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Update WCPT 2017: Risikofaktoren für die Chronifizierung von Tendinopathien der Rotatorenmanschette

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pt worldwide. Wir sind vor Ort in Kapstadt und berichten über ausgewählte Symposien vom Weltkongress der Physiotherapeuten 2017. Moderiert von Prof. Dr. Jean-Sebatien Roy von der Laval University in Quebec, Kanada, beschäftigten sich Experten mit Risikofaktoren für die Chronifizierung bei diesen Patienten.

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Langfristig ist die Prognose nicht gut – mehr als 30 Prozent der Patienten leiden unter chronischen Beschwerden. Während des Symposiums sprachen die Experten über fünf wichtige Faktoren. Die folgenden Abschnitte geben einen kleinen Einblick in ein großes Themengebiet …

Prof. Dr. Jean-Sebastien Roy moderierte das Symposium Foto: Tanja Boßmann

Prof. Dr. Jean-Sebastien Roy moderierte das Symposium
Foto: Tanja Boßmann

Erstens: Sehnen der Rotatorenmanschette

Es gibt zwei Theorien, wie es zu Problemen an der Rotatorenmanschette kommen kann: Überlastung und Kompression. Die Evidenz für beide Mechanismen ist allerdings begrenzt. Externe mechanische Faktoren sind die Haltung, die Skapulabewegung, eine Schwäche der Skapulamuskulatur (1) und der Rotatorenmanschette selbst sowie die Laxizität der Schultergelenkskapsel. Diese Faktoren sind durch physiotherapeutische Behandlungen modifizierbar. Hinzu kommen intrinsische Faktoren wie die Vaskularisation der Sehne und der Alterungsprozess.

Prof. Dr. Lori Michener sprach über zwei wichtige Theorien Foto: Tanja Boßmann

Prof. Dr. Lori Michener sprach über zwei wichtige Theorien
Foto: Tanja Boßmann

Zweitens: Gehirn

Auch zentrale motorische Veränderungen können die Chronifizierung von Tendinopathien der Rotatorenmanschette begünstigen. Forscher konnten beispielsweise zeigen, dass Patienten mit einer Tendinopathie der Rotatorenmanschette eine verminderte kortikospinale Erregbarkeit des M. infraspinatus aufweisen (2). Und diese Verminderung steht im Zusammenhang mit der Dauer der Symptome sowie der Verkleinerung des subakromialen Spalts.

Drittens: Skapula

Die Skapula spielt bekanntermaßen eine wichtige Rolle für eine normale Schulterfunktion (3, 4). Eine unphysiologische Position, abnormale Bewegungsmuster und Abweichungen im normalen Rekrutierungsmuster der Muskulatur wurden bei Patienten mit chronischen Schulterbeschwerden identifiziert.

Dr. Ann Cools referierte zur Rolle der Skapula bei der Entstehung und Aufrechterhaltung von Schulterbeschwerden Foto: Tanja Boßmann

Dr. Ann Cools referierte zur Rolle der Skapula bei der Entstehung und Aufrechterhaltung von Schulterbeschwerden
Foto: Tanja Boßmann

Viertens: Propriozeption

Propriozeptive Defizite werden bereits lange als beitragender Faktor für die Entstehung verschiedener Schulterbeschwerden diskutiert. Allerdings ist die Evidenz für die Verminderung des aktiven Gelenkpositionssinns bei Patienten mit Tendinopathie der Rotatorenmanschette limitiert (5). Die Propriozeption im Sinne der Schwelle, ab der eine Bewegung wahrgenommen wird, ist bei subakromialen Schmerzen möglicherweise empfindlicher – was als eine Art Schutzmechanismus interpretiert werden kann. Dies könnte ein zusätzlich beitragender Faktor in Richtung Sensibilisierung des Nervensystems sein und damit auch die Chronifizierung begünstigen.

Fünftens: Zentrale Sensibilisierung

Bei Patienten mit zentraler Sensibilisierung (6) besteht eine große Diskrepanz zwischen der Pathologie und der Schmerzwahrnehmung. Der Übergang von akuten zu chronischen Schmerzen wird beeinflusst durch neuroplastische Veränderungen im peripheren und zentralen Nervensystem.

All diese Faktoren müssen in der Therapie dieser Patienten berücksichtig werden. Jeder Fall ist dabei individuell – es wird selten nur ein Faktor für die Beschwerden verantwortlich sein. Die Untersuchung und Therapie sollte sich nicht allein auf Schultergelenk, Skapula und Haltung beschränken. Insbesondere für die Veränderungen auf kortikaler Ebene sowie die Entstehung von zentraler Sensibilisierung sind spezifische Rehabilitationsstrategien erforderlich.

Link zum WCPT Symposium: www.wcpt.org/wcpt2017/FS-16

Literatur

1) de Oliveira F, et al. 2017. Electromyographic analysis of rotator cuff muscles in patients with rotator cuff tendinopathy: A systematic review. J. Electromyo. Kinesiol. 35:100–14

2) Ngomo S, et al. 2015. Alterations in central motor representation increase over time in individuals with rotator cuff tendinopathy. Clin. Neurophysiol. 126: 365–71

3) Cools AM, Michener LA. 2017. Shoulder pain. Can one label satisfy everyone and everything? Br J Sports Med 51,5:416–17

4) Struyf F, et al. 2014. Clinical assessment of the scapula: a review of the literature. Br J Sport Med 48,11:883–90

5) Fyhr C, et al. 2015. The effects of shoulder injury on kinaesthesia: a systematic review and meta-analysis. Man Ther 20,1:28–37

6) Sanchis NM, et al. 2015. The role of central sensitization in shoulder pain: A systematic literature review. Seminar Arthritis Rheum 44,6:710–6

pt online 2.7.2017

Autor

Tanja Boßmann

Physiotherapeutin; 2007 Abschluss des Masterstudiums an der Phi­lipps-Universität Marburg; Chefredakteurin, pt_Zeitschrift für Physiotherapeuten; seit 2012 wissenschaftliche Mitarbeiterin Fakultät für Sport- und Ge­sund­heitwissenschaften, FB kons. und rehab. Orthopädie, Technische Universität München.

tanja.bossmann@pflaum.de

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