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Update WCPT 2017: Prävention und Rehabilitation von Frakturen bei erhöhter Fragilität

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pt worldwide. Wir sind vor Ort in Kapstadt und berichten über ausgewählte Symposien vom Weltkongress der Physiotherapeuten 2017. Moderiert von Prof. Dr. Catherine Sherrington von der University of Sydney gaben die Experten Einblicke in die größten Forschungsprojekte zum Thema.

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Fragilität bedeutet grundsätzlich Zerbrechlichkeit. Im Zusammenhang mit Frakturen sind damit Knochenbrüche gemeint, die aufgrund zum Beispiel osteoporotischer Veränderungen des Knochens in Folge von Traumata auftreten, die normalerweise nicht zu einer Fraktur führen würden. Fragilitätsbedingte Frakturen sind mittlerweile zu einem großen Thema geworden. Derzeit laufen verschiedene große Forschungsprojekte, die jeweils interdisziplinär ausgerichtet sind und von einem Physiotherapeuten geleitet werden.

Die RESTORE-Studie läuft in Australien (1). Die Abkürzung steht dabei für Recovery Exercises and STepping On afteR fracturE. Geplant ist die Rekrutierung von mehr als 300 Teilnehmern im Alter von mindestens 60 Jahren mit einer sturzassoziierten Fraktur der unteren Extremität oder des Beckens, die nach der Rehabilitation wieder zuhause leben oder in einer Pflegeeinrichtung untergebracht sind. Die Teilnehmer der Interventionsgruppe erhalten über einen Zeitraum von einem Jahr zehn bis zu einstündige Hausbesuche sowie fünf Telefonanrufe von einem Physiotherapeuten mit Anleitung eines individuellen Übungsprogramms plus Einsatz von Techniken des Motivational Interviewing in Kombination mit individueller Beratung zur Sturzprävention oder Teilnahme am Gruppenprogramm „Stepping On“. Die ersten sechs Hausbesuche finden dabei in den ersten drei Monaten statt. Detaillierte Informationen zu dem eingesetzten Übungsprogramm sowie zum Gruppenprogramm „Stepping On“ gibt es übrigens online: www.webb.org.auwww.steppingon.com

Die Teilnehmer der Kontrollgruppe bekommen die herkömmliche Versorgung. Die wichtigsten Zielkriterien für die Beurteilung der Effektivität des Programms sind mobilitäts-assoziierte Einschränkungen sowie während der Studienlaufzeit eintretende Sturzereignisse.

Die PreFIT Studie kommt aus Großbritannien (2) und verfolgt das Ziel mehr als 9.000 Teilnehmer im Alter von 70 Jahren oder mehr zu rekrutieren. Es sind drei Studiengruppen geplant:

1) Informationsbroschüre alleine

2) Informationsbroschüre plus Übungen

3) Informationsbroschüre plus multifaktorielles Programm zur Sturzprävention – mit oder ohne Übungen

Die Informationsbroschüre zum Thema Sturzprävention, die allen Teilnehmern per Post zugeschickt wird, ist im Internet frei einsehbar: www.ageuk.org.uk/Documents/EN-GB/Information-guides/AgeUKIG14_staying_steady_inf.pdf?dtrk=true

Die Teilnehmer der zweiten Gruppe trainieren nach dem Otago Home Exercise Programme (OEP). Link zum Original: www.acc.co.nz/PRD_EXT_CSMP/groups/external_providers/documents/publications_promotion/prd_ctrb118334.pdf

Link zur Deutschen Version: www.physio-akademie.de/fileadmin/user/franzi/pdf/Menue_7_Service_u_Downloads/Otago-Uebungsprogramm.pdf

In der dritten Gruppe bekommen die Teilnehmer ein multifaktorielles Programm zur Sturzprävention. Dies beginnt mit einem ausführlichen Assessment. Je nach Ergebnis erhalten die Teilnehmer eine standardisierte Therapieempfehlung, die zum Beispiel auch die Durchführung des OEP beinhalten kann, aber nicht muss. Wichtigstes Zielkriterium ist die Frakturrate pro Teilnehmer pro Monat über den Studienzeitraum von 18 Monaten.

Ein brasilianisches Projekt läuft unter dem Namen REATIVE Studie (3) und untersucht 82 Teilnehmer im Alter von mindestens 60 Jahren, die in den letzten sechs bis 24 Monaten eine sturzbedingte Hüftfraktur erlitten haben. Die Interventionsgruppe führt ein Heimübungsprogramm durch – in den ersten drei Monaten angeleitet durch einen Physiotherapeuten, danach sollen die Teilnehmer anhand einer Broschüre eigenständig üben.

Prof. Dr. Monica Perracini Foto: Tanja Boßmann

Prof. Dr. Monica Perracini
Foto: Tanja Boßmann

Das Übungsprogramm besteht aus einem progressiven Gleichgewichtstraining sowie funktionellem Training für die untere Extremität. Insgesamt beträgt die Studiendauer ein Jahr. Die Kontrollgruppe erhält die herkömmliche Versorgung. Wichtigstes Zielkriterium sind mobilitätsbedingte Einschränkungen. Ebenso dokumentiert werden unter anderem das Auftreten von Stürzen, die Adhärenz sowie schädliche Nebenwirkungen.

In Bezug auf den Vergleich einer offenen Operation mit interner Fixation und einer konservativen Versorgung mit Ruhigstellung durch eine neuartige Gipsverbandtechnik (Close Contact Casting) für die Behandlung instabiler Sprunggelenksfrakturen bei Senioren über 60 Jahren liefert die AIM Studie aus Großbritannien interessante Ergebnisse (4). AIM steht für Ankle Injury Management. 620 Patienten mit instabiler Sprunggelenksfraktur wurden rekrutiert und erhielten entweder die Operation oder die konservative Versorgung.

Dr. David Keene Foto: Tanja Boßmann

Dr. David Keene
Foto: Tanja Boßmann

Zur Gipsverbandtechnik gibt es auch Videos: www.youtube.com/playlist?list=PL2Gg_an4nwPfIUC9RQV54Y2lbD76HiWcV

Die Ergebnisse: nach sechs Monaten wiesen die Patienten der konservativ versorgten Gruppe eine genauso gute Funktionsfähigkeit auf wie die operierten Patienten. 52 von 275 zunächst konservativ versorgten Patienten mussten dann allerdings doch noch operiert werden. Bei den operierten Patienten kam es häufiger zu Infektionen, bei den konservativ versorgten Patienten gab es häufiger zu Fehlstellungen des Knöchels. Ob sich die Ergebnisse auch langfristig bestätigen, wird noch untersucht.

Link zum WCPT Symposium: http://www.wcpt.org/wcpt2017/FS-04

Literatur

1) Sherrington C, et al. 2016. Exercise and fall prevention self- management to reduce mobility-related disability and falls after fall-related lower limb fracture in older people: protocol for the RESTORE (Recovery Exercises and STepping On afteR fracturE) randomised controlled trial. BMC Geriatrics 16:34

2) Bruce J, et al. 2016. A cluster randomised controlled trial of advice, exercise or multifactorial assessment to prevent falls and fractures in community-dwelling older adults: protocol for the prevention of falls injury trial (PreFIT). BMJ Open 6:e009362

3) Lima CA, et al. 2016. Effectiveness of a physical exercise intervention program in improving functional mobility in older adults after hip fracture in later stage rehabilitation: protocol of a randomized clinical trial (REATIVE Study). BMC Geriatrics 16:198

4) Keene DJ, et al. 2016. The Ankle Injury Management (AIM) trial: a pragmatic, multicentre, equivalence randomised controlled trial and economic evaluation comparing close contact casting with open surgical reduction and internal fixation in the treatment of unstable ankle fractures in patients aged over 60 years. Health Technol Assess 20:75

pt online 3.7.2017

Autor

Tanja Boßmann

Physiotherapeutin; 2007 Abschluss des Masterstudiums an der Phi­lipps-Universität Marburg; Chefredakteurin, pt_Zeitschrift für Physiotherapeuten; seit 2012 wissenschaftliche Mitarbeiterin Fakultät für Sport- und Ge­sund­heitwissenschaften, FB kons. und rehab. Orthopädie, Technische Universität München.

tanja.bossmann@pflaum.de

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