_Evidenzbasierte Therapie

Rekonstruktion des vorderen Kreuzbandes: Wie hängen Physiotherapie, Operationsart und Sportfähigkeit zusammen?

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Foto: Samrith Na Lumpoon / shutterstock.com

Sportliche junge Erwachsene erleiden häufig eine Ruptur des vorderen Kreuzbandes (VKB). In den USA unterziehen sich jährlich etwa 300.000 Betroffene einer OP. Trotz postoperativer Physiotherapie erreichen nur circa 65 Prozent wieder dieselbe Kniefunktion wie vor der Verletzung, zum Wettkampfsport kehren sogar nur 55 Prozent zurück. Daher interessierten sich US-amerikanische Forscher für klinische Zusammenhänge zwischen der Dauer und Frequenz der physiotherapeutischen Behandlung, der Rückkehr zum Sport und der Art des VKB-Transplantats (Patellar- oder Hamstringsehne). 60 Patienten (29 Männer) im Alter von 22,4 ± 9,2 Jahren mit unilateraler VKB-Rekonstruktion (53,6 Prozent Patellarsehne, 46,4 Prozent Hamstringsehne) wurden inkludiert. Ausschlusskriterien waren multiligamentäre Rupturen, andere Gelenksverletzungen der unteren Extremität in den vergangenen sechs Monaten und osteochondrale Läsionen. Eine Meniskektomie oder Meniskusnaht hingegen führte nicht zum Ausschluss. Vor der vollen Freigabe aller körperlicher Belastungen durch den Arzt, durchschnittlich 6,3 ± 1,3 Monate postoperativ, durchliefen die Probanden ein Assessment zur Feststellung ihrer Leistungsfähigkeit und schätzten ihre Kniefunktion ein. Innerhalb der darauffolgenden sechs Monate beantworteten sie einen physiotherapeutischen Fragebogen. Die im Labor gemessenen klinischen Zielgrößen waren die maximale isometrische Kontraktionsfähigkeit (MVIC) während Knieextension, das Spitzendrehmoment bei isokinetischer Knieextension, die horizontale Distanz beim einbeinigen Sprung (Single Leg Hop) sowie Sportfähigkeit und Funktion, evaluiert mit der International Knee Documentation Committee (IKDC) Subjective Knee Evaluation Form. Die Ergebnisse der Fragebogenauswertung ergaben, dass Patienten im Durchschnitt zweimal wöchentlich für circa 25 Wochen Physiotherapie erhalten hatten. 56,7 Prozent kehrten nach durchschnittlich sieben Monaten postoperativ wieder zum Sport zurück, obwohl sich der Großteil (73,3 Prozent) noch nicht wieder bereit fühlte. Das isokinetische Drehmoment und die Symmetrie beim einbeinigen Sprung waren bei ihnen reduziert, nachdem sie weniger Physiotherapietermine wahrgenommen hatten. Der häufigste Grund für die Beendigung der Physiotherapie war die Beurteilung durch den betreuenden Therapeuten (80,4 Prozent). Obwohl Patienten mit einem Patellarsehnentransplantat mehr Physiotherapie in Anspruch genommen hatten als Personen mit einem Hamstringtransplantat, wiesen sie schlechtere Ergebnisse in der maximalen isometrischen Kraft und der Symmetrie während der isometrischen und isokinetischen Kraftentwicklung des M. quadriceps zwischen dem operierten und dem nicht betroffenen Bein auf. Die Autoren schlussfolgern, dass sich viele Patienten nach Rekonstruktion des vorderen Kreuzbandes und nach Ende der physiotherapeutischen Rehabilitation nicht bereit fühlen, ihren Sport wieder aufzunehmen. Die klinischen Outcomes waren schlechter bei denjenigen, die wieder Sport trieben – dies könnte darauf hindeuten, dass sie verfrüht, also vor einer ausreichenden Wiederherstellung der Muskelkraft wieder aktiv geworden waren.

Quelle: Dempsey IJ, et al. 2017. Relationship between physical therapy characteristics, surgical procedure, and clinical outcomes in patients after ACL reconstruction. J. Sport Rehabil. Nov 15. [Epub ahead of print]

Link zum Abstract: www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/29140169

 

Heft 02-2018


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pt_Redaktion

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