_Magazin

Wir wurden erhört!

Wie die „Therapeuten von der Basis“ das Treffen mit Herrn Spahn und den Verbänden erlebten

.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn empfing gestern verschiedene Akteure des Heilmittelerbringersektors in Berlin. Auf der Agenda standen die Schulgeldfreiheit, die Blankoverordnung, die Kassenverhandlungen und vieles mehr.
In diesem Interview schildern die Therapeuten Susan Sauer, Philipp Rutenkröger und Jennifer Eisbach ihre Eindrücke aus dem Gespräch.

.

Am 13. September 2018 trafen sich Verbandsvertreter und Therapeuten mit Jens Spahn im Bundesministerium für Gesundheit. Insgesamt nahmen an die 25 Personen an der Gesprächsrunde teil, darunter Verbandsvertreter wie Ute Repschläger (SHV), Marcus Troidl (VDB) und Manfred Herbst (VDLS e. V.). Mit am Tisch saßen außerdem „Therapeuten von der Basis“. Die Physiotherapie war durch Susan Sauer, Philipp Rutenkröger und Tim Maller vertreten; als Ergotherapeutin war Jennifer Eisbach anwesend. Nach 142 Minuten verließen die Teilnehmer zufrieden das Gebäude des Bundesministeriums. Doch was wurde in den knapp zwei Stunden besprochen und wie empfanden die Therapeuten die Situation?

Direkt nach dem Gespräch plauderte die pt mit Susan Sauer, Philipp Rutenkröger und Jennifer Eisbach im Café um die Ecke.

Dr. Tanja Boßmann, Susan Sauer, Philipp Rutenkröger und Sabrina Harper (v.l.n.r.) vor dem Bundesministerium für Gesundheit.

.

Was sagt ihr nach diesem Gespräch: War alles heiße Luft oder wird etwas passieren?

Susan Sauer: Es wird was passieren!

Jennifer Eisbach: Es wird was passieren!

Philipp Rutenkröger: Definitiv: Es wird was passieren. Wir konnten wirklich unsere Sache anbringen!

Was geht euch als Erstes durch den Sinn, wenn ihr an das soeben geführte Gespräch im Bundesministerium für Gesundheit denkt?

Susan Sauer: Wir wurden erhört! Das ist das Erste, was mir in den Sinn kommt.

Philipp Rutenkröger: Jens Spahn war sehr interessiert und sehr gut vorbereitet.

Jennifer Eisbach: Ich kann mich da nur Susan und Philipp anschließen. Außerdem fand ich gut, dass er fair und offen war, aber auch kritisch mit allen gesprochen hat. Zum Beispiel hat er auch von sich aus auf die verschiedenen Meinungen zwischen den Verbänden hingewiesen.

Wie haben die Verbandsvertreter reagiert, als diese Problematik angesprochen wurde?

Susan Sauer: Herr Spahn hat den Punkt zwischendurch immer wieder aufgegriffen und mit einem Zwinkern in den Augen ins Gespräch eingebracht. Die Verbandsvertreter haben teilweise sogar mitgeschmunzelt. Ich hatte den Eindruck, sie haben sich den Punkt zu Herzen genommen. Spätestens, als in den eigenen Reihen verschiedene Aussagen getätigt wurden.

Eine häufige Kritik gegenüber den Verbänden vonseiten der Therapeuten aus der Praxis lautet: Das ist alles viel zu weit weg von uns. Wie erging es euch heute mit Aussagen von Verbandsseite? Konntet ihr zustimmen oder ist dieser Vorwurf berechtigt?

Jennifer Eisbach: Teils, teils. Bei dem Thema Vergütung sind sich alle einig gewesen und die Verbandsvertreter haben viele Zahlen und Fakten geliefert.

Bei den Punkten Direktzugang und Blankoverordnung gab es sehr viele unterschiedliche Meinungen. Da hatte ich Zweifel, ob das die Meinung der Basis widerspiegelt. Es gab bei den Physios als auch bei den Sprachtherapeuten Meinungen dafür und dagegen.

Philipp Rutenkröger: Herr Spahn äußerte sich beim Direktzugang etwas bedeckt. Er habe die Sorge, dass sich die Menge der Physiotherapie zu sehr ausweite.

Jennifer Eisbach: Das Gegenargument war dann, dass wir jetzt schon am Limit arbeiten; warum solle man sich noch mehr Arbeit machen. Der Tenor war: Die Mehrausgaben für die Heilmittelerbringer können theoretisch gar nicht steigen, weil wir ja jetzt schon nicht genug Leute für die viele Arbeit haben.

Susan Sauer: Jens Spahns Sorge war außerdem, dass die richtige Therapie nicht bei den richtigen Leuten ankommt. Es fehle ein kontrollierendes Organ, das jetzt durch die Ärzteschaft gegeben sei. Der Direktzugang könne auch dazu führen, dass Patienten, die Physiotherapie dringend benötigen, lange Wartezeiten haben, da die Termine bereits mit weniger dringlichen Problemen besetzt sind. Als Beispiel nannte er die Situation der Psychotherapie in Freiburg.

Philipp Rutenkröger: Er sagte: Freiburg hat die höchste Dichte an Psychotherapeuten, Freiburg hat aber auch die längste Wartezeit.

Jennifer Eisbach: Die Verbandsvertreter haben aber sehr gut gekontert. Es kam der Vorschlag, dass man eine Grundmenge an Therapie für den Direktzugang freigeben kann, zum Beispiel 20 Stunden pro Patient. Wird das Problem in dieser Zeit nicht gelöst, muss der Patient erst zum Arzt, um eine weitere Verordnung zu erhalten.

Auch die Akademisierung wurde sehr kontrovers diskutiert. Die Sprachtherapeuten fokussieren ganz klar die komplette Akademisierung.

Susan Sauer (li.) und Jennifer Eisbach (re.) vor dem Gespräch mit Jens Spahn im Hotel.

Und die Physiotherapeuten?

Susan Sauer: Teilweise. Wir brauchen die Akademiker, die die wissenschaftliche Komponente zum Beispiel durch Forschung gegenüber den Krankenkassen liefern. Wir benötigen aber auch die Leute in den Praxen, und nicht nur in Forschung und Bildung.

Wie hat Herr Spahn auf die Kontroverse reagiert?

Philipp Rutenkröger: Er hat sich alles sehr neutral angehört. Ich denke, er hat so seinen Weg, den er nachher gehen möchte. Man hat gesehen, dass die Vertreter der gegenteiligen Meinung den Kopf geschüttelt haben. Es wurde aber nicht dazwischengesprochen oder Ähnliches.

Ich persönlich bin eher gegen die vollständige Akademisierung. Die Ausbildung ist ein super Fundament, die allerdings aktuell auf den neusten wissenschaftlichen Stand gebracht werden muss. Wenn ich dann anschließend noch studieren möchte, kann ich das gern machen.

Philipp, du bist aktuell im dritten Ausbildungsjahr. Wie viel Evidenz fließt in deine Ausbildung ein?

Philipp Rutenkröger: Ich hatte extra einen Termin mit meiner Schulleitung im Vorfeld auf das Gespräch mit Jens Spahn. Sie sagte, die letzte Aktualisierung des Lehrplans war 1996. In manchen Fächern, zum Beispiel bei der Hydro- oder Elektrotherapie, sehe ich Aktualisierungsbedarf. Man findet im Internet oder auch in der Fachliteratur, zum Beispiel in der pt, verschiedene Studien, die bei bestimmten Krankheitsbildern andere Therapiemethoden als effizienter bezeichnen. Ich frage mich dann: Warum wird viel Zeit auf diese Fächer angewendet und die neuste Evidenz, wie beispielsweise Bewegung oder Krafttraining, fällt dann hinten runter?

Zurück zum Gespräch mit Jens Spahn. Wurde über die Situation der Heilmittelberufe und den Umgang mit den Krankenkassen und Ärzten gesprochen?

Jennifer Eisbach: Das Hinauszögern der Preisverhandlungen und die lang andauernden Schiedsverfahren wurden genannt. Da fand ich die Verbände zu verhalten. Die hätten da viel mehr auf den Tisch hauen können

Jens Spahn stellte die Frage, ob es sinnvoll wäre, die Kassenverhandlungen auf Bundesebene zu führen statt auf Landesebene. Die Meinungen gingen aufgrund von schlechten Erfahrungen aus der Vergangenheit auseinander: Damals wurde der Preis zu niedrig angesetzt. Daher wurde gesagt, nur wenn auf dem höchsten Level angesetzt wird.

Susan Sauer: Außerdem wurden die fehlerhaften Verordnungen seitens der Ärzte thematisiert. Herr Spahn meinte, da haben wir doch was getan. Dann ist kurz ein wildes Durcheinanderrufen entstanden und es war schnell klar, die Maßnahme greift nicht. Die Verbandsvertreter gaben auch Zahlen an: 50 Prozent der ausgestellten Rezepte seien fehlerhaft. Die Software habe nicht den erhofften Effekt.

Inwiefern wurde Dr. Roy Kühne thematisiert?

Jennifer Eisbach: Das war sehr auffällig. Gefühlt jeder Verbandsvertreter hat einmal den Begriff „Sofortprogramm“ genannt. Wir hatten schon vor dem Gespräch durch andere erfahren, dass sich mehrere Parteien intern positiv dazu geäußert haben.

Beim Thema Schulgeldfreiheit wird viel um Zuständigkeiten gestritten. Was wurde zu diesem Thema besprochen?

Susan Sauer auf “Du und Du” mit Jens Spahn (MdB)

Susan Sauer: Herr Spahn hat ganz deutlich gesagt, wenn es nach ihm gehe, würde die Schulgeldfreiheit direkt beschlossen. Er hat den Ball aber auch direkt auf die Länder zurückgespielt. Er hat gesagt: Wenn ich das von heute auf morgen beschließe, dann müssen aber auch die Länder mitziehen.

Jennifer Eisbach: Er sagte, sie müssen einen Teil mit beisteuern; er hat nicht gesagt, dass sie alles bezahlen müssten.

Das Gespräch dauerte etwas über zwei Stunden. Wie viel Redezeit hattet ihr denn circa?

Philipp Rutenkröger: Jens Spahn hatte eine Art Agenda. Bei den fakten- und zahlenlastigen Aspekten haben sich meist die Verbandsvertreter zu Wort gemeldet. Hätten wir uns da gemeldet, wären wir aber auch drangekommen. Es war wirklich alles sehr gleichberechtigt. Ich persönlich habe viel beim Thema Ausbildung mitgesprochen.

Susan Sauer: Ich denke, meine insgesamte Redezeit lag bei sieben bis acht Minuten. Es war nie ein Problem, zu Wort zu kommen.

Ein weiteres Thema war die Integration von Zertifikaten. Wohin gingen die Meinungen?

Philipp Rutenkröger: Das war für mich sehr interessant, weil ich nicht verstehe, warum ich beispielsweise Manuelle Therapie im Unterricht habe, aber dennoch danach eine Weiterbildung benötige. Jens Spahn fragte: Wäre es möglich, Zertifikationspositionen mit in die Ausbildung zu integrieren? Eine Verbandsvertreterin – ich glaube, es war Frau Repschläger – war in diesem Punkt geteilter Meinung. Sie sagte, in Teilen ist es möglich, zeigte sich aber aus meiner Sicht skeptisch bis zurückhaltend. Ich für meinen Teil denke, wenn man den Lehrplan aktualisiert und ein Lehrer mit dieser Weiterbildung uns unterrichtet, spricht nichts dagegen.

Jennifer Eisbach: Der VDB sieht das genauso. Er saß neben mir und sagte, dass es möglich sei, die Weiterbildungen zu integrieren.

Wie seid ihr verblieben?

Jennifer Eisbach: Jens Spahn hat bis in zwei Wochen konkrete erste Ideen und Konzepte auf dem Papier zugesagt. Darauf basierend soll weitergearbeitet werden.

Susan Sauer: Er sagte bereits bei unserem ersten Treffen vor ein paar Wochen (pt berichtete), dass wir Therapeuten uns immer gern direkt per E-Mail melden können wenn etwas veröffentlicht wird. Der Austausch mit der Öffentlichkeit ist willkommen.

Was wünscht ihr euch für die Zukunft von den Verbänden?

Susan Sauer: Dass die Verbände dranbleiben und den Kontakt zum Bundesgesundheitsminister suchen, wenn in zwei Wochen die Papiere vorliegen.

Von Jens Spahn?

Susan Sauer: Das Gleiche! Dass er am Ball bleibt.

Und von euch selbst?

Susan Sauer: Dass wir in Kontakt bleiben.

Philipp Rutenkröger: Und dass ich meine Ausbildung gut zu Ende bringen kann.

Jennifer Eisbach: Mir wäre auch wichtig, bei weiteren Treffen die Basis mit einzuladen. Heute hat gezeigt, dass die Lebendigkeit des Alltags und auch andere Aspekte mit eingebracht werden müssen. Das finde ich wichtig, wenn es um Lösungen geht.

 Das Gespräch führte Sabrina Harper

Weitere Stimmen zum Treffen mit Jens Spahn am 13.9.2018 in Berlin:

 

Die Vorsitzende des SHV, Ute Repschläger nahm am Gespräch mit Jens Spahn ebenfalls Teil. Wie sie die Stimmung empfand und warum sie sehr positiv gestimmt ist, erfahren Sie im exklusiven pt Interview:

 

Dr. Roy Kühne stand der pt am 13.9. ebenfalls Rede und Antwort. Im Interview spricht er über die aktuelle Situation, die Zusammenarbeit mit Jens Spahn und die Aktion #Therapeuten am Zug.

 

 

 

 

 

 

pt online 14.09.2018

Fotos: Susan Sauer und Richard Pflaum Verlag GmbH & CoKG

 

 

 

Autor

Sabrina Harper

​Seit 2007 Gesundheits- und Krankenpflegerin; bis 2012 in der Schweiz tätig und Studentin der ZHAW im Studiengang Journalismus und Organisationskommunikation. Redaktionsvolontariat im Hörfunk; 2014-2017 Programm-Managerin und Redakteurin für Instoremedien und Kampagnenmanagement; seit 2017 pt-Redakteurin. ​

sabrina.harper@pflaum.de

Teilen & Feedback