Forschung & Evidenz: Cochrane Update
pt Januar 2022

Cochrane-Update 1 2022

PT-relevante CRs der Cochrane Library Ausgabe 11/2021 (1. bis 30. November)

Lesezeit: ca. 6 Minuten
Tom Grill / shutterstock.com

Ein Beitrag von Cordula Braun1 und Tanja Boßmann2

Wir suchen für Sie

Die systematischen Übersichtsarbeiten der Cochrane Collaboration, Cochrane Reviews (CRs), sind weithin als Goldstandard für systematische Reviews zu Fragestellungen aus allen Bereichen der Gesundheitsversorgung anerkannt. Wir möchten Ihnen den Zugang zu dieser bedeutsamen Quelle hochwertiger Evidenz so einfach wie möglich machen, um Sie darin zu unterstützen, aktuelle Cochrane-Evidenz im Sinne der evidenzbasierten Physiotherapie in Ihre tägliche Praxis einzubeziehen. Deshalb durchsuchen wir für Sie regelmäßig die Cochrane Library, „Heimatort“ aller CRs, nach allen neu publizierten, das heißt neuen oder neu aktualisierten CRs mit Relevanz für die Physiotherapie (PT) in Deutschland und stellen diese kompakt für Sie zusammen – in einer tabellarischen Übersicht, die eine von uns formulierte, auf Deutsch verfasste klinische Fragestellung sowie Kerninformationen zu jedem CR enthält.

Wir übersetzen für Sie

Aus allen relevanten Neuzugängen einer Monatsausgabe der Cochrane Library wählen wir je nach Verfügbarkeit und Eignung ein bis zwei CRs aus, deren „Plain Language Summary“ (laienverständliche Zusammenfassung, kurz: PLS) wir ins Deutsche übersetzen: Zu jedem CR gibt es neben dem Abstract, der wissenschaftlichen Zusammenfassung, ein solches PLS, in dem die wesentlichen Reviewinhalte insbesondere medizinischen Laien und Menschen ohne wissenschaftliche Kenntnisse verständlich vermittelt werden sollen. All unsere PLS-Übersetzungen werden nach ihrer Fertigstellung in der Cochrane Library publiziert, wo sie dauerhaft für jedermann frei zugänglich sind – zu finden über die in der tabellarischen Übersicht angegebenen Links zu den Reviews; die PLS befinden sich in der Cochrane Library jeweils unter dem Abstract. Im Anschluss an die tabellarische Übersicht drucken wir in der Regel ein übersetztes PLS ab. Die Verfügbarkeit eines deutschen PLS kennzeichnen wir in der Übersicht für jeden CR durch ein Flaggensymbol (siehe Legende).

Unsere methodische Vorgehensweise

Informationen zu unseren Kriterien für die Beurteilung der PT-Relevanz sowie zu unserer Vorgehensweise bei der Erstellung der PLS-Übersetzungen finden Sie in unseren Einführungsartikeln (siehe Infos zur Methodik).

Orthopädie

Trägt eine multidisziplinäre Rehabilitation dazu bei, dass sich Menschen nach einem Hüftbruch besser erholen als durch die übliche Versorgung?

Handoll HHG, et al. 2021. Multidisciplinary rehabilitation for older people with hip fractures.

AKTUALISIERT, DEUTSCH

Übersetzung: C. Braun, T. Boßmann

Letzte Recherche: November 2019 und Oktober 2020

Studienanzahl: 28

Link zum Review:cochranelibrary.com/cdsr/doi/10.1002/14651858.CD007125.pub3/full

Innere Medizin

Ist eine bewegungsbasierte Rehabilitation bei koronarer Herzkrankheit effektiv?

Dibben G, et al. 2021. Exercise‐based cardiac rehabilitation for coronary heart disease.

AKTUALISIERT

Letzte Recherche: September 2020 und Juni 2021

Studienanzahl: 85

Link zum Review: cochranelibrary.com/cdsr/doi/10.1002/14651858.CD001800.pub4/full

PLS-Übersetzung

Handoll HHG, et al. 2021. Multidisciplinary rehabilitation for older people with hip fractures.

Link zum CR:cochranelibrary.com/cdsr/doi/10.1002/14651858.CD007125.pub3/full

Sind gemischte (multidisziplinäre) Teams der beste Weg, um ältere Menschen nach einem Hüftbruch bei ihrer Erholung von dem Bruch zu unterstützen?

Kernaussagen

Im Vergleich zur üblichen Versorgung kann die Versorgung durch ein Team aus Gesundheitsfachpersonen verschiedener Fachgebiete (multidisziplinäre Rehabilitationsteams) unter der Leitung eines Geriaters (eines Arztes mit Spezialisierung auf die Behandlung älterer Menschen) oder eines anderen Facharztes möglicherweise dazu beitragen, dass sich mehr ältere Menschen im Krankenhaus von einem Hüftbruch erholen.

Wir wissen nicht, ob eine multidisziplinäre Rehabilitation nach der Entlassung aus dem Krankenhaus besser ist als die übliche Versorgung, da es keine ausreichende Evidenz gibt.

Sebastian Kaulitzki / shutterstock.com

Zukünftige wissenschaftliche Studien sollten das Ziel haben, die besten Behandlungen zu ermitteln, die durch die verschiedenen Fachrichtungen ausgeführt werden, aus denen multidisziplinäre Teams gebildet werden, damit die betroffenen Menschen das Krankenhaus frühzeitig verlassen und in ihrem Lebensumfeld unterstützt werden können.

Wie werden Hüftbrüche behandelt?

Hüftbrüche sind häufige, aber schwerwiegende Verletzungen bei älteren Menschen. Etwa ein Drittel der Menschen mit Hüftbrüchen stirbt innerhalb eines Jahres nach der Verletzung. Menschen mit Hüftbrüchen können zudem andere Erkrankungen haben, die ihre Erholung von dem Hüftbruch verzögern. Viele erlangen die Mobilität und Unabhängigkeit, die sie vor dem Bruch hatten, nicht mehr zurück und benötigen danach möglicherweise die Versorgung in einer Pflegeeinrichtung.

Die übliche Versorgung von Menschen mit Hüftbrüchen besteht in einer Operation, gefolgt von einer Therapie im Krankenhaus zur Wiederherstellung der Mobilität und grundlegender Funktionen des täglichen Lebens wie dem Baden und Ankleiden. An dieser Therapie können auch Personen aus anderen Abteilungen des Krankenhauses beteiligt sein.

Menschen mit Hüftbrüchen benötigen jedoch Hilfe bei verschiedenen Aktivitäten und können nach der Operation nicht nur unter körperlichen, sondern auch unter psychischen Problemen leiden. Ein besserer Ansatz zur Unterstützung ihrer Erholung von dem Hüftbruch beziehungsweise ihrer „Rehabilitation“ besteht daher möglicherweise darin, ein Team von Personen mit Fachwissen aus verschiedenen Fachgebieten beziehungsweise „Disziplinen“ einzubeziehen. Sie entwickeln einen Rehabilitationsplan für jede einzelne Person, abhängig von deren Bedürfnissen. Dieses „multidisziplinäre Rehabilitationsteam“, das in der Regel von einem auf die Versorgung älterer Menschen spezialisierten Arzt oder einem anderen Facharzt für Rehabilitation geleitet wird, kann auch andere Ärzte, Pflegefachkräfte, Physiotherapeuten, Diätassistenten, Sozialarbeiter und Spezialisten für psychische Gesundheit umfassen. Die multidisziplinäre Rehabilitation kann im Krankenhaus, in Akut‐ (Kurzzeitbehandlung‐) oder Rehabilitationsabteilungen oder in der häuslichen Umgebung einer Person stattfinden. Einige Formen der multidisziplinären Rehabilitation beinhalten die frühzeitige Entlassung aus dem Krankenhaus mit Unterstützung zu Hause.

Was wollten wir herausfinden?

Wir wollten wissen, ob eine multidisziplinäre Rehabilitation dazu beiträgt, dass sich Menschen nach einem Hüftbruch besser erholen als durch die übliche Versorgung. Uns interessierte vor allem, wie viele Menschen bis zu einem Jahr nach der Operation ein „schlechtes Ergebnis” hatten, das heißt ob sie starben oder so unselbstständig wurden, dass sie in einer Pflegeeinrichtung versorgt werden mussten.

Wir haben uns auch angesehen:

die gesundheitsbezogene Lebensqualität, die Zahl der Todesfälle, den Bedarf an Hilfe bei täglichen Aktivitäten, die Mobilität und
die Schmerzen.

Wie gingen wir vor?

Wir suchten nach Studien, in denen eine multidisziplinäre Rehabilitation nach der Operation eines Hüftbruchs bei älteren Menschen mit der üblichen Versorgung verglichen wurde.

Wir verglichen die Ergebnisse der Studien, fassten sie zusammen und bewerteten unser Vertrauen in die Evidenz, basierend auf Faktoren wie den Methoden und Teilnehmendenzahlen der Studien.

Was fanden wir heraus?

Wir fanden 28 Studien mit 5.351 älteren Menschen nach Hüftbruch‐Operationen. Die Teilnehmenden waren durchschnittlich zwischen 76,5 und 87 Jahre alt, die meisten von ihnen waren Frauen.

Hauptergebnisse

Eine multidisziplinäre Rehabilitation nach Operation im Vergleich zur üblichen Versorgung im Krankenhaus (20 Studien):

  • führt wahrscheinlich zu weniger Fällen mit „schlechtem Ausgang” nach sechs bis zwölf Monaten als die übliche Versorgung. Von 1.000 Menschen mit Hüftbrüchen, die die übliche Versorgung erhielten, hätten 347 zwischen sechs und zwölf Monaten nach der Operation ein „schlechtes Ergebnis”; 41 Menschen weniger (12 % von 347) hätten ein „schlechtes Ergebnis” nach einer multidisziplinären Rehabilitation;
  • verringert möglicherweise das Sterberisiko im Krankenhaus und längerfristig bis zu einem Jahr.
  • führt möglicherweise zu einer geringeren Zahl von Betroffenen mit eingeschränkterer Mobilität nach sechs bis zwölf Monaten.

Wir wissen nicht, ob eine multidisziplinäre Rehabilitation die Lebensqualität und Aktivitäten des täglichen Lebens verbessert oder verschlechtert. Es gab keine Evidenz für langfristige Hüftschmerzen.

Multidisziplinäre Rehabilitation nach Operation im Vergleich zur üblichen Versorgung im Krankenhaus (3 Studien):

Wir wissen nicht, ob eine multidisziplinäre Rehabilitation einen Unterschied bewirkt in:

  • einem „schlechten Ergebnis” nach einem Jahr;
  • der Lebensqualität nach einem Jahr;
  • der Zahl der Todesfälle nach vier oder zwölf Monaten;
  • dem Bedarf der betroffenen Menschen an Hilfe bei Aktivitäten des täglichen Lebens;
  • dem Wechsel in eine Pflegeeinrichtung; oder
  • der Mobilität.

Es gab keine Evidenz für langfristige Hüftschmerzen.

Eine multidisziplinäre Rehabilitation nach Operation im Vergleich zur üblichen Versorgungen von Bewohnern von Pflegeeinrichtungen (eine Studie) bewirkt möglicherweise keinen Unterschied für ein „schlechtes Ergebnis” (gestorben oder gehunfähig) nach zwölf Monaten; oder die Zahl der Todesfälle nach vier oder zwölf Monaten.

Wir wissen nicht, ob eine multidisziplinäre Rehabilitation einen Unterschied bewirkt:

darin, ob die betroffenen Menschen Hilfe bei Aktivitäten des täglichen Lebens benötigen; in der Lebensqualität, der Mobilität oder Schmerzen nach zwölf Monaten.

Was sind die Einschränkungen der Evidenz?

Wir haben ein moderates Vertrauen in die Evidenz für ein „schlechtes Ergebnis” für die betroffenen Menschen im Krankenhaus, aber ein wesentlich niedrigeres Vertrauen in die Evidenz zu allen weiteren Ergebnissen, weil weniger Evidenz verfügbar war und alle Studien Schwächen aufwiesen, die die Zuverlässigkeit ihrer Ergebnisse beeinträchtigt haben könnten.

Wie aktuell ist diese Evidenz?

Die Evidenz ist auf dem Stand von Oktober 2020.

Mit freundlicher Genehmigung durch die Cochrane Library.

Dieser Artikel ist erschienen in

pt Januar 2022

Erschienen am 11. Januar 2022