[js] Rund 500 Teilnehmer trafen sich am 9. September in Berlin zum 2. Therapiegipfel. Akteure aus Politik und Gesundheitsberufen diskutierten dort über die Zukunft der Branche und die Umsetzung des Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG).

Laut Spitzenverband der Heilmittelverbände (SHV) war die Summe der Anregungen und Vorschläge „enorm“.  In insgesamt zwölf Fachrunden besprachen Teilnehmer ganz konkret, „wo der Schuh drückt, welche Aspekte sie bislang zu wenig berücksichtigt sehen und was sie den SHV-Vertretern mit auf den Weg geben möchten.“

Alle Ideen wurden dokumentiert und ausgewertet. „Die Ergebnisse fließen in die weitere Verbandsarbeit des SHV ein“, so der SHV in einer Erklärung vom 7. Oktober. „Denn zu tun gibt es genug in allen vier Hauptthemenfeldern – Vergütung, Blankoverordnung / Direktzugang, Akademisierung und Digitalisierung.“

Regelversorgung Blankoverordnung – Verhandlungen sollen in Kürze beginnen

Bis zum 15. November 2020 soll feststehen, wie die Blankoverordnung (BV) konkret in die Regelversorgung aufgenommen wird. Die Verhandlungen zu den Rahmenbedingungen sollen in Kürze beginnen. „Aktuell wird noch mit Hochdruck daran gearbeitet, offene Fragen zu klären, um dann mit einer einheitlichen Position in die Verhandlungen zu gehen“, so der SHV.

„Die Ausgestaltung der Details ist ein Prozess, in dem die vielen Fragen der Teilnehmer Berücksichtigung finden werden: Wie wird bei der BV mit dem langfristigen Heilmittelbedarf umgegangen? Dürfen Therapeuten bei einer BV Einzel- und Gruppentherapie kombinieren? Wie wird die BV vergütet? Kann mit Blick auf den Fachkräftemangel überhaupt garantiert werden, dass die Behandlung binnen 28 Tagen beginnt? Werden die Verhandlungen überhaupt pünktlich abgeschlossen sein? Wie werden die Therapeuten dann informiert?“

„Direktzugang selbstbewusster fordern“

Einige Teilnehmer machten sich grundsätzliche Gedanken: „Ist die BV als Übergangslösung zum Direktzugang (DA) zu sehen? Therapeuten müssten den DA viel selbstbewusster fordern, denn ,Therapeuten sind hervorragend ausgebildet und können das.’“ Aber auch folgende Frage wurde gestellt: „Haben Patienten ausreichend ‚Branchenwissen‘, um selbst entscheiden zu können, mit welchen Beschwerden sie einen Therapeuten direkt aufsuchen können?“

Viele Unklarheiten herrschen nach wie vor über die Umsetzung der BV: „Wird eine besondere Qualifizierung nötig sein?  Was passiert bei den Physiotherapeuten mit den Zertifikatspositionen? Wird es versorgungsadäquatere Verordnungszahlen geben, wenn der Regressdruck bei den Ärzten entfällt?“

Zukünftige Vergütungserhöhungen

Bis zum 30. Juni 2020 wird es je Heilmittelgruppe einen neuen Bundesrahmenvertrag geben. Neben den Themen Zulassung und Leistungsbeschreibung ist die Vergütung der therapeutischen Leistungen zentraler Bestandteil der anstehenden Verhandlungen zwischen den maßgeblichen Verbänden auf Seiten der Therapeuten und dem GKV-Spitzenverband für die gesetzliche Krankenversicherung.

Die Rückmeldungen zum Thema Vergütung zeigten laut SHV „mehr als deutlich“, dass zwar erste Erhöhungen in den Praxen ankommen, aber eine wirtschaftlich befriedigende Situation für Angestellte und Praxisinhaber noch längst nicht realisiert ist. Aus diesem Grund war auch das aktuelle Gutachten des Instituts für Gesundheitsökonomik (IfG) ein zentraler Punkt in den Diskussionsrunden. Unter www.wat-gutachten.de sind alle Praxisinhaber bis Ende Oktober 2019 aufgerufen, an der bundesweiten Erhebung mitzuwirken und die wirtschaftliche Situation und die Aufwände für „bislang nicht bepreiste Leistungen transparent zu machen.“

Tatsache ist, dass viele Tätigkeiten in den Praxen aktuell nicht in die Vergütungen einfließen. Folgende Fragen von Teilnehmern unterstreichen auch den direkten Zusammenhang zwischen Vergütung und massivem bürokratischen Aufwand in den Praxen: „Wird es bald eine Befundposition für die Physiotherapie geben? Wann werden Hausbesuche endlich entsprechend vergütet? Wann wird der Therapiebericht endlich angemessen bezahlt? Warum müssen Therapeuten für Fehler der Ärzte beim Ausstellen der Verordnungen geradestehen?“

„Was geleistet wird, soll auch vergütet werden“

Vergütung, bürokratischer Aufwand und sinnvolle Versorgung der Patienten gehen für die Teilnehmer des 2. TherapieGipfels Hand in Hand: „Was geleistet wird, soll auch vergütet werden.“

Auch die Optimierung der Versorgung spielt für die Kollegen eine sehr wichtige Rolle. So kamen zahlreiche Anregungen und Fragen, die neue Ansätze in der Versorgung darstellen könnten – hier ein paar Beispiele: „Wäre es denkbar, dass es bei schnellerem Behandlungsbeginn eine höhere Vergütung gibt? Wäre es in der Physiotherapie nicht sinnvoll, in flexibleren Zeiteinheiten wie beispielsweise 30, 45 oder 60 Minuten zu denken? Wann bekommen Therapeuten endlich Geld für eigenständige Forschung im therapeutischen Bereich?“

Ausbildungsreform: „Eine Teilakademisierung spaltet den Beruf“

„Die Modernisierung der Ausbildung in den therapeutischen Berufen ist längst überfällig“, so der SHV. „Sie stellt die Basis der gesundheitlichen Versorgung dar. Die Berufsgesetze wurden teilweise seit mehr als 30 Jahren nicht mehr angepasst.“ Mit ihren Novellierungsvorschlägen haben die Verbände bereits Vorarbeiten geleistet. Entsprechende Entwürfe liegen dem Bundesministerium für Gesundheit „zum Teil“ bereits vor. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe beauftragt, Fakten und Ideen zur Novellierung der Ausbildungen zusammenzutragen.

Die therapeutischen Verbände haben dazu bereits vor Monaten einen umfangreichen Fragenkatalog der Bund-Länder-Arbeitsgruppe beantwortet und darin die Notwenigkeit einer grundständig hochschulischen Ausbildung für Therapeuten umfassend begründet: „Sie ist notwendig, um bereits bestehende Engpässe in der Versorgung nachhaltig zu überwinden, die Qualität und Attraktivität der Ausbildungen deutlich zu erhöhen und die Patientenversorgung kontinuierlich zu verbessern. Eine Teilakademisierung stellt für die Verbände keine zufriedenstellende Option dar: sie spaltet den Beruf.“

Gegenseitige Wertschätzung nötig

Derzeit sind viele Berufsangehörige beim Thema Akademisierung verunsichert. Dazu einige Stimmen: „Es fehlt an Wertschätzung gegenüber Studierenden / Studierten, die sich oft auch ihren Kollegen gegenüber erklären müssen und keine entsprechende Vergütung erhalten. Auch die Wertschätzung von langjährig erfahrenen Berufsangehörigen muss bedacht werden“, „Es werden Fachleute gebraucht, die Prozesse mitgestalten können: Der Mehrwert eines Studiums im Gesundheitssystem wird nicht transparent (genug) gemacht. Das Potenzial wird noch nicht erkannt, nicht ausgeschöpft oder sogar verhindert.“

Darüber hinaus diskutierten die Teilnehmer weitere Themenblöcke im Zusammenhang mit der Veränderung der Ausbildung: Wie können wir durch die Anpassung der Ausbildungsinhalte mehr Versorgungsqualität erreichen? Welche Kompetenzen braucht man für die Ausbildung? Welche Möglichkeiten der Nachqualifizierung bestehen? Wie wird der Bestandsschutz für die Berufsangehörigen gewährleistet, die nach den bisherigen Berufsgesetzen ausgebildet wurden?

Ausbildung und Akademisierung – viele Wege, noch mehr Fragen

Für einen Übergangszeitraum von zehn Jahren sollen fachschulische Ausbildung und hochschulische Ausbildung parallel laufen, so die Mitteilung des SHV. Dafür brauchen Schulen neue Strukturen. Wie werden diese geschaffen und finanziert? Welche Formen der Kooperation zwischen Fachschulen und Hochschulen existieren? Was geschieht mit den bisher an Fachschulen tätigen Lehrenden? Wie kann deren Potenzial in der hochschulischen Lehre genutzt werden?

Studieren ohne Abitur ist bereits möglich – es ist eine Frage der gelebten Durchlässigkeit, und es ist Aufgabe der Hochschulen, verstärkt darüber zu informieren. Bei einer rein hochschulischen Ausbildung besteht die „Gefahr“, dass sich Schüler mit mittlerem Bildungsabschluss nicht mehr für die Ausbildung entscheiden können. Gleiches gilt umgekehrt für Abiturienten, die eine fachschulische Ausbildung aktuell nicht hinreichend attraktiv finden.

Alles digital?

Die Digitalisierung, die Einbindung in die Telematikinfrastruktur (TI) und der Zugang zur elektronischen Patientenakte (ePA) sind Themen, die bisher eine eher untergeordnete Rolle in Therapeutenkreisen spielten. Das Digitale-Versorgung-Gesetz (DVG) sorgt für einen Weckruf. Was soll, kann, muss in der digitalen Struktur der Zukunft geschehen?

Der Zugang zur TI mit Lese- / Schreibzugriff, beispielsweise auf die ePA, ist eine der Forderungen, die Therapeuten stellen. Bisher verfügt kein therapeutischer Beruf über einen elektronischen Heilberufeausweis. Die Ankündigung, dass Krankenkassen die Finanzierung der Hardware (Installation und Betriebskosten) übernehmen müssen, sorgte für Erleichterung.

„Die Mehrzahl der anwesenden Therapeuten ist sich der Chancen und Risiken bewusst. Die Vereinfachung der Dokumentation, Kommunikation und Abrechnung und der damit verbundene Bürokratieabbau sind wichtige Ziele. Hier sehen die meisten Berufsangehörigen gute Chancen, in ihrem Arbeitsalltag von der Digitalisierung zu profitieren, wenn alle Beteiligten gut miteinander kommunizieren. Der Datenschutz ist dabei ein sehr hohes Gut“, so der SHV.

Mitmachen!
„Alle Anregungen aus den Foren des 2. TherapieGipfels fließen in die weiteren Überlegungen und Vorbereitungen des SHV ein und werden in den entsprechenden Arbeitsgruppen diskutiert werden“, erklärt der Spitzenverband.  Auch im Nachgang des TherapieGipfels „freut sich der SHV immer über konstruktive Ideen und Hinweise“ ( info@shv-heilmittelverbaende.de; 0221 / 98 10 27-28).

 

Quelle: Spitzenverband der Heilmittelverbände (SHV). 2019. Fachforen beim 2. TherapieGipfel brachten zahlreiche Anregungen. https://www.shv-heilmittelverbaende.de/2019/10/07/fachforen-beim-2-therapiegipfel; Zugriff am 8. Oktober 2019