslagerung werden dabei häufig die prominenten Körperstellen unterlagert. Im Zuge der Neuorganisation von Bewegungsmustern ist es zunächst notwendig, die Wahrnehmung für die verloren gegangenen Bewegungsmöglichkeiten zu schaffen, da diese bei Patienten mit Skoliose in der Regel nur sehr gering auf der Großhirnrinde repräsentiert ist. Vorbereitende passive mechanische Stimuli fördern das bewusste Wahrnehmen dieses Körperabschnitts.

Daran schließt sich die aktive Mobilisation restriktiver Bewegungsrichtungen an. Man bedient sich dazu der sogenannten 3-D-Korrekturübungen (Abb. 1, 2), die sowohl statisch als auch dynamisch durchgeführt werden können. Folgende Ziele werden dabei verfolgt (19):

  • Autoelongation / Aufrichtung der gesamten Wirbelsäule
  • Detorsion des Beckens
  • Detorsion des Rumpfes

 

Abb. 1 Thorax-Detorsion im Drehsitz

Abb. 2 Integration der Dynamik in den Alltag (zum Beispiel Treppensteigen)

Der neu gewonnene Bewegungsumfang wird anschließend funktionell beübt, das heißt umgehend in die Situation umgesetzt, in der er später nutzbar sein muss. Sehr wichtig ist zudem das kraftvolle Üben in der Funktion, um eine Veränderung im Sinne einer Neuausrichtung der Position und Bewegung zu erreichen (19).

Kindgerechte Gestaltung

Die Herausforderung für Therapeuten ist es nun auch, diese Übungen kindgerecht und spielerisch zu gestalten, damit die Kinder gerne mitmachen. Dazu ist es sinnvoll, Hobbys und Lieblingsspiele der Kinder genauer ins Visier zu nehmen, um daraus eventuell einzelne Sequenzen für die Therapie heranziehen zu können, egal ob Fußball, Klettern oder Kinderturnen. Hier ist es auch empfehlenswert, sich von den Eltern Informationen über die Freizeitgestaltung mit den Kindern einzuholen. Bouldern eignet sich zum Beispiel hervorragend, um den Kindern spielerisch eine Korrekturbewegung beizubringen: Diese Art des Übens macht Spaß und die kleinen Patienten bermerken dabei nicht einmal, dass es sich um Therapie handelt. Der Kreativität des Therapeuten sind hier keine Grenzen gesetzt.

Simone Müller spricht im Interview über die Therapie der kindlichen Skoliose und die damit verbundenen Herausforderungen:

Berücksichtigung weiterer Funktionssysteme

Die Gesamtheit der Beschwerden und die Behandlung der Skoliose dürfen nicht auf die Einschränkungen der Wirbelsäulenmobilität durch die strukturelle Verformung heruntergebrochen werden. Eine Skoliose kann Einschränkungen in verschiedenen Funktionssystemen hervorrufen, nicht nur im Bewegungssystem. Auch die Bewegungsentwicklung und -kontrolle, die Funktion und Entwicklung der inneren Organe sowie das Verhalten und Erleben sind beeinflusst (Tab. 1). Die Skoliosetherapie verlangt nach einer bio-psycho-sozialen Therapiestrategie (20).

Integration der Übungen in den Alltag

Es gibt kein Patentrezept dafür, wie häufig die Übungen außerhalb oder nach der physiotherapeutischen Behandlung durchgeführt werden sollten. Fest steht, dass regelmäßiges Üben zwingend erforderlich ist, um eine langfristige Verbesserung der Symptomatik zu erzielen. Man setzt heute auf die Schulung von korrigierenden Alltagsaktivitäten (ADL). Die regelmäßige Umsetzung der neu erlernten Bewegungsabläufe in individuelle Alltags-, Berufs- und Freizeitaktivitäten ist grundlegend für eine nachhaltige Veränderung der Bewegungsabläufe und damit auch für nachhaltige strukturelle Veränderungen. Man erhofft sich hierdurch eine entsprechende Reorganisation der anatomischen Strukturen (20). Auch passioniert betriebene Hobbys und Sportarten müssen und sollen wegen einer Skoliose keinesfalls aufgegeben werden. Körperlicher Einsatz, Bereitschaft und Freude an der Bewegung sind wichtige Aspekte, welche die Weiterführung rechtfertigen (14). Je nach Schweregrad der Erkrankung ist darüber hinaus nach Therapieabschluss einmal pro Jahr eine Röntgenkontrolle empfehlenswert. Für eine langfristig erfolgreiche Therapie bei Kindern und Jugendlichen ist letztlich die Zusammenarbeit verschiedener medizinischer Berufsgruppen unabdingbar. Der junge Patient muss in seiner Gesamtheit betrachtet werden und es ist individuell auf seine speziellen Belange und Bedürfnisse einzugehen. Auch die Eltern spielen hier eine elementare Rolle. Die Umsetzung der Übungen im Alltag muss ihnen und dem Kind von geschultem Personal nahegebracht werden. ADL-Training ist durch die Eltern und mit ihnen durchführbar. Auch die Beratung und Betreuung von Familienangehörigen ist somit ein wichtiger Bestandteil der physiotherapeutischen Behandlung von Kindern mit Skoliose.

 

Simone Müller zeigt in unserem pt-Fachvideo Entlastungs- und Korrekturlagerungen sowie verschiedene 3-D-Korrekturübungen inklusive Integration der Dynamik in den Alltag:

 

Weitere Autoren:

Christoph Mehren

Seit 2012 Chefarzt des Wirbelsäulenzentrums der Schön Klinik München Harlaching mit Behandlungsschwerpunkt auf der konservativen und operativen Skoliosetherapie; Mitglied der Deutschen Wirbelsäulengesellschaft, der European Spine Society und des deutschen Councils der AO Spine.

Bettina Rösch

Seit 2001 Oberärztin am Zentrum für Kinder- und Neuroorthopädie der Schön Klinik München Harlaching; Skoliose-Sprechstunde; Privatpraxis für Kinderorthopädie in Bad Tölz; regelmäßige Konsiliartätigkeit im Zentrum für Kinder und Jugendliche Altötting, in der Fachklinik für Kinder und Jugendliche Gaißach und in der konduktiven heilpädagogischen Tagesstätte Teising.


Literatur

  1. Willner S, Uden A. 1983. A prospective prevalence study of scoliosis in southern Sweden. Acta Orthop. Scand. 53:233–7
  2. Lonstein JE, Carlson JM. 1984. The prediction of curve progression in untreated idiopathic scoliosis during growth. J. Bone Joint Surg. Am. 66:1061–71
  3. Mehta MH. 1972. The rib-vertebra angle in the early diagnosis between resolving and progressive infantile scoliosis. J. Bone Joint Surg. Br. 54:230–43
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  14. Hüter-Becker A, Dölken M. 2005. Physiotherapie in der Orthopädie. Stuttgart: Georg Thieme Verlag
  15. Weiß HR. 2017. Ich habe Skoliose – Ein Ratgeber für Betroffene, Angehörige und Patienten. München: Richard Pflaum Verlag
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Heft 10-2018


Autor 1

Simone Müller

Seit 2008 Physiotherapeutin; Fortbildungen unter anderem in MT, MLD, PNF, KGG / MTT MAT / BG-Zulassung, Sportphysiotherapie (DOSB-anerkannt), Myofasziale Integration und Spiraldynamik (Basic Med.); seit 2008 tätig im Therapie- und Trainingszentrum in der Schön Klinik München Harlaching.

SiMueller@Schoen-Kliniken.de

Autor 2

Wolfhard Savoy

Physiotherapeut; ehemaliger Reha-Trainer der Fußball-Bundesligamannschaft des VfL Wolfsburg; Erfahrung in der Betreuung der alpinen Ski-Damen-Nationalmannschaft und der Herren-Nationalmannschaften des Deutschen Hockeybundes; seit 2011 Leiter des Therapie- und Trainingszentrums der Schön Klinik München Harlaching.

wsavoy@schoen-kliniken.de

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