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​... und wieder locker lassen!

Unser Job, unser Nachwuchs, unsere Zukunft

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Grafik: Nadezda Barkova / shutterstock.com

Ein junger Mann bat mich neulich um Rat: Er denke über ein grundständiges Studium in Physiotherapie nach, wisse aber nicht, ob er später auch als Physiotherapeut arbeiten wolle. Er treibe gern Sport, interessiere sich für Anatomie und Medizin, habe aber so einiges gehört, was ihn irritiere. Drei Patienten pro Stunde, jeden Tag, Woche für Woche, bis zur Rente und bei schlechter Bezahlung zu behandeln, das könne er sich nicht so vorstellen.

Als Mensch, der sich eher an „Folge deinem Herzen“ hält als an „Folge dem gefüllten Geldbeutel“, stimmte ich ihm zu. Mit einem Interesse an Bewegung sei man in der Physiotherapie richtig. Zudem hat der junge Kerl ein gutes Herz, er ist einfühlsam, kann mit Menschen umgehen, ist freundlich, zielstrebig und klug. Vor mir stand also eine Idealbesetzung für unseren tollen Beruf.

„Ja“, zögerte ich, „bei der Bezahlung tut sich gerade etwas, ein bisschen, man kann die Situation noch nicht so ganz abschätzen, wohin die Entwicklungen führen werden.“ Ob er in nächster Zeit vorhabe, im Lotto zu gewinnen, zu erben, reich zu heiraten oder eine Bank zu überfallen, fragte ich ihn. Er verneinte und führte noch an, dass sein Vater auch Physiotherapeut sei, da sei eher nichts zu holen. „Verstehe“, antwortete ich.

„Wenn man genau wüsste, was man mit Physiotherapie anstellen will, könnte man sich viele Möglichkeiten erschließen“, erklärte ich ihm. Mit der ausschließlichen Versorgung von gesetzlich Versicherten sei leider kein automatischer Wohlstand verbunden – obwohl es so sein sollte. Man könne sich aber spezialisieren, beispielsweise auf Neuro-Reha oder betriebliche Gesundheitsförderung, ein großes Therapiezentrum eröffnen, ins Ausland gehen oder nach dem Studium der Physiotherapie noch Arzt werden.

Ich ließ einen verunsicherten Zuhörer zurück. Der hatte sich wohl eindeutigere Antworten erhofft, aufbauende Anregungen für eine prächtige Zukunft, die er sich erträumt und die er auch verdient.

Das Gespräch stimmte mich sehr nachdenklich. War es denn wirklich so schlimm um uns bestellt? Oder ich ein Miesepeter geworden? Zu gerne hätte ich ihm gesagt: „Mach das, Physiotherapie ist super, hat keine Nebenwirkungen, vielseitig, jeden Tag neu und spannend. Man kommt mit netten Menschen zusammen, hat eine sinnvolle Arbeit, man lernt, wie man sich selbst und anderen Gutes tun kann. Es lohnt sich!“

Aber es waren auch die anderen Sätze im Kopf: „Studiere dazu am besten noch Politik, dann kannst du Gesundheitsminister werden“, „Werde doch Koch, dann hast du immer genug zu essen“ oder „Belege auch ein paar Semester Literaturwissenschaft, dann kannst du später Taxi fahren.“

Da stand sie vor mir, die personifizierte Lösung des Fachkräftemangels, und mir wurde noch mal mit Wucht deutlich: Leute, so kann es nicht weitergehen! Wir müssen unserem Nachwuchs echte und tatsächliche Möglichkeiten schaffen. Hervorragende Arbeitsbedingungen! Eine gute Bezahlung! Bedingungen, die Menschen öffnen, ihr Engagement fördern, ihren Wissensdurst löschen – und keine, die in die Selbstaufgabe und Selbstausbeutung führen. Das ist unser Job!

Heft 08-2019


Autor

Jörg Stanko

Physiotherapeut seit 1992; bis 2013 in verschiedenen Praxen und Krankenhäusern tätig; Schriftsteller; schreibt Romane, Kinder­bücher und Ruhrgebietskrimis; Referent für kreatives Schreiben; Vater eines Sohnes; freier pt-Autor und pt-Redakteur

stanko@pflaum.de

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