Ein Beitrag von Cordula Braun1 und Tanja Boßmann2

Wir suchen für Sie

Die systematischen Übersichtsarbeiten der Cochrane Collaboration, Cochrane Reviews (CRs), sind weithin als Goldstandard für systematische Reviews zu Fragestellungen aus allen Bereichen der Gesundheitsversorgung anerkannt. Wir möchten Ihnen den Zugang zu dieser bedeutsamen Quelle hochwertiger Evidenz so einfach wie möglich machen, um Sie darin zu unterstützen, aktuelle Cochrane-Evidenz im Sinne der evidenzbasierten Physiotherapie in Ihre tägliche Praxis einzubeziehen. Deshalb durchsuchen wir für Sie regelmäßig die Cochrane Library, „Heimatort“ aller CRs, nach allen neu publizierten, das heißt neuen oder neu aktualisierten CRs mit Relevanz für die Physiotherapie (PT) in Deutschland und stellen diese kompakt für Sie zusammen – in einer tabellarischen Übersicht, die eine von uns formulierte, auf Deutsch verfasste klinische Fragestellung sowie Kerninformationen zu jedem CR enthält.

Wir übersetzen für Sie

Aus allen relevanten Neuzugängen einer Monatsausgabe der Cochrane Library wählen wir je nach Verfügbarkeit und Eignung ein bis zwei CRs aus, deren „Plain Language Summary“ (laienverständliche Zusammenfassung, kurz: PLS) wir ins Deutsche übersetzen: Zu jedem CR gibt es neben dem Abstract, der wissenschaftlichen Zusammenfassung, ein solches PLS, in dem die wesentlichen Reviewinhalte insbesondere medizinischen Laien und Menschen ohne wissenschaftliche Kenntnisse verständlich vermittelt werden sollen. All unsere PLS-Übersetzungen werden nach ihrer Fertigstellung in der Cochrane Library publiziert, wo sie dauerhaft für jedermann frei zugänglich sind – zu finden über die in der tabellarischen Übersicht angegebenen Links zu den Reviews; die PLS befinden sich in der Cochrane Library jeweils unter dem Abstract. Im Anschluss an die tabellarische Übersicht drucken wir in der Regel ein übersetztes PLS ab. Die Verfügbarkeit eines deutschen PLS kennzeichnen wir in der Übersicht für jeden CR durch ein Flaggensymbol (siehe Legende).

Unsere methodische Vorgehensweise

Informationen zu unseren Kriterien für die Beurteilung der PT-Relevanz sowie zu unserer Vorgehensweise bei der Erstellung der PLS-Übersetzungen finden Sie in unseren Einführungsartikeln (siehe Infos zur Methodik).

PT-relevante CRs der Cochrane Library Ausgabe 1 / 2020 (1. bis 31. Januar)

Neurologie

Sind motorische Neuroprothesen (MNs) wirksam zur Verbesserung von Aktivitäten und der Teilhabe von Menschen nach einem Schlaganfall in ihrem alltäglichen Umfeld?

Mendes LA et al. 2020. Motor neuroprosthesis for promoting recovery of function after stroke

NEU, DEUTSCH

Übersetzung: T. Boßmann, C. Braun

Letzte Recherche: August 2019

Studienanzahl: 4

Link zum Review: www.cochranelibrary.com/cdsr/doi/10.1002/14651858.CD012991.pub2/full

Gibt es Evidenz für den Einsatz von Telerehabilitation zur Verbesserung der Aktivitäten des täglichen Lebens nach einem Schlagnanfall?

Laver KE et al. 2020. Telerehabilitation services for stroke

AKTUALISIERT

Letzte Recherche: Juni 2019

Studienanzahl: 22

Link zum Review: www.cochranelibrary.com/cdsr/doi/10.1002/14651858.CD010255.pub3/full

Onkologie

Sind Übungen effektiv für die Prävention oder Behandlung von muskuloskelettalen Symptomen bei Patientinnen mit Brustkrebs im Frühstadium?

Roberts KE et al. 2020. Exercise therapies for preventing or treating aromatase inhibitor‐induced musculoskeletal symptoms in early breast cancer

NEU

Letzte Recherche: Dezember 2018

Studienanzahl: 7

Link zum Review: www.cochranelibrary.com/cdsr/doi/10.1002/14651858.CD012988.pub2/full

PLS-Übersetzung

Mendes LA et al. 2020. Motor neuroprosthesis for promoting recovery of function after stroke.

Link zum CR: www.cochranelibrary.com/cdsr/doi/10.1002/14651858.CD012991.pub2/full

Motorische Neuroprothesen zur Verbesserung von Aktivitäten und der Partizipation von Menschen nach einem Schlaganfall in ihrem alltäglichen Umfeld

Fragestellung des Reviews

Sind motorische Neuroprothesen (MNs) wirksam zur Verbesserung von Aktivitäten und der Teilhabe von Menschen nach einem Schlaganfall in ihrem alltäglichen Umfeld?

Hintergrund

Menschen, die einen Schlaganfall überstanden haben, sind in der Regel von langfristigen Beeinträchtigungen, Aktivitätseinschränkungen und einer verringerten Teilhabe betroffen. MNs bestehen aus elektronischen Geräten, mit denen Strukturen des Nervensystems elektrisch stimuliert werden, um die Durchführung von Aktivitäten im alltäglichen Umfeld der Betroffenen zu unterstützen, zum Beispiel in Form einer Orthese (einem Gerät, das in einer Körperregion angewandt wird, um deren Stellung zu optimieren oder Bewegung zu begrenzen oder zu erleichtern). Die Rolle von MNs für die Verbesserung von Aktivitäten und der Partizipation nach einem Schlaganfall ist jedoch bislang unklar.

Puwadol Jaturawutthichai / shutterstock.com

Studienmerkmale

Wir fanden vier Studien zu MNs mit insgesamt 831 Teilnehmern, deren Schlaganfall mehr als drei Monate zurücklag und deren Durchschnittsalter zwischen 53 und 64 Jahren lag. Alle Teilnehmer waren in der Lage, mit einer Geschwindigkeit zwischen weniger als 0,5 m/s und mehr als 0,7 oder sogar 0,9 m/s zu gehen. Die eingeschlossenen Studien wurden zwischen 2007 und 2015 in den USA und den Niederlanden veröffentlicht. In allen eingeschlossenen Studien wurden die MNs auf einen Nerv im Bein (den Peroneus‐Nerv) angewendet, mit dem Ziel, die Anspannung eines Muskels an der Vorderseite des Beines zu unterstützen und hierüber zu verhindern, dass der Fuß in der Schwungphase des Beines während des Gehens „herabhängt“.

Die MNs wurden über eine Dauer von zwischen acht Stunden täglich bis ganztägig für das Gehen im alltäglichen Umfeld der Teilnehmer eingesetzt. In drei Studien wurde ein MN‐Gerät verwendet, bei dem die Verbindung zum Nervensystem durch im Versorgungsgebiet des Peroneus‐Nervs auf der Haut aufgebrachte Elektroden erfolgte. Nur in einer Studie wurde ein implantierbares (im Körper eingesetztes) Gerät verwendet, bei dem der elektrische Reiz direkt am Nerv durch im umliegenden Gewebe des Nervs angelegte Elektroden erfolgte. Alle Studien verglichen MNs mit einer Knöchel‐Fuß‐Orthese (einer Schiene), einem unterstützenden Hilfsmittel, das in der Regel aus einem starren Material besteht und von außen am Unterschenkel befestigt wird, um den Fuß und Knöchel zu stabilisieren und so das „Herabhängen“ des Fußes zu verhindern.

Hauptergebnisse

Es gibt nur begrenzte Evidenz dafür, dass der Einsatz einer MN in Form einer elektronischen Orthese für das Gehen zuhause oder in ihrem häuslichen Umfeld nach Schlaganfall Aktivitäten mit Einsatz der Beine möglicherweise nicht mehr verbessern als die Verwendung einer Knöchel‐Fuß‐Orthese, darunter Aktivitäten wie die Gehgeschwindigkeit zwischen sechs und zwölf Monaten nach Verwendung des Gerätes (Evidenz von moderater Vertrauenswürdigkeit), der Timed Up and Go Test (Evidenz von niedriger Vertrauenswürdigkeit), das modifizierte Emory Functional Ambulation Profile (Evidenz von niedriger Vertrauenswürdigkeit) sowie die Teilhabe‐Komponente der gesundheitsbezogenen Lebensqualität (Evidenz von sehr niedriger Vertrauenswürdigkeit), die körperliche Belastbarkeit (Evidenz von niedriger Vertrauenswürdigkeit) und das Gleichgewicht (Evidenz von moderater Vertrauenswürdigkeit).

Es gab Evidenz dafür, dass die Kontrollbehandlung (Knöchel‐Fuß‐Orthese) nach sechsmonatiger Verwendung eine höhere Gehgeschwindigkeit bewirkte (Evidenz von niedriger Vertrauenswürdigkeit), allerdings waren die Verbesserungen zu gering, um für Patienten klinisch bedeutsam zu sein. Nach Ausschluss der Studie, in der die Personen, die die Ergebnisse erhoben, die Details der Behandlung kannten (das heißt nicht verblindet waren), war dieser Effekt nicht mehr vorhanden. Es gab keinen Unterschied in den Auswirkungen auf die Gehgeschwindigkeit zwischen Oberflächen‐MNs und MNs mit implantierten Elektroden. Keine der Studien berichtete über Ergebnisse in Bezug auf die Unabhängigkeit bei der Durchführung von Aktivitäten des täglichen Lebens.

Die Mehrheit der Studien berichtete über in Zusammenhang mit dem Einsatz der Geräte stehende unerwünschte Ereignisse wie Stürze und schwerwiegende unerwünschte Ereignisse, deren Vorkommen bei der Verwendung von MNs und Knöchel‐Fuß‐Orthesen ähnlich waren (Evidenz von moderater bzw. niedriger Vertrauenswürdigkeit). In einer Studie wurde das Vorkommen von in Zusammenhang mit der Anwendung des Geräts stehenden schwerwiegenden unerwünschten Ereignissen in Form schwerer Stürze ermittelt. Die Anzahl von Teilnehmern, die aus den Studien ausschieden, war bei den Teilnehmern, die eine MN erhielten, höher als bei den Teilnehmern, die eine Knöchel‐Fuß‐Orthese erhielten (Evidenz von niedriger Vertrauenswürdigkeit). Die Ergebnisse dieses Reviews zeigen, dass über die Auswirkungen von MN nur wenig bekannt ist, und dass weitere Daten erforderlich sind.

Es ist nicht bekannt, ob Menschen weniger als drei Monate nach einem Schlaganfall vom Einsatz von MNs als Hilfsmittel bei der Durchführung von Aktivitäten des täglichen Lebens profitieren könnten. Die Wirkung von MNs im Bereich der oberen Extremität (der Arme) oder von MNs, die Gehirn‐ oder Muskelsignale zur Auslösung der Stimulation nutzen, ist bei von einem Schlaganfall betroffenen Menschen nicht bekannt. Wir fanden keine Evidenz für die Bewertung der Kosten für den Einsatz von MNs.

Vertrauenswürdigkeit der Evidenz

Die Vertrauenswürdigkeit der Evidenz reichte von moderat bis sehr niedrig.

Mit freundlicher Genehmigung durch die Cochrane Library.

Anmerkungen

1 Cochrane Deutschland, Freiburg

2 Richard Pflaum Verlag GmbH & Co KG, pt Zeitschrift für Physiotherapeuten