_Praxis

Return to Stage

​Moderne Diagnosemöglichkeiten für verletzte Tänzer

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​Return-to-Sports-Assessments stehen im Fokus, wenn darüber entschieden werden muss, ob und wann ein verletzter Athlet seinen Sport wieder ausüben darf. Profitänzer unterliegen einer ähnlich hohen körperlichen Belastung. Unser Autor stellt einfache Tests vor, deren Ergebnisse die Frage „Wann kann ich wieder auf die Bühne?” beantworten können. Ein Fallbeispiel mit reichlich Filmmaterial online.

Die Gretchenfrage

Hat sich ein Patient seine Verletzung – sei es ein vorderer oder hinterer Kreuzbandriss, eine Sprunggelenksdistorsion, ein Achillessehnenriss oder Ähnliches – beim Sport zugezogen, so ist eine der dringendsten Fragen: „Wann kann ich meinen Sport wieder ausüben?” Diese Frage aus physiotherapeutischer oder auch aus ärztlicher Sicht zu beantworten, ist äußerst schwer und nicht selten risikobehaftet – sind es doch eigentlich nur mehr oder weniger subjektive Kriterien, die als Parameter dienen, einem verletzten Athleten in der Rekonvaleszenz grünes Licht zur Wiederaufnahme seiner Sportart zu geben. Dabei gehen Physiotherapeuten im Seitenvergleich nach Muskelumfängen, Bewegungsamplituden im betroffenen Gelenk, subjektiver Beobachtung des Patienten beim propriozeptiven Reorientierungstraining und Ähnlichem. Objektive Parameter jedoch sind schwer zu greifen, zumal eine regelrechte und umfassende Sportfähigkeit auch in Bezug auf Kontakt- und Wettkampfsportarten sehr viel mehr erfordert als quantitative Fortschritte hinsichtlich Muskelumfängen und Bewegungsamplituden.

Foto: doodko / shutterstock.com

Hier ist insbesondere auch gefragt, inwiefern der Patient propriozeptiv und neuromuskulär in der Lage ist, nach einer Verletzung / Operation die betroffene Extremität und den ganzen Körper in ausreichendem Maße zu belasten und vor äußeren Einflüssen (zum Beispiel Gegnerkontakt) zu schützen.


Valide Daten durch sieben Tests

Was vielerorts fehlt, ist ein Assessment, das mit wenig Geräte-, Kosten- und Zeitaufwand die entscheidende Frage beantwortet, wann ein verletzter Athlet seinen Sport wieder aufnehmen kann. Hierzu dient ein recht einfaches, aber solides Verfahren, das in circa 30 Minuten mithilfe von sieben unterschiedlichen Tests valide Daten erhebt und eine konkrete Aussage liefert. Am Beispiel einer Berufstänzerin wird erläutert, aus welchen Einzeltests sich das Verfahren zusammensetzt und wie dadurch ihre Sport- beziehungsweise Tanztauglichkeit beurteilt werden kann.

Erfahren Sie mehr zu Experte Andreas Stommel und seinen Erfahrungen mit Profitänzer:


Fallbeispiel

Alexia Assad ist 35 Jahre alt und Berufstänzerin. Im Juni 2017 hat sie sich auf der Bühne während eines Andrea Berg-Konzertes eine Kniegelenksdistorsion rechts zugezogen. Dabei kam es zu einer Läsion des Innenmeniskushinterhorns, die sich sehr schnell als Operationsindikation herausstellte. Wenige Wochen später wurde eine Kniearthroskopie mit subtotaler Innenmeniskushinterhornresektion und partieller Synovektomie durchgeführt. Der Eingriff verlief komplikationsfrei. Die Patientin bekam als gesetzlich Versicherte jedoch lediglich zwölf Einheiten Physiotherapie von ihrem Hausarzt verordnet. In einer physiotherapeutischen Praxis wurden diese Behandlungen dann durchgeführt, sodass das Knie der Tänzerin im Alltag relativ rasch wieder belastbar wurde.


Schlecht beraten?

Als freiberufliche Tänzerin hatte Alexia jedoch leider keine angemessene Beratung, wann und inwiefern eine Wiederaufnahme ihres Tanztrainings erlaubt sei. Zum einen hatte sie durch die Verletzung ohnehin schon über einige Wochen hinweg kein Einkommen, zum anderen hatte sie Respekt vor einem Comeback, sodass sie Angst hatte, sich zu früh zu belasten und sich so unter Umständen neu zu verletzen. Da ich seit vielen Jahren als Physiotherapeut überwiegend mit Tänzerinnen und Tänzern arbeite, kontaktierte mich Alexia mit genau dieser Frage: „Wann darf ich wieder anfangen zu tanzen?” Daraufhin kamen folgende Tests zum Einsatz, von denen einige im pt-Fachvideo demonstriert werden.


Die Testbatterie

Two-Legs-Stability-Test

Der Test wird beidbeinig auf einem Balance-Board ausgeführt (Abb. 1). Dabei gilt es im Stand über einen Zeitraum von 20 Sekunden so wenige Abweichungen wie möglich aus der Mitte zu erzeugen. In Anlehnung an die Vergleichsgruppe weist Alexia beim beidbeinigen Stabilitätstest sehr gute Werte auf. Mit einem Balance-Score von 1,5 Punkten im zweiten Versuch liegt sie hier weit über dem Durchschnitt. Der Score kann dabei mit Schulnoten verglichen werden (1,0 = sehr gut bis 5,0 = sehr schlecht) (Tab. 1).

One-Leg-Stability-Test

Im Seitenvergleich weist Alexia in diesem Test (Abb. 2) in Anlehnung an die Vergleichsgruppe auf der gesunden linken Seite ebenfalls sehr gute Werte auf; die ersten Defizite zu Ungunsten der betroffenen Seite können dokumentiert werden. Das Seitendefizit liegt hier bei 16 Prozent (Tab. 1).

Two-Legs-Counter-Movement-Jump(CMJ)-Test

Dieser Test findet mithilfe eines Sprungsensors statt. Dabei werden beidbeinig sowie einbeinig die Sprunghöhe und -kraft der Patientin gemessen (Abb. 3). Bei den vertikalen Sprüngen zeigen sich bei Alexia insgesamt defizitäre Werte. In Anlehnung an die Vergleichsgruppe weist sie zwar bei der Abdruckkraft mit 31,0 Watt pro Kilogramm Normwerte auf, bei der Sprunghöhe sind ihre Werte mit maximal 23,2 Zentimetern im Vergleich zur Referenzgruppe allerdings als schwach zu beurteilen (Tab. 2).

 

One-Leg-Counter-Movement-Jump(CMJ)-Test

Bei der Durchführung von einbeinigen Sprüngen sind weitere Defizite auf der operierten Seite zu verzeichnen. Mit 13,3 Zentimetern rechts und 16,2 Zentimetern links weist Alexia bei der Sprunghöhe ein Defizit von 24 Prozent gegenüber der gesunden Seite auf. Bei der Abdruckkraft erreicht sie 19 Watt pro Kilogramm auf der rechten Seite und 22 Watt pro Kilogramm auf der linken Seite; das Defizit auf der operierten Seite beträgt somit 20 Prozent (Tab. 2).

Plyometric-Jumps-Test

Bei diesem Test geht es um eine möglichst kurze Bodenkontaktzeit bei fünf aufeinanderfolgenden plyometrischen Sprüngen. Dieser Test wird ausschließlich beidbeinig durchgeführt. Die Tänzerin zeigt hier in Anlehnung an die Vergleichsgruppe insgesamt schwache Werte. Die Sprunghöhe beträgt durchschnittlich 16,7 Zentimeter mit einer Bodenkontaktzeit von 172 Millisekunden (Tab. 3).

Parcours-Test

Hier muss die Patientin einen vorgegebenen Parcours mit einbeinigen Sprüngen vor, zurück und seitlich in möglichst kurzer Zeit absolvieren. Auch bei diesem Test, der im pt-Fachvideo ausführlich gezeigt wird, weist die operierte rechte Seite Defizite auf, die jedoch bei lediglich vier Prozent liegen. Im schnellsten der beiden Durchgänge erzielt Alexia auf dem rechten Bein eine Zeit von 9,6 Sekunden, mit dem gesunden linken Bein sind es 9,2 Sekunden (Tab. 3).

Sehen Sie den Parcour-Test im pt-Fachvideo:

Quick-Feet-Test

Die Patientin soll 30 Bodenkontakte in ein vorgegebenes Feld bei maximaler Geschwindigkeit ausführen. Bei diesem Test werden beide unteren Extremitäten zusammen beurteilt. Hier erzielt Alexia mit 10,6 Sekunden im Vergleich zur Referenzgruppe Normwerte (Tab. 3).

Y-Balance-Test (funktionelle Bewegungsfähigkeit)

Bei diesem Test muss die Tänzerin auf dem Y-Balance-Board im Einbeinstand unterschiedliche vorgegebene Positionen einnehmen. Unterdessen ist ein Marker entlang einer Schiene so weit wie möglich zu verschieben, ohne dass dabei der stabile Einbeinstand aufgegeben wird. So werden Beweglichkeit, neuromuskuläre Kontrolle und Bewegungsausmaß gemessen.

In posteromedialer Richtung weist Alexia im Seitenvergleich ein Defizit von sieben Zentimetern zu Ungunsten der operierten Seite auf, in posterolateraler Richtung liegt ein Defizit von sechs Zentimetern vor. In anteriorer Richtung beträgt das Defizit nur einen Zentimeter.

Heft 03-2018


Autor

Andreas Stommel

Seit 1991 Physiotherapeut mit Zusatzausbildungen u. a. in Manueller Therapie und Sportphysiotherapie; seit 1995 leitender Physiotherapeut und Geschäftsführer einer ambulanten Reha-Klinik; Tätigkeitsschwerpunkte: Behandlung von Patienten mit Erkrankungen des Bewegungsapparates, physiotherapeutische Betreuung von Hochleistungssportlern und Tänzern.

a.stommel@reha-bonn.de

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