[tb] Ja, so die provokante Aussage von Prof. Dr. David Nicholls von der Auckland University of Technology aus Neuseeland, mit der er die Teilnehmer des vierten Forschungssymposium Physiotherapie in Hildesheim am Freitagabend konfrontierte. Eingeladen hatten die Hochschule für Angewandte Wissenschaft und Kunst (HAWK) und die Deutsche Gesellschaft für Physiotherapiewissenschaft (DGPTW). Symposiumspräsident war Prof. Dr. Axel Schäfer.

Nicholls war per Videokonferenz aus Neuseeland zugeschaltet und stellte einige mehr oder weniger „ungemütliche“ und kritische Statements in den Raum. Im Zentrum seiner Ausführungen stand die These, dass sich die Physiotherapie, wie sie derzeit organisiert ist, ihrem Ende nähert.

Zu den aktuellen Herausforderungen gehören unter anderem die längst bekannte Tatsache, dass die Menschen immer älter werden, eine Zunahme von Patienten mit komplexen Zusatzerkrankungen sowie der immer größer werdende Einfluss von digitalen Innovationen.

Es gibt bereits eine internationale Gemeinschaft – das Critical Physiotherapy Network – aus Wissenschaftlern, Praktikern und Studenten, die sich als positive Kraft für eine andere Physiotherapie einsetzt. Ziel ist die Veränderung der Praxis und der Denkweise in der Physiotherapie.

Ich drücke die Botschaft, die bei mir angekommen ist, jetzt einmal überspitzt aus: In Anbetracht der sich ändernden Welt um uns herum, können wir nicht weiter machen wie bisher, bunte Tapes auf unsere Patienten kleben und sie vorwiegend passiv behandeln. Dem stimme ich grundsätzlich auch zu. Wir müssen dringend „alte Wahrheiten“ hinterfragen und uns von der ein oder anderen lieb gewonnen Routine verabschieden.

Ich finde aber: die Physiotherapie ist überhaupt nicht am Ende

Gerade in Deutschland steht sie derzeit vielmehr an einem Scheideweg. Es hat sich in den letzten Jahren so viel bewegt, wie schon lange nicht mehr. Es gibt zahlreiche engagierte Kolleginnen und Kollegen, die sich meist ehrenamtlich für die Weiterentwicklung der Physiotherapie stark machen. Und das spiegelte sich auch in den Themen, Diskussionen und Gesprächen auf dem Forschungssymposium wider.

Da sind Professorinnen und Professoren, die sich bereits seit vielen Jahren für die Professionalisierung der Physiotherapie einsetzen, selbst forschen, internationale Standards an den Nachwuchs weitergeben und sich für die Verbindung von empirischer Forschung und Theorieentwicklung aussprechen.

Zum Beispiel Prof. Dr. Jan Mehrholz, Professor für Physiotherapie an der SRH Hochschule für Gesundheit am Campus Gera. Er ist spezialisiert auf den Bereich der Neuroreha und stellte in seinem Hauptvortrag am Samstag auch Entwicklungspotenziale für die physiotherapeutische Forschung dar, unter anderem im Bereich der Versorgung von Patienten mit Critical Illness Polyneuropathie (CIP) oder Critical Ilness Myopathie (CIM). Zusammen mit seinem Team rief Mehrholz ein eigenes Projekt mit dem Namen GymNAST ins Leben. Vorab veröffentlichten die Forscher das Studienprotokoll, ein Jahr später die ersten Ergebnisse. Eine wichtige Erkenntnis aus diesem Projekt für die Praxis lautete: Der Functional Status Score for the ICU (FSS-ICU) und der Functional Reach Test in der ersten Woche der Rehabilitation sind die besten Vorhersagefaktoren für die Wiedererlangung der Gehfähigkeit bei diesen Patienten. Und dies ist nur ein Beispiel von vielen Projekten, die ins Leben gerufen wurden, um die Physiotherapie voranzubringen.

Prof. Dr. Jan MehrholzTanja Boßmann
Prof. Dr. Jan Mehrholz

Weitere Themenstränge beschäftigten sich mit den Themen Theoriebildung und Professionalisierung, innovative Interventionen, physiotherapeutische Versorgung im Wandel, muskuloskelettale Physiotherapie und Digitalisierung.

Ebenfalls diskutiert an diesem Wochenende wurde die Bedeutung der Patientenperspektive. Was nützt die methodisch hochwertigste Forschung, wenn die Fragestellung überhaupt nicht relevant für die Patienten ist? Diesen Aspekt finde ich enorm wichtig, dort liegt noch viel Potenzial für sinnvolle Forschungsprojekte.

PodiumsdiskussionTanja Boßmann
Podiumsdiskussion

Ich bin gespannt, wie es weitergeht …

Der Termin für das nächste Forschungssymposium steht jedenfalls schon fest: 27. und 28. November 2020 an der  BTU Cottbus Senftenberg.

Ein Neuanfang?

Wir müssen uns kritisch hinterfragen. Wir können nicht einfach weitermachen wie bisher. Und die rein auf Strukturen und Funktionen ausgerichtete Physiotherapie ohne Bezug zur Lebenswelt der Patienten ist wohl wirklich am Ende.

Das heißt aber auch, dass jetzt eine neue und moderne Physiotherapie in den Startlöchern steht.

Ein Kommentar von Dr. Tanja Boßmann