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... und wieder locker lassen!

Mit den Waffen des Internets

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Foto: Davizro Photography / shutterstock.com

Neulich habe ich beim Surfen ganz zufällig ein Ärzte-Bewertungsportal gefunden. Natürlich war ich neugierig und habe, nur so zum Spaß, mal den Namen meines Hausarztes eingegeben – und ratzfatz erschien folgender Text: „Er gehört zu den wenigen Ärzten, die sich wirklich noch Zeit für ihre Patienten nehmen, zuhören können und verständnisvoll im persönlichen Gespräch sind. Ein Vorbild für seinen Berufsstand!” Ja, so isser. Dann schaute ich bei einem Facharzt vorbei, den ich vor Kurzem konsultieren musste. Über ihn berichtete ein anonymer Patient: „Herr Dr. XY ließ mich nicht zu Wort kommen …” Ich dachte: Das kommt mir doch irgendwie bekannt vor, scheint wohl seine Behandlungsstrategie zu sein. Neben sich selbst erklärenden Noten für Behandlung, Aufklärung, Vertrauensverhältnis und Freundlichkeit konnte man in diesem Portal auch wirklich wichtige Dinge bewerten: Wartezeiten, Parkmöglichkeiten und – Achtung! – Entertainment. Scrollt man so durch die Kommentare, findet man tatsächlich höchst wertvolle Einsichten: „Waaahnsinn, der Doc hat einen Riesenflatscreen im Wartezimmer. HAMMER!” oder „Super, zwischen Darmspiegelung und Röntgen hat der Arzt noch Francis Underwood zitiert!” Hippokrates war gestern; heute muss der Mediziner auch einen Netflix-Faktor haben!

Einige furchtlose Physiotherapeuten konnte man in diesem Webportal ebenfalls finden. Bangen Herzens gab ich meinen Namen ein. Hunderte von Bewertungen erschienen: „Behandlung hat zwar nicht geholfen, war aber sehr lustig”, „Über Fußball weiß er eine ganze Menge …”, „Hilft mir immer und kennt sich manchmal sogar mit Physiotherapie aus”, „Man bekommt neben einer fundierten Behandlung auch noch gute Lese- und Restauranttipps”, „Herr S. interpretiert sein Handwerk ganzheitlich und weitreichend”, „… fand in ihm einen Freund fürs Leben …” Immer mindestens sechs Sterne von fünf möglichen. Im Bereich Entertainment sogar sieben! Ich wusste es – das bin ich. Das Internet bringt alles zum Vorschein, manchmal sogar die Wahrheit.

Welche unendlichen Möglichkeiten das World Wide Web doch bietet! Man könnte mal über Patienten-Bewertungsportale nachdenken. Mögliche Kriterien: Motivation, Freundlichkeit, Hygiene, Folgsamkeit, Empathie. Sehe schon die Kommentare vor mir: „Vorsicht! Bringt immer nur Zartbitterschokolade mit, und immer nur zu Ostern und Weihnachten”, „Ist ein fauler Mops, will immer nur Manuelle!”, „Trägt seit 30 Jahren die gleiche Sporthose”; aber auch: „Ist stets gut gelaunt, jammert nicht und bringt seinem Therapeuten regelmäßig einen Kaffee vorbei.” Und natürlich der Entertainmentfaktor: „Spoilert weder Game of Thrones noch Bundesligaergebnisse”, „Ist ein wertvoller Gesprächspartner mit Kernkompetenzen in Literatur, Film, Medizin und Sport”, „Spricht weder über Diäten, Erkrankungen von Verwandten noch über Politik.”

 

Heft 03-2018

Autor

Jörg Stanko

Physiotherapeut seit 1992; bis 2013 in verschiedenen Praxen und Krankenhäusern tätig; Schriftsteller; schreibt Romane, Kinder­bücher und Ruhrgebietskrimis; Referent für kreatives Schreiben; Vater eines Sohnes; freier pt-Autor und pt-Redakteur

stanko@pflaum.de

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