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Schulgeldfreiheit: Wir halten den Druck in Richtung Politik weiter hoch

Im Gespräch mit Andrea Rädlein

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Die bundesweite Aktion des Spitzenverbandes der Heilmittelverbände (SHV) startete am 4. September 2017. Politik, Krankenkassen und die Öffentlichkeit sind die Adressaten der Kampagne. Den Auftakt machte der SHV vor einem Monat mit dem Thema Vergütung. Am 4. Oktober 2017 informierte der SHV nun zum Thema Schulgeldfreiheit. Die pt fragte nach.

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Andrea Rädlein, stellvertretende SHV-Vorsitzende
Foto: ZVK

Die Forderung „kostenfreie Ausbildung für Therapeuten“ klingt gut – aber wer soll das bezahlen?

Grundsätzlich ist es Sache des Staates, die Ausbildung einer ausreichenden Zahl an Therapeuten für eine flächendeckende und wohnortnahe Versorgung zu finanzieren. In Deutschland ist die Finanzierungssituation der Ausbildungen in den Gesundheitsfachberufen allerdings etwas komplizierter. Es gibt staatliche Zuschüsse für Ausbildungsstätten in den Bundesländern wie beispielsweise für Ausbildungsstätten an Universitätskliniken. Aber auch die Gesetzliche Krankenversicherung ist verpflichtet, die Ausbildung der Gesundheitsberufe mit zu finanzieren. Dies gilt insbesondere für den Krankenhaussektor. Ein nicht unerheblicher Teil der Kosten – besonders an nicht-staatlichen Ausbildungsstätten – wird aber nach wie vor von den angehenden Kolleginnen und Kollegen selbst finanziert. Das darf nicht länger so bleiben. Hier muss es staatliche Regelungen geben, die eine kostenfreie Ausbildung ermöglichen und gleichzeitig dem Bedarf an Therapeuten gerecht werden.

Wie soll eine kostenfreie Ausbildung konkret umgesetzt werden? Welche Aufgaben übernimmt der SHV in dem Prozess?

Wir führen intensive Gespräche mit der Politik zu diesem Thema – auf Bundes- und auch auf Landesebene. Hier sind die Mitgliedsverbände des SHV gut vernetzt und aktiv. Es ist wichtig, bei diesem Thema zweigleisig zu fahren. Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe sprach offen über die Notwendigkeit einer kostenfreien Ausbildung für Therapeuten und auch die Gesundheitsminister der Länder drängen auf eine Modernisierung der Berufsgesetze für Therapeuten. Das Thema ist bundesweit in der Politik angekommen. Das ist das Ergebnis von vielen einzelnen Gesprächen und Bemühungen. Wir als SHV halten den Druck in Richtung Politik weiter hoch, damit die Absichtsbekundungen der Parteien vor der Wahl nun auch – möglichst zeitnah – in die gesetzgeberische Umsetzung kommen.

Welche Aufgaben haben die Schulen, Hochschulen und Universitäten dabei?

Wir als Therapeuten emanzipieren uns und wissen, was wir leisten. Uns ist bewusst, dass Forderungen nach kostenfreier Ausbildung sicher auch Anforderungen an die jeweiligen Ausbildungsstätten stellen. Sowohl die fachschulische als auch die hochschulische Ausbildung benötigen finanzielle Unterstützung von Bund, Ländern, Krankenkassen, Krankenhäusern und allen für die Finanzierung zur Verfügung stehenden Akteuren. Eine erste Ausbildung, ein erstes Studium muss kostenfrei sein. Als SHV stehen wir mit vielen Institutionen und Treibern der Weiterentwicklung unserer Berufe im Austausch. Für uns steht fest, dass wir als SHV gemeinsam mit den Verantwortlichen aus den verschiedenen Bildungsbereichen für den Fortschritt und die weitere Aufwertung unserer Berufe einstehen. Dazu zählt für uns auch die therapeutische Wissenschaft, die wir brauchen, um unsere Berufe weiter zu etablieren und immer mehr Belege für unser Handeln zu schaffen.

Welches Feedback bekommen Sie aus der Bildungslandschaft zu dieser Forderung?

Die Ausbildungszahlen sind rückläufig bei steigendem Bedarf an Therapeuten. Die Branche ist sich bei diesem Thema sehr einig – die Therapieberufe müssen insgesamt attraktiver werden, um Nachwuchs zu gewinnen.

Bleibt die Anzahl der Ausbildungseinrichtungen gleich oder ist damit zu rechnen, dass Schulen schließen müssen?

Fakt ist, dass Heilmittel unverzichtbar sind und eine wichtige Säule in der Patientenversorgung darstellen. Um den Bedarf zu decken, braucht es mehr Therapeuten und nicht weniger.

Vor der Wahl haben die großen Parteien die Forderung nach einer kostenlosen Ausbildung der Therapeuten auf ihre politische Agenda gesetzt. Theoretisch wollen es also alle wichtigen Akteure. Rechnen Sie damit, dass sich diese Forderung wirklich sofort im Koalitionsvertrag wiederfinden wird? Und was tun Sie wenn dies nicht geschieht?

Wir rechnen damit, dass die Stärkung der Gesundheitsberufe im Koalitionsvertrag verankert sein wird. Je detaillierter dieser Punkt ausformuliert wird, desto besser ist es für die politische Umsetzung in der kommenden Legislatur. Unsere Forderungen dazu liegen auf dem Tisch – neben der kostenfreien Ausbildung geht es dem SHV um eine dauerhafte finanzielle Aufwertung der Therapieberufe, um mehr Autonomie in der Berufsausübung und schlussendlich um eine möglichst zeitnahe Modernisierung unserer Berufsgesetze. Es geht um die Sicherung der Patientenversorgung. Hier müssen Politik, aber auch Krankenkassen verantwortlich handeln – für die Patienten, aber eben auch für uns Therapeuten. Wir werden nicht locker lassen, das einzufordern und über den IST-Stand zu informieren. Wir setzen den dialogorientierten Weg der letzten Jahre konsequent fort.

Das Gespräch führte Tanja Boßmann

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Autor

Tanja Boßmann

Physiotherapeutin; 2007 Abschluss des Masterstudiums an der Phi­lipps-Universität Marburg; Chefredakteurin, pt_Zeitschrift für Physiotherapeuten; seit 2012 wissenschaftliche Mitarbeiterin Fakultät für Sport- und Ge­sund­heitwissenschaften, FB kons. und rehab. Orthopädie, Technische Universität München.

tanja.bossmann@pflaum.de

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