_Magazin

Muskuloskelettale Beschwerden: zuerst zum Physiotherapeuten?

Erkenntnisse aus einem Modellprojekt in Großbritannien

Für Eilige

Welche Vorteile und Schwierigkeiten entstehen, wenn Patienten mit muskuloskelettalen Beschwerden statt des Allgemeinarztes zuerst einen Physiotherapeuten aufsuchen? In einer 2017 veröffentlichten Studie beschreiben Forscher aus Nottingham, welche Auswirkungen ein zwölfmonatiges Programm für den physiotherapeutischen Erstkontakt in zwei Praxen für Allgemeinmedizin auf die Wahrnehmung und Einschätzung der Mitarbeiter hatte.

Hintergrund

Foto: CandyBox Images / shutterstock.com

In Deutschland herrscht oftmals Unsicherheit, wenn von Physiotherapeuten im Direktzugang gesprochen wird: Fragen zur Verantwortung, Expertise und interdisziplinären Zusammenarbeit werden laut. In Großbritannien ist es nicht anders – allerdings sieht sich der National Health Service (NHS) einer zunehmenden Herausforderung in Bezug auf seine Leistungsfähigkeit und Wirtschaftlichkeit gegenüber, und dies bringt alternative Konzepte zur Erstkontaktversorgung zur Diskussion. Fiona Moffatt und ihre Kollegen untersuchten deshalb in einer qualitativen Auswertung (1) die Erfahrungen zweier Praxisteams, die ein Jahr lang ein neues Modell zur Erstaufnahme von Patienten mit muskuloskelettalen Beschwerden durch Physiotherapeuten testeten. Die Wissenschaftler führten Individual- und Fokusgruppeninterviews mit einer Stichprobe des beteiligten Personals durch und werteten diese durch induktive thematische Analysen aus.


Das Modellprojekt

In zwei Praxen für Allgemeinmedizin wurde ein sogenannter Physiotherapy-as-first-point-of-contact-service (PFPCS) eingerichtet. Die Anmeldungsfachkräfte führten noch am Telefon ein Initialscreening durch, das Patienten mit muskuloskelettalen Beschwerden identifizierte. Diese durften einen Termin beim Allgemeinarzt oder beim Physiotherapeuten wählen. Insgesamt wurden in zwölf Monaten 555 Patienten gesichtet; fast alle (98 Prozent in Praxis A und 99 Prozent in Praxis B) wurden eigenständig vom Physiotherapeuten versorgt, ohne Notwendigkeit einer Überweisung an den Allgemeinarzt. 152 Patienten bekamen Rezepte für eine weitere physiotherapeutische Behandlung in niedergelassenen Praxen. Es wurden keine negativen Zwischenfälle gemeldet, die Patientenzufriedenheit war hoch. (2)


Was sagen die Beteiligten?

Allgemeinärzte, Physiotherapeuten, Anmeldungsfachkräfte und eine Krankenschwester wurden einzeln oder in einer Fokusgruppe jeweils einmal interviewt. In der Analyse der Aussagen ergaben sich drei große Themenbereiche: das Bewirken eines kulturellen Wandels in der Primärversorgung, die Arbeitsorganisation in der Praxis und die Expertise im muskuloskelettalen Fachbereich.

Erwartungen in der Primärversorgung müssen sich ändern

Alle Beteiligten sprachen die Notwendigkeit einer Veränderung der Kultur in der Primärversorgung an, vor allem, was die Erwartungen der Patienten betrifft. Der Patient gehe noch zu häufig davon aus, dass nur der Arzt ein kompetenter Ansprechpartner im Erstkontakt sei. Die Verwaltungsangestellten bemängelten, dass ihnen professionelle Autorität fehle, um hier effektiv einzugreifen: „Wenn ein Arzt [den Patienten] sagt: ‚Sie sind besser beim Physio aufgehoben‘, dann nehmen sie das Wort des Arztes eher hin als das der Anmeldung.“ Auch die Physiotherapeuten gaben an, dass eine Neudefinition ihrer beruflichen Rolle und Arbeitspraxis nötig sei. Keiner von ihnen betrachtete dies jedoch als Problem. Entscheidend dafür sei aber, die Unterstützung des Teams und jederzeit Zugang zur vollen Patientenakte zu bekommen, dass ein allgemeinmedizinisch orientiertes Screening- und Befundverfahren übernommen werde und dass ein größeres Verständnis als bisher in Bezug auf die interdisziplinären Rollen herrsche.

Neue Arbeitsorganisation für mehr Entlastung

Ein großer Vorteil eines solchen Modells liegt in der Umverteilung der anfallenden Arbeit. Alle Beteiligten erkannten in diesem Modell eine Möglichkeit, die hohe Nachfrage in der Primärversorgung besser zu managen. Gerade die Fachkräfte an der Anmeldung sahen sich somit deutlich weniger Stress ausgesetzt, auch wenn anfangs die Verantwortung spürbar wurde, den Patienten korrekt zuzuweisen: „Wir waren am Anfang unsicher, wollten keine Fehler machen“ und „es hilft uns […], den Patienten zügiger weiterzureichen […] und es nimmt Druck von uns“, so eine der Mitarbeiterinnen.

Doch gerade die Allgemeinmediziner, die von einer Entlastung profitieren konnten, waren sich nicht sicher, dass dies zu ihrem Vorteil geschah. Obwohl muskuloskelettale Beschwerden in Großbritannien der zweithäufigste Grund für einen Besuch beim Allgemeinarzt sind, schätzte beispielsweise ein beteiligter Arzt diesen Anteil nur auf 30 Prozent und zweifelte am Mehrwert eines physiotherapeutischen Assessments. Die befragten Mediziner befürchteten, dass die meisten Patienten sowieso wegen mehrfacher gesundheitlicher Fragen beim Arzt vorstellig würden und dass deshalb eine Sichtung des Bewegungsapparats durch den Physiotherapeuten nur wenig nutzen würde. Trotzdem befürworteten alle das Modell im Hinblick auf die schnellere Versorgung und das interdisziplinäre Angebot. Eine größere Wahlmöglichkeit könne zudem die Patienten in ihrer Selbstständigkeit fördern und ihren Wünschen entgegenkommen.

Fachliche Sicherheit ist Voraussetzung

Sowohl Physiotherapeuten als auch Ärzte des Modellversuchs bestätigten, dass die Sorgen bezüglich der Fähigkeit von Therapeuten, selbstständig zu arbeiten und Red Flags zu erkennen, unbegründet gewesen waren. Ein Physiotherapeut gab sogar an, zwei Fälle unerkannter Frakturen gesichtet zu haben, was sich als Vorteil für die Patienten erwies. Es herrschte jedoch Einigkeit darüber, dass der Erfolg vom Einsatz erfahrener Fachkräfte abhängt. Ein Allgemeinarzt erklärte: „Ich mache mir ein wenig Sorgen, falls später jüngere, billigere Physiotherapeuten angestellt werden, dass sie nicht so effektiv wären […].“ Auch ein Physiotherapeut äußerte sich dazu: „In einer idealen Welt müsste es jemand sein, der eine Art Weiterbildung in fortgeschrittenen praktischen Fähigkeiten besitzt. Anderenfalls wäre es nur ein Versuch, das Ganze billiger zu gestalten.“

Alle Beteiligten stimmten überein, dass die Expertise der Physiotherapeuten willkommen gewesen war. Viele Allgemeinärzte besäßen keine guten Fähigkeiten in der Befundung von Störungen am Bewegungsapparat und es sei gut, die Meinungen der Physiotherapeuten in der Patientenakte zu lesen. Einige Ängste wurden jedoch laut, dass sich somit die Notwendigkeit für die muskuloskelettale Untersuchung des Allgemeinarztes verringern und eine Dequalifizierung – also ein Verlust von Fähigkeiten – des Arztes bezüglich dieser Tätigkeit folgen könnte. Im Großen und Ganzen herrschte jedoch Einigkeit darüber, dass ein solcher Versuch die Patientenversorgung aufwertet und alle Beteiligten davon profitieren.


Aus den Erfahrungen in Großbritannien lernen

Auch wenn das Modellprojekt aus Nottingham nur von kurzer Dauer war und sehr kontextspezifische Ergebnisse lieferte, kann es doch einige Vorteile und Fallstricke aufzeigen, die auch in Deutschland auf dem Weg zum Direktzugang in der Physiotherapie bestehen könnten. Zum einen müssen sich auch hierzulande die hierarchischen Strukturen im Gesundheitswesen ändern und der Gesellschaft muss klar werden, dass in bestimmten Fällen eine Erstversorgung durch nichtärztliches Personal gleichwertig zur ärztlichen Sichtung oder sogar zu bevorzugen ist.

Zum anderen wird die Bedeutung qualifizierter Anmeldungsfachkräfte deutlich: Sie bilden ein wichtiges Fundament für die richtige Zuweisung und Einstufung der Patienten und somit für eine effiziente Aufgabenverteilung.

Physiotherapeuten müssen in dieser Hinsicht ebenfalls an Selbstbewusstsein gewinnen und sich ihrer Rolle in einer zunehmend interdisziplinären Versorgung bewusst werden. Eine solche Zusammenarbeit kann jedoch nur gelingen, wenn sich Physiotherapeuten in Bezug auf ihre fachlichen Fähigkeiten kompetent genug fühlen. Der Erstkontakt setzt dementsprechend voraus, dass Ausbildung und Erfahrung des Physiotherapeuten einen sicheren Umgang mit Red Flags ermöglichen und erkannt wird, wann eine Überweisung an eine andere Fachkraft von Vorteil ist.

Literatur:

  1. Moffatt F, Goodwin R, Hendrick P. 2017. Physiotherapy-as-first-point-of-contact-service for patients with musculoskeletal complaints: understanding the challenges of implementation. Prim. Health Care Res. Dev. Sep 12. [Epub ahead of print]
  2. Goodwin RW, Hendrick P. 2016. Physiotherapy as a first point of contact in general practice: a solution to a growing problem? Prim. Health Care Res. Dev. 17, 5:489–502

 

Heft 05-2018


Autor

Annemarie Frank

Physiotherapeutin mit doppelter Staatsbürgerschaft Deutsch / Brasilianisch; geboren in Porto Alegre, Brasilien; Ausbildung 1998 bis 2001 Berufsfachschule in Ingolstadt; bis Februar 2013 Klinikum Ingolstadt; aktuell selbstständige Tätigkeit in einer Physiotherapiepraxis in Porto Alegre; Schwerpunkte: Orthopädie, Musikermedizin.

afrankbrasil@gmail.com

Teilen & Feedback