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... und wieder locker lassen!

Aber du machst das doch gerne, oder?

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Grafik: Myvector / shutterstock.com

Man kennt das ja, Physiotherapeut zu sein ist ein 24-Stunden-Job. Lange nach Dienstschluss erreichen uns Handyfotos von geschwollenen Knöcheln mit der Bitte um Ferndiagnose und therapeutische Empfehlungen: Muss ich damit in die Notaufnahme? Sofort? Kannst du da was machen? Eventuell jetzt? Oder hast du morgen früh um 6:30 Uhr noch einen Termin für mich frei?

Ferne Verwandte, verschollene Schulkollegen, längst vergessene Urlaubsfreunde oder flüchtige Partybekanntschaften – sobald ein Knochen gebrochen ist oder eine Bandscheibe drückt, erinnern sie sich an uns: „Du, ich hab da mal ne Frage …“ Egal, ob man selbst gerade am Herd steht, im Urlaub ist, Kinder ins Bett bringt oder im Fitnessstudio gegen eigene Beschwerden ankämpft: Wir sind physiotherapeutisches Freiwild. Ein Dafür-habe-ich-jetzt-eigentlich-keine-Zeit-Murmeln wird selten goutiert. Ein Satz mit den Bestandteilen „wohl“, „verdienter“ und „Feierabend“ wird immer irgendwie überhört, ein verschickter Link zu einem Medizinportal als Beleidigung empfunden.

Meine Frau meint, ich habe ein Abgrenzungsproblem. Ich meine das auch. Die Anrufer und WhatsApp-Schreiber sind hingegen der Ansicht, dass ich freundlicher, schneller und ausführlicher antworten könnte. Am besten gleich noch mit der Empfehlung des richtigen Chirurgen, Orthopäden oder Sportmediziners für das Problem, falls man doch einen Arzt benötigt („Du hast ja keine Zeit!“).

Ich bin jetzt dazu übergegangen, Rechnungen für Fachberatung zu verschicken. Selbst nach mehreren Mahnungen werden diese aber nicht beglichen. Meine Freunde halten sie für einen Witz und fühlen sich dadurch sogar ermutigt, mir noch häufiger Fragen zu stellen. Es gibt keinen Ausweg.

Durch eine gute Freundin und die modernen Smartphone-Möglichkeiten habe ich neulich den Fachkräftemangel mal aus Patientensicht miterleben dürfen. Ein chronisches Rückenproblem. Normale Büroarbeitszeiten. Nirgendwo in der näheren und ferneren Umgebung der Wohnung oder des Arbeitsplatzes war für sie ein sehr früher oder moderat später Termin für Manuelle Therapie zu bekommen. Das Rezept war dann abgelaufen, die zuständige Ärztin im Urlaub. Danach war eine Mitarbeiterin der Praxis krank. So vergingen ruckzuck mehrere Wochen, bis überhaupt mal eine Behandlung begann. Musste ich alles auf WhatsApp mitlesen. „Du bist doch bei so ’ner Physio-Zeitung. Schreib da doch mal was drüber.“ Habe versprochen, mich drum zu kümmern.

Falls also eine Frau mit schmerzverzerrtem Gesicht in eure Praxis kommt, die schon ganz wirr aussieht und behauptet, mich zu kennen: Bitte nehmt sie auf, gebt ihr einen Termin – ich muss sonst eine Geheimnummer beantragen oder auswandern. Oder, viel schlimmer: offline gehen.

Tipp
Die Glossen von Jörg Stanko gibt es jetzt auch als Buch: Stanko J. 2017. Und wieder locker lassen! München: Richard Pflaum Verlag
Lesungsanfragen an: info@literaturagentur.ruhr

 

Heft 09-2018


Autor

Jörg Stanko

Physiotherapeut seit 1992; bis 2013 in verschiedenen Praxen und Krankenhäusern tätig; Schriftsteller; schreibt Romane, Kinder­bücher und Ruhrgebietskrimis; Referent für kreatives Schreiben; Vater eines Sohnes; freier pt-Autor und pt-Redakteur

stanko@pflaum.de

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