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Zertifikatspositionen – ein Planungsalbtraum!

Ein Kommentar von Jens Uhlhorn

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Grafik: alekseiveprev / shutterstock.com

Seit Jahren tobt eine heiße Diskussion über Zertifikate: Die einen sehen darin ein Instrument der Qualitätssicherung, die anderen sind es leid, Geld für eine Leistung auszugeben, die am Ende trotzdem schlecht honoriert wird.

Bereits in der Ausbildung beginnt der Einstieg in die Fortbildungen. Manuelle Therapie wird teilweise unterrichtet, ohne nach der Ausbildung damit eine Abrechnungsberechtigung erhalten zu haben – ein Schnupperkurs sozusagen. Am Ende hat man das Staatsexamen in der Tasche und darf im Anschluss fast 50 Prozent der verordneten Therapien nicht durchführen. Wie bitte?

Laut GKV-HIS, dem Heilmittelinformationssystem der gesetzlichen Krankenkassen, in dem alle relevanten Zahlen rund um Heilmittel quartalsweise erfasst werden, entfallen mittlerweile fast 50 Prozent aller Verordnungen auf Zertifikatspositionen, die damit von Berufsanfängern nicht durchgeführt werden dürfen. Man stelle sich etwas Vergleichbares bei Berufskraftfahrern vor: Führerschein bestanden, aber leider dürfen ohne Zusatzausbildungen keine Bundesstraßen oder gar Autobahnen befahren werden. Völlig zu Recht würde man in dieser Fahrschule seinen Führerschein nicht machen. Angehende Physiotherapeuten haben diese Wahl nicht.

Aus Sicht eines Praxisinhabers ist die Bilanz ähnlich schlecht. Die Behandlungspläne sind brechend voll, man hat endlich einen neuen Kollegen gefunden und weiß bereits vom ersten Tag an, dass bestimmte Patienten nicht von ihm behandelt werden dürfen. Zwei-Klassen-Medizin einmal andersherum: Patienten mit verordneten Zertifikatspositionen müssen warten. Für den Praxisbetreiber ist das doppelt ärgerlich, denn an dieser Stelle muss man auf einen höheren Umsatz verzichten und der Patient muss zusätzlich auch noch warten.

Zwischen allen Fronten

Endgültig in den Grenzbereich kommt die Praxisorganisation, wenn ein Therapeut mit Zertifikatsposition krankheitsbedingt ausfällt, aber im Plan des neuen Kollegen noch die ein oder andere Lücke zu schließen wäre. Erliegt man der Versuchung, die Patienten in die noch bestehenden Lücken zu bestellen, handelt man eindeutig rechtswidrig, wenn die dann erfolgte Behandlung abgerechnet wird. „Betrug!”, schallt es dann aus der Richtung der Krankenkassen. Formaljuristisch völlig korrekt – doch aus Sicht des Patienten stellt eine Absage natürlich auch keine adäquate Lösung dar.

Als Praxisinhaber gerät man an dieser Stelle leicht zwischen die Fronten und kann es niemandem mehr recht machen. Für den neuen Kollegen ist die Situation ebenfalls ausgesprochen unbefriedigend: Er könnte Teile der Behandlung übernehmen, hätte Zeit und der Patient wäre obendrein noch dankbar. Allein, es geht nicht!

Dabei wurde aus meiner Sicht ein vergleichbarer Sachverhalt bereits vom Bundessozialgericht bewertet: In einer Entscheidung aus dem Jahr 2010 (BSG AZ B3 KR9 / 09 R) wurde festgestellt, dass ein Anteil von 20 bis 25 Prozent an Zertifikatspositionen (noch) kein Hemmnis bei der Berufsausübung darstellt, wenn der Therapeut über keine Zusatzqualifikationen verfügt. Es ist durchaus denkbar, dass bei einem leicht höheren Anteil bereits damals die Zertifikatspositionen nicht mehr haltbar gewesen wären.

Berufsanfänger sollten durchstarten können!

Heute sieht dieses Bild anders aus. Ein Berufsanfänger kann circa 50 Prozent seines Berufes nicht von Beginn an ausüben. Ein Praxisinhaber muss aus organisatorischen Gründen eine Balance zwischen Berufsanfängern und Therapeuten mit Zertifikaten halten, damit sich in der Terminplanung keine selbst verursachten Engpässe ergeben. Das ist vor dem sich abzeichnenden Fachkräftemangel eine unhaltbare Situation für alle Beteiligten!

Das für die kommende Legislaturperiode angekündigte neue Berufsausbildungsgesetz könnte dem Spagat ein Ende bereiten, indem nicht mehr zeitgemäße Ausbildungsinhalte entrümpelt werden (oder hat irgendwer nach der Ausbildung schon mal eine Unterwassermassage gemacht?). An deren Stelle könnten moderne Inhalte treten, die den Therapeuten am Ende der Ausbildung auch tatsächlich befähigen, alle Therapien durchzuführen, die es in einer Klinik oder Praxis eben durchzuführen gibt. Das entbindet natürlich nicht von der Pflicht, sich therapeutisch fortzubilden – nur eben ohne Zertifikate.

Es wäre auch fair den Berufsanfängern gegenüber, wenn sie im Anschluss an eine teure Ausbildung durchstarten und das gesamte Spektrum der Therapie abdecken könnten. Die Flexibilität in den Praxen stiege an und alle Therapeuten könnten endlich alles behandeln.

Und noch eines ändert sich: Niemand schreit mehr „Betrug!”, wenn in den Praxen sofort eine Lösung im Sinne des Patienten angeboten werden kann. Formale Hindernisse gibt es nicht mehr und sowohl für den Berufskraftfahrer als auch für den Therapeuten gilt: freie Fahrt überall!

 

Heft 03-2018

Autor

Jens Uhlhorn

Studium der Rechtswissenschaften (ohne Abschluss); seit 1996 als Physiotherapeut mit mehreren Partnern und Reha-Zentren selbstständig; Unternehmensberater mit den Schwerpunkten Unternehmensstrukturierung, Unternehmensnachfolge, alternative Modelle der Selbstständigkeit; seit 1983 aktiv in der Kommunalpolitik; Mitglied von Bündnis 90 / Die Grünen; Initiator von "Therapeuten für Kühne".

jens.uhlhorn@posteo.de

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