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Reform der Berufsgesetze ante portas

Wie ist die vollständige hochschulische Ausbildung in der Physiotherapie zu erreichen?

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Das Jahr 2019 verspricht – noch mehr als das vergangene Jahr – bildungs-, gesundheits- und berufspolitisch bewegt zu werden. Die Reform der Berufsgesetze in den therapeutischen Gesundheitsfachberufen und damit auch in der Physiotherapie steht vor der Tür. Aktuell befasst sich die Bund-Länder-AG „Gesamtkonzept Gesundheitsfachberufe“ mit dem Einstieg in den Reformprozess.

Viel Lärm um nichts?

Viel Staub aufgewirbelt haben die Absichtserklärungen des Bundes und der meisten Länder, für eine Schulgeldfreiheit zu sorgen, und die Vereinbarungen von ver.di und der Tarifgemeinschaft der Länder zur Einführung einer Ausbildungsvergütung.

Im sich langsam klärenden Blick wird allerdings deutlich, dass beides bisher lediglich einer geringen Zahl von Physiotherapieschülerinnen und -schülern zugutekommt. Nur wenige Bundesländer haben die Schulgebühren abgeschafft beziehungsweise reduziert und die Ausbildungsvergütung wird bislang nur einem kleinen Kreis an Auszubildenden an kommunalen Krankenhäusern und Universitätskliniken gewährt.

Für Studierende der Physiotherapie sind keinerlei finanzielle Entlastungen angedacht.

Foto: Lisa S. / shutterstock.com

Status quo: Mangelsituation

Gleichzeitig werden in der Physiotherapie ein Fachkräftemangel und ein massiver Rückgang der Bewerberzahlen an den Berufsfachschulen beklagt. Diese Mangelsituation, die fatal an die Anfänge des Pflegenotstands erinnert, zu beheben, wird zunehmend ein politisches Ziel – die Therapieberufe sollen attraktiver werden. Als attraktiv werden dabei in der Politik vorrangig monetäre Gratifikationen angesehen: Neben Schulgeldfreiheit und Ausbildungsvergütung hat Gesundheitsminister Jens Spahn höhere und bundeseinheitliche Heilmittelpreise angekündigt.

Darüber hinaus ist auch die Einführung einer Blankoverordnung bei einzelnen Indikationen vorgesehen. So wichtig diese ist – damit wird nicht viel mehr erreicht als ein Einstieg in umfassendere Verantwortungsbereiche und eine Reduktion des bürokratischen Hin und Her im Falle unzutreffender oder fehlerhafter Überweisungen bei einer noch unbekannten Anzahl von Indikationen. Auch heute sind es schon häufig die Heilmittelerbringer, die – insbesondere in der Physiotherapie – in einer rechtlichen Grauzone über die Spezifika des Heilmittels entscheiden. Immerhin bedeuten die angekündigten Veränderungen in Bezug auf die Bestimmung der Behandlungsfrequenz und -dauer eine echte und notwendige Zunahme an Handlungsautonomie.

Ist eine hochschulische Ausbildung entbehrlich?

Eine hochschulische Ausbildung für die klinischtherapeutische Praxis hält der Gesundheitsminister hingegen für entbehrlich. Die in Deutschland berufsfachschulisch ausgebildeten Physiotherapeuten stünden den im Ausland (und in Deutschland) hochschulisch ausgebildeten Kollegen in nichts nach. Alleine für die Forschung ergebe eine hochschulische Ausbildung einen gewissen Sinn. Und mit dieser Position, die auch von der Bundesärztekammer ähnlich formuliert wird, steht Jens Spahn in der CDU / CSU-Fraktion auf Bundesebene nicht alleine da.

Der Hochschulverbund Gesundheitsfachberufe (HVG), der Verbund für Ausbildung und Studium in den Therapieberufen (VAST) und der Verband Leitender Lehrkräfte (VLL) sind sich einig: Diese Einschätzung basiert auf seit Langem tradierten Mythen, wie zum Beispiel, dass die berufsfachschulische Ausbildung in der Physiotherapie die gleiche Versorgungsqualität und -verantwortung ermögliche wie eine hochschulische Ausbildung.

Um Patienten effektiv, effizient und individuell behandeln zu können, ist eine fachschulische Ausbildung auf Niveaustufe vier des Deutschen Qualifikationsrahmens unzureichend – und die Anforderungen an Physiotherapeuten im Rahmen einer zukünftig komplexer werdenden Versorgung steigen. Ein weiterer Mythos besagt, dass die praktische therapeutische Ausbildung in Deutschland führend in Europa und der Welt sei.

Fakt ist: Die klinische Ausbildung an Patienten gilt insbesondere in der Physio- und Ergotherapie innerhalb der Berufsfachschulverbände als dringend reformbedürftig. Diese Situation wird durch die Einführung einer Ausbildungsvergütung, die Schüler als Arbeitskräfte definiert, nicht verbessert, sondern verschärft. Einige politische Stimmen teilen die Einschätzung des Wissenschaftsrates, dass es neben Aufgaben in der Forschung auch therapeutische Handlungsfelder bei hochkomplexen Fällen und insbesondere in interdisziplinären Teams gebe, die eine hochschulische Ausbildung erforderlich machen würden.

Über diese Beurteilung sollten wir uns aber nicht zu früh und nicht zu lange freuen: Sie unterschätzt die Anforderungen der alltäglichen therapeutischen Praxis und birgt die Gefahr einer Zwei-Klassen-Versorgung und damit einer Spaltung der Berufsgruppe.

Verbandsübergreifende Einigkeit

Im Hinblick auf die Notwendigkeit und Machbarkeit einer vollständig hochschulischen Primärqualifizierung in den Therapieberufen herrscht mittlerweile eine neue und erfreuliche Einigkeit zwischen den Berufsverbänden, den Schul- und Lehrerverbänden und dem Hochschulverbund Gesundheitsfachberufe.

Es besteht Konsens, dass komplexe Behandlungsfälle nicht auf wenige (multiprofessionelle) Arbeitsfelder beschränkt, sondern in der ambulanten, stationären und rehabilitativen Versorgung allgegenwärtig sind – und diese werden in Zukunft noch zunehmen. In der anstehenden Reform der Berufsgesetze müssen die Aufgaben und Ausbildungsziele auf Hochschulniveau formuliert werden – das haben die Teilnehmer der zweiten verbandsübergreifenden Konferenz zur Zukunft der Ausbildung in der Ergotherapie, Logopädie  /  Stimm-, Sprech- und Sprachtherapie, Physiotherapie und Ernährungstherapie am 12. Februar 2019 in Hildesheim noch einmal bekräftigt.

Deutschland ist dringend gefordert, an die europaweit üblichen Ausbildungsstandards anzuschließen. Wie eine solche Reform in einem Übergangszeitraum von zehn bis 15 Jahren umgesetzt werden kann, haben HVG und VAST in einem im November 2018 veröffentlichten Strategiepapier zur Notwendigkeit und Machbarkeit der vollständigen hochschulischen Ausbildung in der Ergotherapie, Logopädie und Physiotherapie begründet und dargelegt (siehe Surftipps).

Der Deutsche Verband für Physiotherapie (ZVK), der Bundesverband selbstständiger Physiotherapeuten (IFK) und der Verband Physikalische Therapie (VPT) unterstützen dieses Ziel. Besonders bemerkenswert ist, dass auch die Mitgliedsverbände des VAST das Papier unterstützen und sich aktiv in den Transformationsprozess zur hochschulischen Ausbildung einbringen werden.

Notwendigkeit der hochschulischen Primärqualifizierung

Die hochschulische Primärqualifizierung der Therapieberufe ist vor allem deshalb notwendig, weil sie die Voraussetzung einer zukunftssicheren, qualitativ hochwertigen Versorgung aller Patienten darstellt. Im Hinblick nicht nur auf therapeutische Interventionen, sondern auch auf Diagnostik, Prognose, Patientenorientierung et cetera hat sich mittlerweile ein umfassender internationaler Bestand an wissenschaftlichem und forschungsbasiertem Grundlagen-, Theorie- und Praxiswissen entwickelt.

Zugleich nimmt die Komplexität der Behandlungsanforderungen so zu, dass das verfügbare Wissen nur von akademisch ausgebildeten Therapeuten zum Wohle aller Patienten rezipiert, individualisiert und evidenzbasiert angewendet sowie systematisch weiterentwickelt werden kann. Aus diesem Grund werden Therapeuten in allen europäischen Ländern – außer Deutschland – flächendeckend in primärqualifizierenden Studiengängen ausgebildet.

Zudem ist nur an Hochschulen die systematische Entwicklung einer Therapiewissenschaft und Forschung möglich. Deutschland spielt in der internationalen Landschaft der klinisch-therapeutischen Forschung bislang nur eine randständige Rolle und bildet das europäische Schlusslicht einer wissenschaftsbasierten Versorgung.

Nicht zuletzt ist auch ein Beitrag zur dringend notwendigen Steigerung der Attraktivität der Therapieberufe zu erwarten. Angesichts einer Abiturientenquote von deutlich über 50 Prozent und der weiter wachsenden Nachfrage nach Studienplätzen im Gesundheitsbereich ist auch in Hinblick auf den Fachkräftemangel eine hochschulische Ausbildung das Mittel der Wahl. Zudem ist eine hochschulische Primärqualifizierung grundlegend für eine dauerhafte finanzielle Aufwertung der Therapie und die erforderliche Ausweitung therapeutischer Versorgungskompetenzen und -verantwortung.

Machbarkeit der hochschulischen Primärqualifizierung

Das von HVG und VAST entwickelte Strategiepapier enthält unter anderem Berechnungen zum Bedarf an Studienplätzen und Studiengängen in Deutschland sowie Ansatzpunkte zur Gestaltung eines Übergangs in einem Zeitraum von zehn bis 15 Jahren.

Um den heutigen Ausbildungsumfang zu erhalten, könnten die bereits existierenden circa 30 primärqualifizierenden Studiengänge von durchschnittlich 30 auf 60 Studienplätze aufgestockt und die rund 75 additiv-ausbildungsintegrierenden Studiengänge zu primärqualifizierenden Studiengängen mit ebenfalls jeweils 60 Studienplätzen weiterentwickelt werden.

Darüber hinaus müssten in einem Zeitraum von 15 Jahren pro Bundesland durchschnittlich 0,5 Studiengänge pro Jahr beziehungsweise alle zwei Jahre ein Studiengang eingerichtet werden. Danach wären die derzeit noch knapp 13.000 berufsfachschulischen Ausbildungsplätze in Studienplätze umgewandelt. Mit Blick auf die in Deutschland derzeit noch überwiegend nicht wissenschaftlich ausgebildeten Therapeuten und Lehrkräfte an Berufsfachschulen wurden Ansatzpunkte für Übergangsregelungen aus der Schweiz und aus Österreich vorgestellt.

Während in Österreich die Ausbildungen der bereits im Beruf tätigen Therapeuten den hochschulischen Bachelorabschlüssen gleichgestellt wurden, bietet man in der Schweiz die Möglichkeit eines nachträglichen Titelerwerbs an, der auf einer verkürzten akademischen Nachqualifikation beruht. Zudem werden in dem Strategiepapier auch finanzielle und rechtliche Aspekte erörtert.

Aufgabe der Stunde

Mittlerweile hat sich gezeigt, dass es auch im politischen Raum sowohl Unterstützer als auch Gegner der vollständigen hochschulischen Primärqualifizierung gibt. Es ist die Aufgabe der Stunde – nicht nur für die Verbände –, politische Akzeptanz und Unterstützung zu fordern und zu fördern, aber auch konstruktiv auf Bedenken und Probleme einzugehen.

So müssen die zukünftige Rolle der heutigen Schulen und des Lehrpersonals und das Übergangsmanagement konzeptionell genauer gefasst werden. Vor allem mangelt es im politischen Raum aber weiterhin an Verständnis dafür, dass

  • die quantitativ und qualitativ ansteigenden Versorgungsbedarfe erweiterte Qualifikationen immer dringlicher werden lassen,
  • eine zwölfjährige Schulausbildung auch für die Therapieberufe eine zentrale Ausgangsvoraussetzung sein sollte,
  • in einem Transformationsprozess hin zur hochschulischen Ausbildung die Chance enthalten ist, die praxisorientierte Ausbildungsqualität zu verbessern und dem „State of the Art“ anzunähern,
  • die in einen umfassenderen Professionalisierungsprozess eingebettete hochschulische Primärqualifizierung hilft, den Fachkräftemangel in der therapeutischen Versorgung zu vermeiden, anstatt ihn zu verschärfen.

 

Diese Aspekte noch besser und öffentlichkeitswirksamer zu kommunizieren, ist dringend geboten, da die Reform der Berufsgesetze und der Ausbildung bereits begonnen hat. Es muss klar werden, dass eine Politik, die ausschließlich auf die Verbesserung der monetären Attraktivität insbesondere der berufsfachschulischen Ausbildung in der Ergotherapie, Logopädie und Physiotherapie abzielt, rückwärtsgewandt ist und die Berufe, aber auch die Versorgungsqualität in eine Sackgasse führt. Für alle in der therapeutischen Praxis und an den Berufsfachschulen Tätigen müssen nun Lösungen für die zukünftige Berufsausübung gefunden werden, ohne dass sie gegenüber dem Status quo schlechtergestellt oder ihre Qualifikationen entwertet werden.

Surftipps

Hochschulverbund Gesundheitsfachberufe: www.hv-gesundheitsfachberufe.de

Verbund für Ausbildung und Studium in den Therapieberufen: http://www.vast-therapieberufe.de

Verband Leitender Lehrkräfte: http://www.physiotherapievll.de

Strategiepapier von HVG und VAST: http://bit.ly/StrategiepapierHVGundVAST

 

Danksagung

Wir danken Jutta Räbiger, Hilke Hansen, Andrea Pfingsten und Mieke Wasner für wertvolle Kommentare, Vorschläge und Unterstützung bei mehreren vorläufigen Fassungen und der Endfassung dieses Beitrags.

Das Strategiepapier wurde von Jutta Räbiger, Bernhard Borgetto, Hilke Hansen, Norina Lauer, Andrea Pfingsten, Andrea Warnke und Mieke Wasner (aktuelle und ehemalige Vorstandsmitglieder des HVG) sowie von Joachim Rottenecker (VAST) erarbeitet und verfasst.

Dranbleiben und mitdiskutieren

Auf der Website des HVG finden Interessierte unter anderem das Strategiepapier von HVG und VAST sowie die Pressemeldung zur zweiten verbandsübergreifenden Konferenz zur Zukunft der Ausbildung.

Auf der Fachtagung zu den Zielen und der Gestaltung der praktischen hochschulischen Ausbildung am 7. Juni 2019 an der Hochschule Fulda besteht darüber hinaus die Möglichkeit, sich an den anstehenden Diskussionen zu beteiligen. www.hv-gesundheitsfachberufe.de

Weitere Autoren:

Andreas Pust

Physiotherapeut und Diplom-Sportlehrer; Leiter der Schule für Physiotherapie Duisburg e. V.; Erster Vorsitzender des Verbandes Leitender Lehrkräfte an Schulen für Physiotherapie Deutschland e. V. (VLL). Kontakt: pust@sfptdu.com

Heft 5-2019

Autor 1

Prof. Dr. habil. Bernhard Borgetto

Studium der Soziologie und Volkswirtschaftslehre in Frankfurt am Main; Promotion in Heidelberg; Referent für Gesundheits- und Sozialpolitik der Deutschen Rheuma-Liga; Habilitation in Gesundheitswissenschaften in Bielefeld; Professur für Gesundheitsförderung und Prävention und Prodekan an der HAWK Hildesheim; Erster Vorsitzender des Hochschulverbunds Gesundheitsfachberufe e. V. (HVG).

bernhard.borgetto@hawk-hhg.de

Autor 2

Joachim Rottenecker

Ergotherapeut; Diplomstudium Medizinpädagogik an der Humboldt-Universität zu Berlin; ehemaliger Leiter der Ergotherapie-Schule an den Wannsee-Schulen e. V., Berlin; ehemaliger Vorsitzender des Verbandes Deutscher Ergotherapie-Schulen e. V. (VDES); Sprecher des Verbundes für Ausbildung und Studium in den Therapieberufen (VAST).

rottenecker@t-online.de