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... und wieder locker lassen!

Zeitdingens, öhm, Management

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Grafik: Makyzz / shutterstock.com

Jeden Morgen habe ich einen Plan. Und jeden Abend merke ich: Mein Plan hat nicht funktioniert. Der Journalistenalltag hält so manche Überraschung parat.

Eigentlich habe ich für heute die Betreuung eines Titelbeitrags geplant. Ich muss mit dem Autor ein paar Einzelheiten klären, das Filmmaterial sichten und mit dem Cutter darüber beraten, was wir noch schneiden könnten. Herauskommen soll am Ende schließlich ein übersichtliches Fachvideo, das einerseits einen praktischen Wert für die Kollegen „da draußen“ hat, andererseits den Inhalt des Artikels sinnvoll vertieft.

Kurz nach sieben habe ich aber schon eine WhatsApp-Nachricht eines Lieblingskollegen erhalten: Ob wir das schon mitbekommen hätten? Eine wichtige Protestaktion, ganz wichtig, noch viel wichtiger als die Kreideaktionen im letzten Jahr! Wir telefonieren noch vor dem Frühstück und planen die baldige Übernahme von mindestens zwei Fraktionen im Bundestag für den kommenden Frühling. Power to the people!

Das mit dem Fachvideo wird zunächst nichts, weil sich unser Bundesgesundheitsminister schon wieder per Facebook-Live-Chat gemeldet hat. Dieses Mal war er nur drei Stunden online. Prima. Das schaffe ich also bis zum zweiten Kaffee. Muss allerdings auch noch einige Kommentare darunter lesen, da ich viele der Kommentierenden kenne. Nach 327 „Gefällt mir“, 112 „Traurig“, 13 „Wütend“ und 555 „Hoho“ bestelle ich eine Pizza. Ich muss schließlich auch zu Mittag essen. Mein Arzt hat mir dringend zu regelmäßigen Mahlzeiten geraten. Jetzt aber ran an den Film, in einer halben Stunde ist Redaktionskonferenz.

Wie immer haben wir viel Post bekommen. Einige Themen haben auch eine fachliche Relevanz. Wir bringen uns auf den neuesten Stand, beraten uns, ich halte ein Kurzreferat über die aktuellen Aussagen von Jens Spahn.

Dann: Zeit für Kaffee und Plätzchen (Vollkorn!). Wo habe ich eigentlich das Fachvideo abgespeichert? Mein Mailprogramm zeigt 50 neue Mails an, mein Anrufbeantworter drei neue Nachrichten. Zwei Kollegen muss ich zurückrufen. Es ist dringend.

Wollte zwischendurch eigentlich etwas Gymnastik machen. Schreibe wohl lieber „Functional Fitness“, das klingt besser. Wer schreibt heute noch „Krankengymnastik“? Auch wenn es immer noch so auf den Heilmittelverordnungen steht. Da muss sich was tun! Notiere mir die Idee für einen zukünftigen Kommentar. Mittlerweile ist es dämmrig. Ich kontrolliere noch zwei Artikelfahnen und schaue auf unserer Facebook-Seite nach dem Rechten. Ein Clip mit einer fitten Omi hat über 300 „Gefällt mir“, die aktuelle Erklärung des Spitzenverbands der Heilmittelerbringer drei. Leute, ihr müsst Prioritäten setzen! Apropos: ein letzter Blick auf das Fachvideo. Merke nach zwei Minuten: Es ist für heute vorbei mit der Konzentration. Ich setze es auf die Agenda für morgen.

Morgen ist schließlich auch noch ein Tag.

Buchtipp
Die Glossen von Jörg Stanko gibt es jetzt auch als Buch:

Stanko J. 2017. Und wieder locker lassen! München: Richard Pflaum Verlag

Lesungsanfragen an: info@literaturagentur.ruhr

 

 

Heft 04-2019


Autor

Jörg Stanko

Physiotherapeut seit 1992; bis 2013 in verschiedenen Praxen und Krankenhäusern tätig; Schriftsteller; schreibt Romane, Kinder­bücher und Ruhrgebietskrimis; Referent für kreatives Schreiben; Vater eines Sohnes; freier pt-Autor und pt-Redakteur

stanko@pflaum.de

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