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​... und wieder locker lassen! ​

​Heute schon den Bauch entspannt? ​

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Foto: konontsev_artem/ Shutterstock.com

Es gibt in der Physiotherapie so einige Tabuthemen. Die üblichen, wie #MeToo-Fragestellungen mit Patienten oder mangelnde Hygiene sind ja nur die Spitze des Eisberges. Darunter verbergen sich Unmengen an Unausgesprochenem: das eigene Alter, die eigene Fitness, die Erwartungshaltungen von Patienten, das Bild von uns in der Öffentlichkeit. Wenig verbreitet ist dort die Vorstellung von Physiotherapeutinnen, die mit den Waffen der Wissenschaft der Evidenz von Therapiemaßnahmen zu Leibe rücken. Gerne sieht man auf Werbeplakaten hingegen junge, sympathische Fräuleins bei Luftsprüngen, mit Thera-Bändern, Kettlebells und Wirbelsäulenmodellen unter dem Arm, stets lächelnd, immer gut drauf, natürlich fit, 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche.

Neulich kam ein Medien-Dienstleister wieder zu der Erkenntnis, dass Physiotherapeutinnen in Umfragen auf Platz eins stehen, in denen Männer mit Bindungswunsch danach befragt wurden, in welchen Berufen sie potenzielle Partnerinnen besonders attraktiv finden. Mit welcher Eigenschaft unser Beruf dort assoziiert wird, überlasse ich jetzt mal der Fantasie der geneigten Leserinnen und Leser. Fachkompetenz ist es vermutlich nicht.

Szenenwechsel: Ich sehe dem Schauspieler Gérard Depardieu zu, wie er sich kreuz und quer durch Europa schlemmt – Schnecken in Katalonien, Brezen in Bayern, Schinken in Paris. Die Kamera fängt ihn ein, wie er sinnierend in Kohlfeldern steht oder nachdenklich ein mit der Flinte erlegtes Reh tätschelt, dabei stets die Vergänglichkeit und die Schönheit der Welt vor Augen, die Flüchtigkeit des Augenblicks. Im Gepäck hat er dabei einige Kilo Übergewicht. Diese Beschreibung schmeichelt ihm jetzt. Beim Betrachten der Filme fühlt man sich schlank und vom zügellosen Lebensgenuss weit entfernt.

Erneuter Szenenwechsel: Eine Patientin aus einer nicht bildungsfernen Schicht fragt mich, ob meine Hände denn auch gut versichert seien. Das sei doch unglaublich wichtig, wo wir doch so viel mit den Händen arbeiten würden. Sie habe gelesen, dass diese Stargeigerin ihre Hände auch versichert habe, sehr hoch! „Sie wären ohne Ihre Hände doch völlig aufgeschmissen!” Ich denke, wie recht sie hat. Habe noch nie darüber nachgedacht. Bin ja kein Musiker, sondern Berührungskünstler und Medizinmann. Kenne allerdings viele Kollegen, die in vertraulichen Gesprächen über Probleme mit ihren Daumensattelgelenken berichten. Da spricht nur niemand öffentlich drüber. Denn wir haben ja stets das Bild der jungen, frischen und fitten Physiotherapeuten vor Augen, selbst wenn wir älter werden. Wir werden nicht krank, wir haben keinen Bauch – wir sind Therapeuten.

Dabei wäre unserem Selbstbild vielleicht sogar geholfen, wenn wir ein bisschen mehr Gérard Depardieu in uns hätten und etwas weniger Germany’s Next Topmodel. Welche Befreiung hätte dieser Satz: „Heute habe ich leider kein Foto für dich!”

Heft 4-2018

Autor

Jörg Stanko

Physiotherapeut seit 1992; bis 2013 in verschiedenen Praxen und Krankenhäusern tätig; Schriftsteller; schreibt Romane, Kinder­bücher und Ruhrgebietskrimis; Referent für kreatives Schreiben; Vater eines Sohnes; freier pt-Autor und pt-Redakteur

stanko@pflaum.de

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