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... und wieder locker lassen!

Des eigenen Leibes Schmied

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Grafik: Lina Truman / shutterstock.com

Neulich traf ich einen alten Bekannten. Seine Leibesfülle hatte, sagen wir mal, etwas zugenommen, seitdem wir uns das letzte Mal begegnet waren. Nachdem wir die vergangenen Urlaube durchgearbeitet hatten, die Erfolge der Kids in der Schule, die aktuelle politische Lage und die Todesfälle in der Verwandtschaft, zog er mich vertraulich zur Seite und fragte mich, ob er mich mal was Privates fragen könne. Bei privat waren wir ja eigentlich schon, daher vermutete ich die 10.000-Euro-du-bist-doch-Physio-Frage: „Sach mal, hast du schon mal ’ne Bandscheibe behandelt?”, „Arthrose, kennst du dich damit aus?”, „Die Therapeuten in der Bundesliga, die drücken da doch immer so an den Spielern rum, meinste, das wäre auch was gegen meine Beschwerden?” Ich holte augenblicklich zum präventiven kumpelhaften Schulterklopfer aus: „Du, war schön, dich zu sehen, grüß die Gattin, aber ich muss jetzt, hab noch einiges zu erledigen …”, aber er war schneller. Überraschenderweise zog er gar nicht den Physio-Joker, sondern den Ernährungsberater-Joker.

Wir hatten das Problem schnell eingekreist: Er war ein typischer Stressesser. In der Vergangenheit hatte er jedes Mal, wenn es im Job emotional herausfordernd wurde, zum großen Schokoriegel mit den vielen Erdnüssen gegriffen – mehr als dreimal pro Tag. Er hatte schon selbst erkannt, dass das mengenmäßig anspruchsvoll war, und sich deshalb bereits eine Gegengewohnheit geschaffen: Er stopfte sich nun regelmäßig den kleineren Schokoriegel rein, der zumindest von sich selbst behauptet, auch Cerealien zu enthalten. Ich beglückwünschte meinen alten Kumpel, da sei er ja schon zu einer wichtigen Erkenntnis gelangt. Schlechte durch bessere Gewohnheiten ersetzen, jetzt statt dem kleinen bösen Riegel vielleicht noch eine Karotte, und die Gesundheit wäre schon bald wiederhergestellt. Wir hatten Tränen der Rührung in den Augen. So einfach war das mit der Männergesundheit.

Mein Ehrgeiz war geweckt. Jetzt müsse er noch ein gutes Bewegungsprogramm starten, um die Ernährungsumstellung zu unterstützen, gab ich von mir. Mein Freund bekannte daraufhin im Flüsterton, dass er ja unglaublich gerne beim Fernsehen mit den Zehen wackele. „Das könnte man doch ausbauen”, meinte ich, „beweg einfach mal beide Füße, nicht nur die Zehen.” Er lächelte. Unser Vertrauensverhältnis erreichte ein neues Level. Ich wurde wagemutig: „Oder streck mal die Knie durch, reck die Arme zur Decke oder STEH MAL AUF!” Er strahlte. Ich strahlte. Es ist so einfach, einen Physiotherapeuten zu erfreuen. Dann gingen die Pferde mit mir durch: „Wir könnten auch mal zusammen Squash spielen!” Der Glanz entwich seinen Augen. „Spinnst du? Das ist doch total anstrengend!” Er nickte kurz und verschwand um die nächste Straßenecke.

Die Kunst der niedrigschwelligen Reize … beim nächsten Mal wird sie wieder gelingen!

Tipp
Lesung mit Jörg Stanko aus dem Buch „Und wieder locker lassen!”
22. März, 19:00 Uhr: X-PHYSIO – Schule für Physiotherapie, Ellerstraße 67, Bonn

 

Heft 02-2018

Autor

Jörg Stanko

Physiotherapeut seit 1992; bis 2013 in verschiedenen Praxen und Krankenhäusern tätig; Schriftsteller; schreibt Romane, Kinder­bücher und Ruhrgebietskrimis; Referent für kreatives Schreiben; Vater eines Sohnes; freier pt-Autor und pt-Redakteur

stanko@pflaum.de

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