Therapie
pt August 2021

Atemtherapie auf dem Prüfstand

Das Thema Atemtherapie gehört fest zum PT-Curriculum und ist daher in Ausbildung und Studium fest verankert. Über die Effekte auf klinische Parameter ist bisher jedoch noch zu wenig bekannt. Sandra Sonntag hat sich mit der aktuellen Literatur beschäftigt und erklärt im Interview mit der pt, für welche Wirkungen es wissenschaftliche Hinweise gibt und welche Forschungslücken vorhanden sind.

Im Gespräch mit Sandra Sonntag
Lesezeit: ca. 4 Minuten
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Atemtherapie ist zwar ein häufig genutzter Begriff, aber dahinter stehen ja verschiedenen Techniken. Mit welchen Atemtherapiemethoden haben Sie sich konkret beschäftigt?

Im deutschsprachigen Raum gibt es derzeit zwölf Atemfachschulen, die insgesamt sieben Atemmethoden lehren. Der Berufsverband für Atempädagogik und Atemtherapie ist dabei die größte berufsständige Organisation der Atempädagogen und Atemtherapeuten im deutschsprachigen Raum. Zu den klassischen Atemtherapiemethoden, die auf die „Gesamtheit des Menschen“ eingehen gehören beispielsweise die Atemtherapie nach Middendorf, Glaser, Richter, van Dixhoorn, Wolf und Schmitt (reflektorische Atemtherapie) sowie die Alexander-Technik.

Zu den eher funktionellen beziehungsweise mechanischen Atemtherapiemethoden zählen vor allem die Atemphysiotherapie, das Atemmuskeltraining (Inspiratory Muscle Training), die Buteyko-Atemtechnik und die Atemtherapie nach Schroth. Als wichtige Ergänzung sind hier auch noch die apparativen Atemtherapieverfahren und Atemtrainer sowie Inhalationstherapien zu nennen, die vor allem bei chronischen Lungenpatienten zum Einsatz kommen. Weitere relevante Ansätze in diesem Kontext sind die körperpsychotherapeutischen Methoden, zum Beispiel die Atemtherapie nach Reich oder die Atem- und Körperpsychotherapie nach Bischof.

Wie steht es denn um die Evidenz der verschiedenen Methoden?

Trotz des enormen medizinischen Fortschritts verursachen Erkrankungen der Atemwege und der Lunge immer noch eine hohe Krankheitslast und Sterblichkeit. Die WHO zählt Atemwegserkrankungen und ihre Folgen weltweit zu den dritthäufigsten Todesursachen. Auch in Deutschland steigt die Anzahl der Patienten mit chronischen Atemwegserkrankungen und deren Todesfolgen jährlich an, diese werden zunehmend mit Atemtherapie als anerkannte Krankenkassenleistung behandelt, dennoch gibt es bisher wenig wissenschaftliche Belege über die Wirksamkeit von Atemtherapiemethoden.

Ich habe nach einer detaillierten Literatur-Recherche in verschiedenen wissenschaftlichen internationalen Datenbanken in Zeitraum von 2000 bis 2020 insgesamt 17 Studien identifiziert, die für die Frage nach der Wirksamkeit von westlichen Atemtherapiemethoden geeignet waren. Im nächsten Schritt habe ich diese aufgrund ihrer klinischen Endergebnisse tabellarisch bewertet, methodisch ausgewertet und miteinander verglichen und dabei sowohl auf somatische als auch auf psychische Parameter konzentriert.

Welche Methoden der Atemtherapie wurden vorwiegend untersucht?

Generell wurde die Analyse aufgrund der unterschiedlichen Herangehensweise deutlich erschwert, vor allem durch hohen Diversitäten in den Studien sowie Gegenüberstellung unterschiedlicher klinischer Parameter. Die methodische Qualität der Studien war dabei sehr unterschiedlich. Auch die Gruppengröße und Durchschnittsalter (50 Jahren) der Studienteilnehmer waren sehr unterschiedlich, zum Beispiel lag die durchschnittliche Probandenanzahl der 17 analysierten Studien bei 55. Die meisten Studien wurden bei Asthma-Patienten durchgeführt.

Nach Einteilung der Studien in ihre Wirksamkeit wurden sieben primär den somatischen Parametern und sechs den psychischen Parametern aufgrund ihrer Punktebewertung numerisch zugeordnet. Zu den jeweiligen Atemtherapiemethoden habe ich jeweils nur ein bis zwei wissenschaftliche aktuelle Arbeiten gefunden, am besten untersucht sind die Methoden Buteyko und Middendorf mit jeweils sieben Studien beziehungsweise Reviews.

Was sind die wichtigsten Ergebnisse?

Die Auswertung weist darauf hin, dass Atemtherapie sowohl auf somatische als auch auf psychische Parameter gleichermaßen einen positiven Effekt hat – vor allem bei Asthmapatienten und auch bei chronischen Rücken- und Nackenschmerzen. Besonders im Hinblick auf Angst und Depression scheint es signifikante Wirkungen von Atemtherapie zu geben.

Die Lungenfunktion verändert sich durch Atemtherapie vor allem bei Asthmatikern – hier kam es zu messbaren Verbesserungen der FEV1- und Peak-Flow-Werte – sonst waren die Effekte auf pulmonale Parameter jedoch nur in geringem Maße verändert. Das fand ich überraschend.

Wichtig finde ich, dass sich die Verbesserung der Asthmakontrolle und die Lebensqualität durch Atemtherapie signifikant verbessert – das sind ja sehr relevante Aspekte für die Betroffenen und damit wichtige Argumente für den Einsatz der Atemtherapie in der Praxis. Besonders beeindruckend finde ich die deutliche Reduzierung des Medikamentenverbrauchs durch Atemtherapie. Folglich könnte Atemtherapie dazu beitragen, den Medikamentenverbrauch zum Beispiel bei chronischen Lungenpatenten und Patienten mit chronischen Schmerzen deutlich zu reduzieren und somit Kosten im Gesundheitssystem einzusparen.

Die Anwendung von Atemtherapie durch qualifizierte Atemtherapeuten scheint sicher zu sein. In den ausgewerteten Studien gab es keine Hinweise auf Nebenwirkungen bei der Anwendung von Atemtherapiemethoden.

In welchen Bereichen sehen Sie Forschungsbedarf?

Wichtig finde ich die Festlegung von einheitlichen klinischen Standards für die zu prüfenden Parameter in Studien in Bezug von Atemtherapiemethoden, zum Beispiel die Evaluation bestimmter Lungenfunktionsparameter – dazu gehören forcierte Vitalkapazität (FVC), forciertes exspiratorisches Volumen in einer Sekunde (FEV1), forcierter exspiratorischer Fluss 25-75% (FEF 25-75%) und das FEV1/FVC-Verhältnis (FEV1/FVC) – sowie Peak-Flow-Wert, Sauerstoffsättigung (sO2), Sauerstoffpartialdruck (pO2).

Ebenso wichtig finde ich den Einsatz der MRC-Dyspnoe- oder Borg-Skala sowie einheitliche Scores für Lebensqualität, Angst und Depression. Ebenso wurden bisher keine Wirkung von Atemtherapiemethoden in Bezug auf Vitalparameter klinisch untersucht beziehungsweise bisher keine wissenschaftlichen Aussagen diesbezüglich getroffen, obwohl man das bei der Durchführung von Atemtherapie zum Beispiel an Intensivpatienten am Monitoring positive Effekte der Vitalparameter beobachten kann.

Wie so oft, braucht es auch im Bereich der Atemtherapie in Zukunft groß angelegte Studien mit einheitlichen klinischen Standards und hoher methodischer Qualität. Einige der analysierten Studien wiesen methodische Mängel in der Studiendurchführung und in der qualitativen Aussagekraft ihrer Ergebnisse auf. Die bisher verfügbare Evidenz liefert belegbare Hinweise, dass Atemtherapiemethoden positive Effekte auf körperliche und psychische Parameter haben. Um die Wirkungsweise von Atemtherapiemethoden effektiver bewerten zu können, müssen noch weitere klinische Studien durchgeführt werden, damit die Atemtherapie auch in Zukunft als anerkannte Behandlungsmethode für somatische und psychische Krankheitsbilder vermehrt angewendet und honoriert wird.

Vielen Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellte Dr. Tanja Boßmann

Sandra Sonntag

Sandra Sonntag

Sie ist seit 1998 Physiotherapeutin (B. Sc.), Osteopathin, seit vielen Jahre in eigener Praxis tätig. Seit 2014 ist sie Fachlehrerin für Physiotherapie (Atemtherapie und PT-Innere Medizin) an der Berufsfachschule für Physiotherapie Chiemseeschule Zimmermann. Seit 2021 begann sie das Masterstudium Gesundheitswissenschaften an der Dresden International University und dem Kooperationspartner Holisteà.

Kontakt: s.sonntag@chiemsee-schulen.de

pt Online 17.08.2021

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