PT-relevante CRs der Cochrane Library Ausgabe 7/2021 (1. bis 31. Juli)

Wir suchen für Sie

Die systematischen Übersichtsarbeiten der Cochrane Collaboration, Cochrane Reviews (CRs), sind weithin als Goldstandard für systematische Reviews zu Fragestellungen aus allen Bereichen der Gesundheitsversorgung anerkannt. Wir möchten Ihnen den Zugang zu dieser bedeutsamen Quelle hochwertiger Evidenz so einfach wie möglich machen, um Sie darin zu unterstützen, aktuelle Cochrane-Evidenz im Sinne der evidenzbasierten Physiotherapie in Ihre tägliche Praxis einzubeziehen. Deshalb durchsuchen wir für Sie regelmäßig die Cochrane Library, „Heimatort“ aller CRs, nach allen neu publizierten, das heißt neuen oder neu aktualisierten CRs mit Relevanz für die Physiotherapie (PT) in Deutschland und stellen diese kompakt für Sie zusammen – in einer tabellarischen Übersicht, die eine von uns formulierte, auf Deutsch verfasste klinische Fragestellung sowie Kerninformationen zu jedem CR enthält.

Wir übersetzen für Sie

Aus allen relevanten Neuzugängen einer Monatsausgabe der Cochrane Library wählen wir je nach Verfügbarkeit und Eignung ein bis zwei CRs aus, deren „Plain Language Summary“ (laienverständliche Zusammenfassung, kurz: PLS) wir ins Deutsche übersetzen: Zu jedem CR gibt es neben dem Abstract, der wissenschaftlichen Zusammenfassung, ein solches PLS, in dem die wesentlichen Reviewinhalte insbesondere medizinischen Laien und Menschen ohne wissenschaftliche Kenntnisse verständlich vermittelt werden sollen. All unsere PLS-Übersetzungen werden nach ihrer Fertigstellung in der Cochrane Library publiziert, wo sie dauerhaft für jedermann frei zugänglich sind – zu finden über die in der tabellarischen Übersicht angegebenen Links zu den Reviews; die PLS befinden sich in der Cochrane Library jeweils unter dem Abstract. Im Anschluss an die tabellarische Übersicht drucken wir in der Regel ein übersetztes PLS ab. Die Verfügbarkeit eines deutschen PLS kennzeichnen wir in der Übersicht für jeden CR durch ein Flaggensymbol (siehe Legende).

Unsere methodische Vorgehensweise

Informationen zu unseren Kriterien für die Beurteilung der PT-Relevanz sowie zu unserer Vorgehensweise bei der Erstellung der PLS-Übersetzungen finden Sie in unseren Einführungsartikeln (siehe Infos zur Methodik).

Neurologie

Gibt es Evidenz für die Effektivität von nicht-medikamentösen Behandlungen zur Reduzierung eines räumlichen Neglects?

Longley V, et al. 2021. Non‐pharmacological interventions for spatial neglect or inattention following stroke and other non‐progressive brain injury.

AKTUALISIERT, DEUTSCH

Übersetzung: C. Braun, T. Boßmann

Letzte Recherche: Oktober 2020

Studienanzahl: 65

Link zum Review: cochranelibrary.com/cdsr/doi/10.1002/14651858.CD003586.pub4/full

Innere Medizin

Ist ein Training für Erwachsene mit Lungentransplantation wirksam zur Verbesserung von Belastbarkeit und Lebensqualität?

Gutierrez-Arias R, et al. 2021. Exercise training for adult lung transplant recipients.

NEU

Letzte Recherche: Oktober 2020

Studienanzahl: 8

Link zum Review: cochranelibrary.com/cdsr/doi/10.1002/14651858.CD012307.pub2/full

Gibt es Evidenz für die Wirksamkeit von Kompressionsstrümpfen zur Behandlung von venösen Beingeschwüren?

Shi C, et al. 2021. Compression bandages or stockings versus no compression for treating venous leg ulcers.

NEU

Letzte Recherche: Juni 2020

Studienanzahl: 14

Link zum Review: cochranelibrary.com/cdsr/doi/10.1002/14651858.CD013397.pub2/full

Sind graduelle Kompressionsstrümpfe effektiv zur Behandlung bei Krampfadern ohne venöse Beingeschwüre?

Knight SL, et al. 2021. Graduated compression stockings for the initial treatment of varicose veins in people without venous ulceration.

AKTUALISIERT

Letzte Recherche: Mai 2020

Studienanzahl: 13

Link zum Review: cochranelibrary.com/cdsr/doi/10.1002/14651858.CD008819.pub4/full

Sind präoperativ durchgeführte Übungen (zum Beispiel Zirkeltraining, Training mit moderater Intensität oder hochintensives Training) wirksam zur Verbesserung von Morbidität und Mortalität bei elektiver Versorgung eines abdominalen Aortenaneurysmas?

Fenton C et al. 2021. Prehabilitation exercise therapy before elective abdominal aortic aneurysm repair.

NEU

Letzte Recherche: Juli 2020

Studienanzahl: 4

Link zum Review: cochranelibrary.com/cdsr/doi/10.1002/14651858.CD013662.pub2/full

Sind individuell zugeschnittene Maßnahmen (zum Beispiel Training an Land oder im Wasser und pulmonale Rehabilitation) effektiv für Menschen mit chronisch obstruktiver Lungenerkrankung und mindestens einer weiteren chronischen Erkrankung?

Dennett EJ, et al. 2021. Tailored or adapted interventions for adults with chronic obstructive pulmonary disease and at least one other long‐term condition: a mixed methods review.

NEU

Letzte Recherche: Januar 2021

Studienanzahl: 8

Link zum Review: cochranelibrary.com/cdsr/doi/10.1002/14651858.CD013384.pub2/full

PLS-Übersetzung

Longley V, et al. 2021. Non‐pharmacological interventions for spatial neglect or inattention following stroke and other non‐progressive brain injury.

Link zum CR: cochranelibrary.com/cdsr/doi/10.1002/14651858.CD003586.pub4/full

Nicht-medikamentöse Behandlungen bei räumlichem Neglect/Aufmerksamkeitsstörungen nach Schlaganfällen oder Hirnverletzungen bei Erwachsenen

Was war das Ziel dieses Reviews?

Viele Menschen, die einen Schlaganfall erlitten haben, sind von einem räumlichen Neglect oder einer Aufmerksamkeitsstörung betroffen. Räumlicher Neglect bedeutet, dass die Wahrnehmung einer Person für eine Körperseite oder das Umfeld eingeschränkt ist. Dies kann die Fähigkeit der betroffenen Person zur Durchführung vieler Alltagsaufgaben wie zum Beispiel essen, lesen und anziehen und damit ihre Selbstständigkeit einschränken.

sruilk/Shutterstock

Was wollten wir herausfinden?

Wir wollten herausfinden, ob nicht-medikamentöse Behandlungen:

  • die Fähigkeit der Patienten zur Durchführung von Aktivitäten des täglichen Lebens verbessern; und 
  • den räumlichen Neglect verringern.

Wie gingen wir vor?

Wir begutachteten die Evidenz aus randomisierten Studien – aus Forschungsarbeiten, in denen zwei verschiedene Behandlungsformen verglichen wurden, indem Menschen mit einem Schlaganfall oder einer Hirnverletzung zufällig der einen oder anderen Intervention zugeteilt wurden. Es wurde Evidenz von 1966 bis Oktober 2020 begutachtet. 

Welche Evidenz fanden wir? 

Wir fanden 65 Studien mit 1.951 Teilnehmenden. Alle Studien schlossen Teilnehmende mit einem räumlichem Neglect infolge eines Schlaganfalls ein. Es ist überraschend, dass nur eine Studie drei Teilnehmende mit einem räumlichem Neglect aufgrund einer anderen Art von Hirnverletzung einschloss. Alle Studien schlossen Teilnehmende mit einer rechtsseitigen Schädigung des Gehirns ein; sieben Studien schlossen auch Teilnehmende mit einer linksseitigen Schädigung ein. Mit vier bis 69 Teilnehmenden (Durchschnitt 30) wurden die Studiengrößen als klein betrachtet. Acht Studien umfassten 50 oder mehr Teilnehmende; vier Studien umfassten zehn oder weniger Teilnehmende. Keine der Studien berichtete über eine Beteiligung von Patienten oder der Öffentlichkeit an der Art und Weise, wie die Studien konzipiert, durchgeführt oder berichtet wurden. Wir teilten die Studien in acht verschiedene Behandlungsarten ein. 

Visuelle Behandlung: 17 Studien mit 398 Teilnehmenden untersuchten visuelle Behandlungsformen (das heißt Maßnahmen, die über Seheindrücke beziehungsweise mit den Augen wahrnehmbare Reize arbeiten). Alle Behandlungen förderten Augenbewegungen oder Scanning (eine Funktion der Wahrnehmung über die Augen zur Erkennung visueller Reize) durch verschiedene Methoden, darunter papiergestützte Aufgaben, Computeraktivitäten und Aktivitäten des täglichen Lebens.

Prismen‐Adaptationstraining: acht Studien mit 257 Teilnehmenden untersuchten Behandlungsformen mit einem Prismen‐Adaptationstraining (‐Anpassungstraining). Dabei trugen die Teilnehmenden bei der Durchführung von Zeigeaktivitäten eine Prismen‐Brille. 

Behandlungen zur Körperwahrnehmung: zwölf Studien mit 447 Teilnehmenden untersuchten Behandlungen zur Förderung der Körperwahrnehmung. Diese Studien beinhalteten verschiedene körperliche, visuelle oder verbale (gesprochene) Aufforderungen oder Hinweise (engl. „cueing“), die darauf abzielten, das Bewusstsein für die betroffene Seite zu verbessern.

Behandlungen der mentalen Funktionsfähigkeit: sieben Studien mit 170 Teilnehmenden untersuchten Behandlungen, die sich auf die mentale Verarbeitung beziehungsweise das Denken konzentrierten (zum Beispiel mentale Vorstellung von Bildern, virtuelle Realität).

Bewegungsbehandlungen: sechs Studien mit 220 Teilnehmenden untersuchten Behandlungen, bei denen Bewegungen des Arms oder des ganzen Körpers eingesetzt wurden. Dazu gehörten der Einsatz von Robotik, visuelles und motorisches Feedback sowie die Einschränkung der Bewegung auf der nicht betroffenen Körperseite.

Nicht-invasive Hirnstimulation: 17 Studien mit 467 Teilnehmenden untersuchten eine nicht-invasive Hirnstimulation. Diese umfasste verschiedene Methoden der Anwendung einer elektrischen oder magnetischen Stimulation am Schädel zur Veränderung der Gehirnaktivität.

Elektrische Stimulation: acht Studien mit 270 Teilnehmenden untersuchten eine Elektrostimulation an anderen Körperstellen. Diese beinhaltete das Aussenden schwacher elektrischer Impulse an ein bestimmtes Körperteil (zum Beispiel den Arm). Es wurden vier verschiedene Arten von Elektrostimulation verwendet.

Akupunktur: zwei Studien mit 104 Teilnehmenden untersuchten den Einsatz von Akupunktur. Diese beinhaltete das Setzen dünner Nadeln in bestimmte Körperpunkte.

Wie war die Qualität der Evidenz? 

Wir bewerteten die Evidenz zur Anwendung der untersuchten Behandlungen. Die Qualität war sehr niedrig aufgrund:

  • der geringen Größe der Studien; 
  • von Unterschieden zwischen den Studien innerhalb der acht Behandlungskategorien in den Merkmalen der Teilnehmenden, der Behandlungsarten und der zur Erhebung der Veränderungen erfassten Untersuchungsverfahren; und
  • Bedenken in Bezug auf die zufällige Zuteilung der Teilnehmenden zu den Studiengruppen und die „Verblindung“ der Personen, die die Ergebnismessungen durchführten (wenn bekannt war, welche Behandlung jeder Teilnehmende erhielt, war die Person nicht verblindet).

Was waren die wichtigsten Ergebnisse?

Die meisten Studien verwendeten Standardtests zur Erhebung des räumlichen Neglects. Viele ermittelten auch die Wirkungen auf Aktivitäten des täglichen Lebens kurz nach der Behandlung, jedoch beschrieben nur sehr wenige der Studien längerfristige Wirkungen. Andere aussagekräftige Behandlungsergebnisse wurden nur in wenigen Fällen berichtet. Insgesamt fanden wir nur Evidenz von sehr niedriger Qualität dazu, ob die untersuchten Behandlungen für Menschen mit einem räumlichen Neglect nützlich oder schädlich sind.

Was bedeutet das?

Trotz 65 (kleiner) Studien sind der Nutzen oder die Risiken nicht‐medikamentöser Behandlungen zur Verringerung eines räumlichen Neglects und zur Erhöhung der Unabhängigkeit weiterhin unklar. Aus diesem Review lässt sich nicht schlussfolgern, dass die vorgeschlagenen Behandlungen nicht wirksam sind. Vielmehr kommen wir zu dem Schluss, dass die Evidenz für oder gegen eine Behandlung im Rahmen der weltweit durchgeführten randomisierten Studien nicht ausreichend ist. Zur Beantwortung wichtiger klinischer Fragen, müssen zukünftige Studien eine weitaus höhere Qualität aufweisen. Eine Möglichkeit zur Verbesserung der Qualität der Forschung ist der Einbezug von Patienten in die Planung und Durchführung von Studien. Klinisch tätige Personen sollten weiterhin nationalen klinischen Leitlinien folgen und werden zur Teilnahme an Studien aufgefordert. Menschen mit einem räumlichen Neglect sollten zur Erreichung ihrer Rehabilitationsziele weiterhin eine allgemeine Schlaganfall‐ oder neurologische Rehabilitation erhalten, einschließlich aller für die Beeinflussung eines Neglect verfügbaren Interventionen. Auch Menschen mit einem räumlichen Neglect sollten die Möglichkeit haben, an hochwertigen Forschungsprojekten teilzunehmen.

Mit freundlicher Genehmigung durch die Cochrane Library.

Anmerkungen

1 Cochrane Deutschland, Freiburg

2 Richard Pflaum Verlag, pt Zeitschrift für Physiotherapeuten