„Meine Frau schaue ich sehr gerne an, allerdings nicht unbedingt viermal gleichzeitig.“ Mit diesen und vielen weiteren Problemen haben Patienten mit Kleinhirnstörungen zu kämpfen. Wichtig in der Physiotherapie ist ein objektives Assessment und ein alltagsorientierter Aufbau der Therapie. Denn nur dann sind Therapieerfolge im Rahmen von besserer Partizipation und höherer Lebensqualität spürbar.

Das Kleinhirn ist der heimliche Star der menschlichen Sensomotorik. Kein anderes Organ im zentralen Nervensystem übernimmt derart komplexe Verarbeitungsprozesse, um aufrechte Haltung und Bewegung zu generieren (1). Damit das funktioniert, benötigen die Systeme für die Aufrechterhaltung des Gleichgewichts permanent Informationen über die Stellungen von Gelenken, Muskel- und Faszienspannungszuständen. Das geschieht über Mechanorezeptoren, die im gesamten Körper verteilt sind. Mittels visueller Informationen aus den Augen wird die Lage des Körpers im Raum bestimmt. Die Bogengänge im Innenohr ermitteln, ob und welche Beschleunigungs- oder Bremsaktion im jeweiligen Moment stattfindet und in welche Richtung diese erfolgt. Mithilfe dieser Inputsysteme generiert das Kleinhirn für jede Situation stets die optimale motorische Antwort (2). Darüber hinaus ist das Kleinhirn bei emotionalen und neurokognitiven Prozessen sowie dem Sprechen beteiligt. Teile des Arbeitsgedächtnisses und der Exekutivfunktionen sind hier lokalisiert, einige Wissenschaftler bezeichnen es daher als „supervised learning machine”, eine zentralnervöse Einheit also, die Lernvorgänge übergeordnet überwacht (1).