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„Tour de Spahn – von einem, der auszog, weil ihn sein Therapeutenjob in die Insolvenz führt“

Im Gespräch mit Jens Uhlhorn

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Die (physiotherapeutische) Welt war in den letzten Tagen in Aufruhr: Da radelt ein gestandener Physiotherapeut und Unternehmer nach Berlin, um Politikern sein Leid zu klagen. Der Kollege Heiko Schneider ist am Limit – „Therapeuten am Limit“ nennt sich deshalb auch die Gruppe, die sich um ihn organisiert hat. Eine „lockere Gruppe“, die sich auch weiter zu Themen rund um die Therapie äußern will, „transparent und hörbar“. Jens Uhlhorn ist Mitorganisator und „vor allem für die Finanzen zuständig“. Um die Tour nach Berlin zu begleiten, hat er eine Woche Urlaub genommen. Vor ein paar Tagen wollten sie den Bundesgesundheitsminister besuchen, vergebens.

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Jens, wie kam es zu „Therapeuten am Limit“ (TAL)? 

Das ging alles von Heiko Schneider in Frankfurt aus, der komplett am Limit arbeitet, weil er keine Mitarbeiter mehr findet und vor der Insolvenz steht. Der hat sich im März hingesetzt und einen Brandbrief (1) geschrieben. Er hat den Text insgesamt hundertmal verschickt. Daraufhin hat sich eine Krankenkasse despektierlich geäußert, in dem Sinn, dass die geschilderten Umstände keine seien, die flächendeckend zuträfen. Laut dieser Krankenkasse gab es keinen Handlungsbedarf. Heiko hat dann eine Mailadresse eingerichtet und Hunderte von Briefen in nur wenigen Tagen erhalten. Insgesamt waren es schließlich über 1.000 Briefe, aus der gesamten Heilmittelbranche. Die Kolleginnen und Kollegen haben darin ihr Leid geklagt und beschrieben, was sie persönlich ans Limit bringt. Wir hatten also zwei Ordner voller Briefe. Heiko meinte dazu: „Ich muss die Briefe nach Berlin bringen, damit man dort weiß, was los ist.“ Er konnte es sich aber nicht leisten, seine Praxis eine Woche lang zu schließen, und musste die Briefe auf eine Art und Weise in die Hauptstadt bringen, die er sich leisten konnte. Ich fand, dass die Aktion das Potenzial hatte, durch die Decke zu gehen; wir brauchten also Sponsorengelder. Innerhalb von einer Stunde hatte ich die Finanzierungszusage von Unternehmen und größeren Therapiezentren. Wir haben die Aktion dann im Internet angekündigt. Auf unserer Webseite (2) hatten wir bisher 770.000 Zugriffe, auf Facebook 390.000 und 70.000 Interaktionen.

Ein Koffer voller Geld? Nein, 1.000 Briefe von Kolleginnen und Kollegen, die von „Therapeuten am Limit“ dem Gesundheitsausschuss in Berlin übergeben wurden: (v.l.n.r.) Jens Uhlhorn, Volker Brünger, Maria Klein-Schmeink (Bündnis 90 / Die Grünen), Heiko Schneider.
Foto: Jens Uhlhorn

Wie ging es weiter?

Wir haben gesagt: Okay, wenn wir nach Berlin fahren, dann auch richtig. Wir haben Termine mit dem AOK-Bundesverband gemacht, mit den Parteien Grüne, SPD und CDU. Schließlich haben wir auch das Bundesgesundheitsministerium (BGM) kontaktiert. Jens Spahn, der Bundesgesundheitsminister, wusste also, dass wir kamen. Wir haben aber schon im Vorfeld gesehen: Das geht in die Hose. Es waren immer andere Leute für uns zuständig.

Was ist während der Protestradtour passiert?

Das Interesse und die Solidarität unter den Kollegen hat während der Fahrt stark zugenommen. Heiko wurde gefeiert wie ein Popstar – weil er Hoffnung gegeben hat. Wir haben täglich unzählige Nachrichten bekommen, in denen Therapeuten schrieben: „Endlich tut sich was!“ Auf dem Weg nach Berlin waren wir auch in Northeim, um mit dem Physiotherapeuten Dr. Roy Kühne zu diskutieren, dem Bundestagsabgeordneten und Berichterstatter für Heilmittelerbringer der CDU / CSU-Bundestagsfraktion.

Die letzte Etappe der Radtour ging bis vors BGM. Was ist dort passiert?

Minister Spahn wusste, dass wir kommen. Er hätte einen Staatssekretär schicken können oder einen Abteilungsleiter. Der Einzige, der mit uns gesprochen hat, war jemand mit Berliner Schnauze und ohne erkennbare Funktion: „Geben se ma her das Zeuch, dann gebe ich dat den Kollegen“, meinte der zu uns. Die Briefe waren für uns aber zu wertvoll. Wir haben sie einzeln abgegeben, dabei bekommt man eine offizielle Bearbeitungsnummer und hat dann auch einen Rechtsanspruch auf Beantwortung innerhalb von sechs Wochen. Es waren circa 1.000 Leute vor Ort, damit haben wir selbst nicht gerechnet.

Dann wart ihr einen Tag später vor dem versammelten Gesundheitsausschuss. Was habt ihr dort erreicht?

Da kommst du nur rein, wenn du auch akkreditiert bist, 24 Stunden vorher. Wir sind von Dr. Achim Kessler (Die Linke) eingeladen worden. Der war entsetzt darüber, wie das BGM reagiert hat. Die Abgeordneten aller Fraktionen waren entsetzt über den Umgang des BGM mit uns. Wir wurden dann mal eben dazu eingeladen, um vorzutragen, was los ist. Erwin Rüdel (CDU), der Ausschussvorsitzende, meinte, er würde die Aktion genau verfolgen. „Wenn ihr weiter Gas gebt, erreicht ihr was!“

War die Aktion ein Erfolg?

Ja, die Aktion war in ganz vielen Aspekten ein Erfolg. Zum einen sind wir politisch wahrgenommen worden, man beschäftigt sich mit uns. Wir sind verantwortungsvoll mit den Briefen der Kollegen umgegangen. Es gab eine unglaubliche Solidarisierungswelle. Das Zusammengehörigkeitsgefühl hat uns unmittelbar erreicht und enorm beflügelt. Auf persönlicher Ebene: In meiner politischen Karriere, die bereits 35 Jahre anhält, war das die beste Erfahrung, die ich gemacht habe. Trotz der Entbehrungen und des Stresses hat es einen Riesenspaß gemacht.

Von wem habt ihr Unterstützung bekommen?

Es gab sehr offene und ehrliche Gespräche mit Physio-Deutschland, VPT und VDB, die auch signalisiert haben, dass sie die Aktion unterschätzt haben. Wir haben konkrete Anfragen für eine weitere Zusammenarbeit. Von diesen Verbänden gab es auch finanzielle und logistische Unterstützung. Support kam auch von den Logo- und Ergoverbänden, insgesamt haben uns 16 Verbände unterstützt.

Was plant ihr als Nächstes?

Wir planen „Patienten am Limit“ und wollen Versorgungsmangel dokumentieren.

Willst du noch was sagen?

Wir werden auf jeden Fall weitermachen. Wir werden uns nicht in einen Verband wandeln. Wir werden laut, aggressiv und fordernd sein. Die Zeiten der gebückten Haltung sind vorbei!

Vielen Dank für das Gespräch!

Sehr gerne!

Das Gespräch führte Jörg Stanko.

Gesprächspartner

Jens Uhlhorn

Fotostudio Querformat 28844 Weyhe www.querformat-weyhe.de

Studium der Rechtswissenschaften (ohne Abschluss); seit 1996 als Physiotherapeut mit mehreren Partnern und Reha-Zentren selbstständig; Unternehmensberater mit den Schwerpunkten Unternehmensstrukturierung, Unternehmensnachfolge, alternative Modelle der Selbstständigkeit; seit 1983 aktiv in der Kommunalpolitik; Mitglied von Bündnis 90 / Die Grünen; Initiator von „Therapeuten für Kühne“; Mitinitiator von „Therapeuten am Limit“. Kontakt: jens.uhlhorn@posteo.de

Literatur

  1. Schneider H. 2018. Brandbrief: Existenz und Gesundheit der freiberuflichen Physiotherapeuten in höchster Gefahr. therapeuten-am-limit.de/wp-content/uploads/2018/04/Brandbrief-Heiko-Schneider.pdf; Zugriff am 7.6.2018
  2. Schneider H. 2018. Therapeuten am Limit. therapeuten-am-limit.de; Zugriff am 7.6.2018

Autor

Jörg Stanko

Physiotherapeut seit 1992; bis 2013 in verschiedenen Praxen und Krankenhäusern tätig; Schriftsteller; schreibt Romane, Kinder­bücher und Ruhrgebietskrimis; Referent für kreatives Schreiben; Vater eines Sohnes; freier pt-Autor und pt-Redakteur

stanko@pflaum.de

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