Therapeuten stoßen in der Praxis manchmal an ihre Grenzen – insbesondere, wenn es darum geht, immer die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse für jeden Fall parat zu haben. Was ist die beste Therapie für meine Patientin mit Kreuzschmerzen? Wie intensiv darf ich einen Patienten mit chronisch obstruktiver Lungenerkrankung belasten? Welche Maßnahmen sind effektiv für Patienten nach einem Schlaganfall? Cochrane Reviews liefern hier wichtige Antworten.

Ein Beitrag von Cordula Braun1, Tanja Boßmann2, Sina Hefner1 und Ronja Maren Helmchen1

Macrovector / shutterstock.com

Welche Cochrane Reviews gibt es zu physiotherapeutischen Interventionen?

Dieser Frage sind wir im Herbst 2012 mit der Erstellung einer systematischen Übersicht der damals verfügbaren Cochrane Reviews (CRs) mit Relevanz für die Physiotherapie (PT) in Deutschland nachgegangen (1–4). Heute, rund viereinhalb Jahre später, freuen wir uns, Ihnen ein Update dieser Arbeit präsentieren zu können: Wir haben eine neue Übersicht über die seit Herbst 2012 publizierten PT-relevanten CRs erstellt. Das Besondere: Sie steht in Form einer (Excel-)Datenbank zur Verfügung, die für jedermann jederzeit frei zugänglich ist. So können Sie die darin enthaltene Cochrane-Evidenz Ihren eigenen Interessen entsprechend sortieren und durchsuchen. Das macht das Auffinden von Cochrane-Evidenz zu PT-relevanten Fragestellungen noch einfacher und spart Zeit, die Sie für Ihre Patienten nutzen können. Einen großen Beitrag zur Realisierung dieses Projektes haben zwei Studentinnen des Bachelorstudiengangs Physiotherapie an der hochschule 21, Buxtehude, durch ihre engagierte Mitarbeit geleistet. Und beide haben nach Fertigstellung der Übersicht ihre persönlichen „Top 3“ unter den Cochrane Reviews ausgewählt.

Cochrane Reviews – Top 3 von Ronja Maren Helmchen

Ronja Maren Helmchen

Ren J, et al. 2013. Dance therapy for schizophrenia.

Link zum Review: onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/14651858.CD006868.pub3/full

Tanz als Therapiemöglichkeit ist in meinen Augen eine viel zu wenig beachtete Methode. Ich tanze selbst und finde es daher immer spannend, die Wirkung besonders auf psychische Erkrankungen zu erkunden und mehr darüber zu lernen. Dieser Review zeigt, dass es noch viel Potenzial für die Forschung auf diesem Gebiet gibt.

Shresta N, et al. 2016. Workplace interventions for reducing sitting at work.

Link zum Review: onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/14651858.CD010912.pub3/full

Regelmäßig habe ich in der Praxis Patienten, die über Rückenschmerzen klagen, vor allem im unteren Bereich und ohne eindeutigen Befund. Ihre Beschwerden werden häufig langem Sitzen während der Arbeit und in der Freizeit zugeschrieben. In der Hoffnung, in diesem Review Tipps für die physiotherapeutische Behandlung dieser Patienten zu bekommen, war ich etwas enttäuscht, dass die Evidenz trotz der „Volkskrankheit Rückenschmerz“ noch unzureichend ist.

Foster C, et al. 2013. Remote and web 2.0 interventions for promoting physical activity.

Link zum Review: onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/14651858.CD010395.pub2/full

Besonders spannend finde ich die Entwicklung von „Trendsportarten“ und die Vermarktung von Bewegung und Gesundheit. Diese Übersicht zeigt die Effektivität technologiegestützter Interventionen zur Förderung von Bewegung und körperlicher Aktivität und gibt somit wegweisende Anstöße, auch Patienten Bewegung näher zu bringen.

Cochrane Reviews – Top 3 von Sina Hefner

Sina Hefner

Furlan AD, et al. 2015. Massage for low-back pain.

Link zum Review: onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/14651858.CD001929.pub3/full

Ein Review, der wissenschaftlich das belegt, was wir vielen Patienten immer wieder erklären: Massage kann kurzfristig helfen, langfristig gesehen aber nicht!

Van Vilsteren M, et al. 2015. Workplace interventions to prevent work disability in workers on sick leave.

Link zum Review: onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/14651858.CD006955.pub3/full

Diese Übersichtsarbeit zeigt mit moderater Evidenz: Maßnahmen am Arbeitsplatz können dafür sorgen, dass Arbeitnehmer schneller wieder in den Job zurückkehren, nachdem sie aufgrund muskuloskelettaler Beschwerden krankgeschrieben waren. Einmal mehr ein Hinweis darauf, dass betriebliche Gesundheitsförderung einen noch höheren Stellenwert einnehmen sollte.

Hanchard NCA, et al. 2013. Physical tests for shoulder impingements and local lesions of bursa, tendon or labrum that may accompany impingement.

Link zum Review: onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/14651858.CD007427.pub2/full

Gerade frisch aus der Fortbildung in Manueller Therapie, in dem die Schulter Thema war, ist diese Übersichtsarbeit sehr spannend zu lesen! Sie zeigt ein interessantes Ergebnis, das uns unsere physiotherapeutische Diagnostik nochmals überdenken lässt.

Methodisches Vorgehen

Unsere aktuelle Übersicht beinhaltet alle zwischen Oktober 2012 (im Anschluss an unsere initiale Übersichtsarbeit) und 31. März 2017 in der Cochrane Database of Systematic Reviews (CDSR) neu publizierten CRs. Für die Ermittlung der CRs mit Relevanz für die Physiotherapie in Deutschland wendeten wir definierte Ein- und Ausschlusskriterien an (Tab. 1).

Tab. 1 Kriterien für PT-Relevanz

Populationen (Gesundheitsprobleme)

Gesundheitsprobleme aus allen Fachbereichen, breit gefasst, das heißt nicht auf den deutschen Heilmittelkatalog beschränkt

Interventionen (führendes Kriterium)

Interventionen aus dem klassischen Spektrum physiotherapeutischer Behandlungsmaßnahmen, zum Beispiel Übungstherapien, Manuelle Therapie, Physikalische Therapie

Interventionen, die diesem Spektrum nicht unmittelbar oder in Gänze zuzuordnen sind, jedoch Eingang in physiotherapeutische Behandlungen finden oder (gegebenenfalls zukünftig) finden können, zum Beispiel Tai-Chi, Tanztherapie, transkranielle Gleichstromstimulation (tDCS)

Interventionen zur Förderung des Selbstmanagements, sofern diese nicht explizit auf die Vermittlung durch andere Berufsgruppen (zum Beispiel Pflegende) fokussieren

Multimodale oder interdisziplinäre / interprofessionelle Interventionen, wenn diese physiotherapeutische oder bewegungsbezogene Maßnahmen enthalten

Hilfsmittel mit Relevanz für die PT, zum Beispiel Kniebandagen, Sitzerhöhungen

Interventionen zu präventiven Maßnahmen im Sinne von Interventionen zur allgemeinen körperlichen Aktivierung

Breiter gefasste Cochrane Reviews zu „Interventionen für“ oder „konservative Interventionen für“ wurden nur dann eingeschlossen, wenn diese entweder explizit PT-relevante Maßnahmen als interessierende Interventionen benannten oder die Ergebnisse Evidenz zu solchen beinhalteten.

Ausschluss:
Interventionen, die in Deutschland in der Regel bislang nicht von Physiotherapeuten durchgeführt werden, zum Beispiel Injektionen, Akupunktur, jegliche Medikamente

Alternative Verfahren, zum Beispiel Meditation und elektromagnetische Felder

Vergleichsinterventionen

keine Einschränkung

Endpunkte

keine Einschränkung

Weitere Fragestellungen

Diagnostische Verfahren mit Relevanz für die PT-Praxis (Anwendbarkeit), zum Beispiel körperliche Tests, Red-Flags-Charakteristika

CRs zu weiteren Fragestellungen, zum Beispiel Prognose

Review-Typ und -Status

Abgeschlossene CRs und Cochrane Overviews

Ausschluss:
CR-Protokolle

Zurückgezogene („withdrawn“) CRs

Zwei Personen – Cordula Braun (CB) und Tanja Boßmann (TB) – sichteten alle monatlich erschienenen CDSR-Ausgaben vollständig, ohne Anwendung einer spezifischen Suchstrategie, und überprüften die Relevanz anhand der Ein- und Ausschlusskriterien. Alle relevanten CRs wurden in eine Excel-Datenbank (Microsoft Excel 2016) übertragen, die in ihrer derzeitigen Fassung auf dem Stand vom 1. April 2017 ist. Von CRs, die im Übersichtszeitraum aktualisiert wurden und von denen mehrere Versionen vorlagen, übertrugen wir nur die aktuellste Version in die Datenbank. Zu jedem CR wurden die folgenden Daten extrahiert (die Erklärungen finden Sie auch in den Titelzeilen in der Datenbank):

  • Autoren-ID: Erstautor
  • Publikationsjahr
  • Titel: Originaltitel
  • Link: Cochrane Library (CDSR)
  • Fachbereich: 1) Orthopädie / Chirurgie; 2) Neurologie, 3) innere Medizin; 4) Gynäkologie / Urologie; 5) Onkologie; 6) Geriatrie; 7) Pädiatrie; 8) Psychiatrie; 9) Prävention; 10) Sonstige (nicht eindeutig zuzuordnen, zum Beispiel mehrere Fachbereiche betreffend). Diese Zuordnung entspricht der in unserer initialen Übersicht angewandten Kategorisierung in Anlehnung an die ICD-10-Klassifizierung. Zu beachten ist, dass jeder CR nur einem Fachbereich zugeordnet wurde, auch wenn eine Zuordnung zu weiteren Fachbereichen möglich wäre.
  • Aktualität: Jahr und Monat der letzten Recherche
  • Deutsches PLS (Plain Language Summary, laienverständliche Zusammenfassung): Verfügbarkeit ja / nein
  • Kommentar in der „pt“: Vorliegen eines Kommentars in einer Ausgabe des Cochrane-Updates mit Link
  • Praxisfrage auf Deutsch: Übersetzung des Titels in eine deutschsprachige, praxisnahe Fragestellung

Über die eingesetzten Filterfunktionen können Sie die Reviews unterschiedlich sortieren. Die Datenextraktion erfolgte unter Beteiligung aller Autorinnen; jeder Eintrag wurde von mindestens zwei Personen vorgenommen beziehungsweise überprüft.

Ergebnis

247 CRs wurden für die Übersicht identifiziert und in die Datenbank aufgenommen. Ein besonders erfreuliches „Ergebnis“ der Zusammenstellung: Für 132 dieser CRs, das heißt für mehr als die Hälfte (53 Prozent), gibt es ein deutschsprachiges PLS! Die Datenbank hat ihr Zuhause bei Cochrane Deutschland bekommen, wo sie für jedermann jederzeit frei verfügbar ist (siehe Surftipp):

  • Excel-Version (Abb. 1)
  • PDF-Version, „kleine Version“ (Angabe Autoren-ID, Titel, CDSR-Link, Praxisfrage; Sortierung nach Fachbereichen)

Wir planen, die Datenbank in regelmäßigen Abständen zu aktualisieren.

Surftipp

Links zur Datenbank

Excel-Version

www.cochrane.de/sites/cochrane.de/files/public/uploads/gfb/final_cochrane_fur_die_pt_datenbank.xlsx

PDF-Version

www.cochrane.de/sites/cochrane.de/files/public/uploads/gfb/final_cochrane_fur_die_pt_datenbank.pdf

Abb. 1 Ausschnitt aus der Datenbank (Sortierung nach Publikationsjahr)Tanja Boßmann
Abb. 1 Ausschnitt aus der Datenbank (Sortierung nach Publikationsjahr)

Für wen ist diese Übersicht gedacht?

Unser primäres Anliegen war die Bereitstellung einer aktuellen, nutzerfreundlichen Ressource zum schnellen und unkomplizierten Auffinden von CRs zu physiotherapeutischen Fragestellungen. Damit richtet sich unsere Übersicht und Datenbank vor allem an Therapeuten, denen im Praxisalltag die notwendige Zeit und / oder Kompetenzen für eigene effiziente Recherchen fehlen. Durch die sehr breiten Einschlusskriterien (Indikationen und Interventionen) dürften über die Berufsgruppe der Physiotherapeuten insbesondere alle im Bereich „Bewegung und körperliche Aktivität“ tätigen Personen oder Fachgruppen, aber auch Ärzte, weitere in der Gesundheitsversorgung tätige Personen oder Fachgruppen sowie interessierte Laien gleichermaßen davon profitieren. Zudem sehen wir die Datenbank als hilfreiche Quelle für Studium und Aus-, Fort- und Weiterbildung – zum Beispiel als Ressource für erste Schritte in die evidenzbasierte Physiotherapie oder für orientierende Recherchen zur Planung von Haus-, Projekt- oder Abschlussarbeiten. Weiterreichende wissenschaftliche Recherchen sollten weiterhin „konventionell“ und unter Anwendung einer geeigneten Suchstrategie direkt in der Cochrane Library durchgeführt werden. Eine Limitation unserer Arbeit ist, dass die Selektion der eingeschlossenen CRs das Ergebnis eines Konsenses zweier Personen (CB und TB) ist und auf Basis der von diesen zwei Personen definierten Kriterien für die PT-Relevanz getroffen wurde. Es ist daher nicht auszuschließen, dass wir den ein oder anderen PT-relevanten CR übersehen haben und dass wir einige CRs nicht eingeschlossen haben, die andere Kollegen als relevant einschätzen würden. Diese Limitation relativiert sich jedoch durch die vollständige Sichtung aller Ausgaben der CDSR und die sehr breit gehaltenen Einschlusskriterien.

Fazit

Mit unserer „Cochrane für die Physiotherapie“-Datenbank stellen wir eine aktuelle und besonders nutzerfreundliche Ressource für das schnelle Auffinden von Cochrane-Evidenz zu PT-relevanten Fragestellungen zur Verfügung. Wir möchten hiermit einen weiteren Beitrag zur Förderung der evidenzbasierten Physiotherapie beziehungsweise Gesundheitsversorgung leisten. Wir bedanken uns beim Team Cochrane Deutschland für die engagierte Unterstützung dieses Projektes.

Anmerkung

1 hochschule 21, Buxtehude, Studiengang Physiotherapie, braun@hs21.de

2 Technische Universität München, Fakultät für Sport- und Gesundheitswissenschaften

Literatur

1) Bossmann T, Braun C. 2013. Welche Cochrane Reviews gibt es zu physiotherapeutischen Interventionen? Teil 1: Fachgebiete Orthopädie / Chirurgie. Z. f. Physiotherapeuten 65, 1:15–23

2) Bossmann T, Braun C. 2013. Welche Cochrane Reviews gibt es zu physiotherapeutischen Interventionen? Teil 2: Fachgebiete Neurologie / Psychiatrie. Z. f. Physiotherapeuten 65, 2:17–25

3) Bossmann T, Braun C. 2013. Welche Cochrane Reviews gibt es zu physiotherapeutischen Interventionen? Teil 3: Fachgebiete Innere Medizin und Onkologie. Z. f. Physiotherapeuten 65, 3:19–28

4) Bossmann T, Braun C. 2013. Welche Cochrane Reviews gibt es zu physiotherapeutischen Interventionen? Teil 4: Fachgebiete Gynäkologie, Urologie, Geriatrie, Pädiatrie, Prävention und sonstige Bereiche. Z. f. Physiotherapeuten 65, 4:17–26