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Wind of change?

Warum wir uns gerade jetzt bewegen sollten

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Foto: Romolo Tavani / shutterstock.com

Es scheint oft so, als gäbe es nur zwei physiotherapeutische Gemütszustände, mit denen wir ständig in der Redaktion zu tun haben. Unsere Kollegen, Autoren und Experten sind durch die Bank weg engagiert, interessiert, motiviert; sie brennen für ihr jeweiliges Fachgebiet und für unsere Profession. Die andere Seite der Medaille – die wir ebenso spüren – zeigt sich in Frust, Stagnation und Wut.


Am Rande der Insolvenz

Die Wasserstandsmeldungen, die uns täglich erreichen, sind alles andere als ermutigend. Ein Telefonat hat mich besonders berührt: Ein Kollege berichtete davon, dass er seine Praxis verkleinern muss. Sie befindet sich in einer deutschen Großstadt, die Mieten sind hoch. Eine langjährige Mitarbeiterin ist gegangen, er findet aufgrund des Fachkräftemangels keinen Nachfolger für die frei gewordene Stelle. Sein Fazit: Die Praxis muss kleiner werden und aus der City an den Stadtrand ziehen. Durch diesen Neustart hofft er eine Insolvenz abwenden zu können. Er arbeitet jeden Tag zehn bis zwölf Stunden; Urlaub macht er nicht, das gibt seine Praxis nicht mehr her.

Ist das furchtbar? Ja!

Menschen haben es verdient, menschenwürdig zu arbeiten. Dazu gehört auch – und gerade im Therapiebereich – die Regeneration der eigenen körperlichen und mentalen Ressourcen. Nur wer sich genügend um sich selbst kümmern kann, kann dies auch in einem gesunden Maß für andere tun.


Wir brauchen unabhängige Therapeuten

Auf dem Weg vom Heilhilfsberuf zur Profession geschehen viele Veränderungen. Fachlich professionalisieren wir uns seit Jahrzehnten – deshalb sind die Diskussionen über Direktzugang, Blankoverordnung und Akademisierung schon lange selbstverständlich und folgerichtig, wenn auch bisher graduell erfolglos.

Der selbstständig denkende und handelnde Therapeut will aber auch berufspolitisch unabhängig sein. Zu lange hat physiotherapeutische Berufspolitik hinter verschlossenen Türen stattgefunden. Ein großer Teil der (jungen) Kollegen fühlt sich durch die Altverbände nicht oder nicht ausreichend vertreten.

Dazu kommen durch die Nutzung der neuen Medien zahlreiche Möglichkeiten, sich schnell zu informieren, auszutauschen und zu äußern. Die Veränderungen kommen eher im Gewand von Bewegungen daher (1–6), die sich beispielsweise durch Hashtags (Kasten) kennzeichnen. Schnelligkeit ist aber selten nachhaltig und ein Kommentar unter einem Post verändert nicht die Welt. Trotzdem werden hier Impulse gesetzt, die nötig und manchmal auch neu sind.


Auf die Straße?

Um die Wut zu kanalisieren, gibt es seit einigen Jahren regelmäßige Demonstrationen des Bundes vereinter Therapeuten (7, 8). Hier wird auch eine Öffentlichkeit für die Probleme unseres Berufstandes geschaffen. Aber bringen Trillerpfeifen und Transparente eine neue, bessere Wirklichkeit hervor? Wer jahrelang in Gremien gearbeitet hat, wird vermutlich mit Nein antworten. Fehlende Transparenz lässt sich aber auch nicht durch ein gepostetes Selfie mit Roy Kühne wiederherstellen, könnte man dem entgegnen.

Ohne in die Mär zu verfallen, dass man doch alles lösen könne, wenn man nur miteinander spreche und schließlich zueinander finde, würde ich trotzdem gerne folgende Vermutung formulieren: Diejenigen, die in den Gremien alt und müde geworden sind, könnten von der Energie der Demonstrierenden durchaus profitieren und die, die demonstrieren, könnten vom Wissen der erfahrenen Kollegen lernen. Allein, man müsste es wollen. Warum? Braucht es jetzt wirklich wieder die Aufzählung aller Probleme unserer Profession? Noch etwas frischer ist vielleicht der Begriff der Insolvenzwelle. Der ist unbehaglich, oder? Wir sollten etwas tun, bevor wir alle nichts mehr zu tun haben.


Was brauchen wir?

Bei allem Engagement: Ist es nicht traurig, dass erst der Kollege Heiko Schneider von „Therapeuten am Limit“ (Kasten) mit dem Fahrrad von Frankfurt nach Berlin fahren muss, um eine größere Öffentlichkeit zu erreichen? Viele unserer Probleme sind fremdverschuldet. Aber einige von uns haben auch lange geschlafen. Hier ist Engagement der erste Weg zur Besserung – zunächst für unsere eigenen Interessen und dadurch auch wieder für unsere Patienten.

Ermutigend finde ich, dass [kurz vor Redaktionsschluss, Anm. d. Red.] sowohl der Deutsche Verband für Physiotherapie (Physio-Deutschland) als auch der Verband Physikalische Therapie (VPT) die volle Unterstützung für Schneider zugesagt haben. Im Sinne der Einheit aller Therapeuten gedacht, ein gutes Zeichen!

Aber die Fragen, die heute diskutiert werden, sind erst der Anfang. Wer will beispielsweise weiterhin im 20-Minuten-Takt arbeiten? Ehrlich? Es gibt mittlerweile erste Teilerfolge bei den Honoraren; jetzt ist es an der Zeit, unsere Arbeitsbedingungen insgesamt zu verbessern.

Nutzen wir die Zeichen der Zeit! Wir werden gebraucht – also müssen wir deutlich machen, was wir brauchen.

Neue Akteure auf der berufspolitischen Bühne
#unbezahlt

Zusammenschluss von Jugendlichen und junge Erwachsenen, die sich für eine Bezahlung der Auszubildenden der betrieblich-schulischen Gesundheitsberufe einsetzen. Sie werden von der Jugend- und Auszubildendenvertretung der Gewerkschaft ver.di unterstützt.
www.facebook.com/pg/Ausbildung.unbezahlt

Initiative Therapeutenkammer

Setzt sich für die Errichtung von Therapeutenkammern auf Landes- und Bundesebene ein. Dadurch sollen mehr Selbstbestimmung und Mitsprache ermöglicht werden.
www.therapeutenkammer.de

Interessengemeinschaft Therapeuten Schleswig-Holstein e. V.

Setzt sich für mehr Selbstbestimmung und Verkammerung ein.
www.igthera-sh.de

Aktion #OhneMeinenPhysiotherapeuten

Möchte möglichst viele Menschen für die Situation von Physiotherapeuten sensibilisieren. Gesammelte Videos und prominente Unterstützer zeigen, wie wichtig Physiotherapie für viele Patienten ist.
ohne-physios.de

Therapeuten am Limit

Sind aus der „Radprotesttour“ von Physiotherapeut Heiko Schneider entstanden. Er fuhr am 28. Mai 2018 mit dem Fahrrad von Frankfurt am Main nach Berlin, um Politikern des Bundestages und Verantwortungsträgern des Gesundheitsministeriums seinen Brandbrief vom 23. März 2018 und mittlerweile Hunderte Zusendungen seiner Kolleginnen und Kollegen aus dem gesamten Bundesgebiet zu überreichen. Ausgang bei Redaktionsschluss offen.
www.therapeuten-am-limit.de

 

Literatur

1. Rüter N. 2017. Nur Luft und Liebe reicht nicht – ein Protokoll. Wie Physiotherapieschüler für eine Vergütung kämpfen. Z. f. Physiotherapeuten 69, 7:14–5

2. Rüter N. 2018. Das Ringen um Anerkennung. Betrieblich-schulische Azubis kämpfen um eine Vergütung. Z. f. Physiotherapeuten 70, 2:16–7

3. Herzig L. 2017. Eine Therapeutenkammer für Gesundheitsberufe? Mitgestaltung! Z. f. Physiotherapeuten 69, 6:12–4

4. Herzig L. 2017. Initiative Therapeutenkammer. Eine Bewegung entsteht. Z. f. Physiotherapeuten 69, 6:15–7

5. Wagner I. 2018. Do it yourself! Therapeuten wollen mehr Selbstbestimmung. Z. f. Physiotherapeuten 70, 5:18–21

6. Stanko J. 2018. „Zwei Drittel der Therapeuten erwarten eine Rente unterhalb der Grundsicherung“. Über die „Therapeuten am Limit“, einen Brandbrief und Altersarmut. Im Gespräch mit Volker Brünger. physiotherapeuten.de/zwei-drittel-der-therapeuten-erwarten-eine-rente-unterhalb-der-grundsicherung; Zugriff am 22.5.2018

7. Stanko J. 2015. Endlich ist mal was los! pt_vor Ort: auf der Therapeuten-Demonstration in Essen. Z. f. Physiotherapeuten 67, 10:17–9

8. Stanko J. 2017. Physiotherapeuten, zur Sonne, zur Freiheit? Im Gespräch mit David Lopez. Z. f. Physiotherapeuten 69, 5:14–6

Heft 07-2018


Autor

Jörg Stanko

Physiotherapeut seit 1992; bis 2013 in verschiedenen Praxen und Krankenhäusern tätig; Schriftsteller; schreibt Romane, Kinder­bücher und Ruhrgebietskrimis; Referent für kreatives Schreiben; Vater eines Sohnes; freier pt-Autor und pt-Redakteur

stanko@pflaum.de

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