Es ist ein Virus, das momentan die Welt auf den Kopf stellt. Scheinbar ist nichts mehr so wie es vorher war. Viele Bereiche der Gesellschaft stehen still, andere verausgaben sich. Mittendrin versucht die Physiotherapie eine neue Standortbestimmung. Plötzlich sind wir systemrelevant und die Schwächen des berufspolitischen Systems werden noch deutlicher sichtbar als vorher. Und voller Heldentum ist unsere Welt natürlich auch.

Wo beginnen? Wie schreiben?

„There’s a crack in everything“, singt Leonard Cohen und meint damit, dass nichts perfekt ist und die Dinge erst durch den Riss schön werden und ihre Bedeutung bekommen. Er ist nötig, weil durch ihn das „Licht hereinscheint“. Soweit meine persönliche Interpretation von „Anthem“. Nun war es mehr als ein Riss, der sich in den letzten Wochen in der Welt ausbreitete. Man bekam zeitweise den Eindruck, dass mehr Riss da war als Welt. 

Ich weiß, dass Sie, liebe Leserinnen, liebe Leser, diesen Text erst einige Wochen, nachdem ich ihn geschrieben habe, lesen werden. Das bringt einige Schwierigkeiten mit sich. Schreibe ich in der Gegenwart oder in der Vergangenheit? Niemand weiß zurzeit, wie die Welt Mitte Mai 2020 aussehen wird – und ich hoffe sehr, dass sich die düsteren Prognosen nicht bewahrheitet haben. 

Ich bin mir aber sicher, dass es nach der Krise wichtig sein wird, ihren Verlauf zu analysieren. Wir werden uns viele Fragen stellen (müssen): Was hat gut funktioniert? Wo sind wir über uns hinaus gewachsen? Was hat schlecht funktioniert? Was ist komplett schiefgelaufen?

Wann ging die Krise in Deutschland eigentlich los?

Am 27. Februar veröffentlichte Physio-Deutschland erste Corona-Verhaltensregeln für Therapiepraxen (1). Am 2. März wurde die für Anfang April geplante Fitnessmesse FIBO in Köln abgesagt (2). Am 10. März veröffentlichte der Verband Physikalische Therapie (VPT) erste Hilfen zur Fragestellung: Was passiert, wenn eine Praxis aufgrund von Corona schließen muss? (3)

Drei Tage später meldete sich der Spitzenverband der Heilmittelverbände das erste Mal zur Corona-Krise zu Wort: „Die medizinischen Vorbereitungen zum Schutz der besonders gefährdeten Bevölkerungsgruppen sind auf [einem] gute[n] Weg. Die Schließung der Schulen und Kitas zeigt aber überdeutlich, wie stark die Einschnitte für alle Bürger unseres Landes sind. Wirtschaftliche Auswirkungen all dieser Maßnahmen sind bisher nur in Ansätzen erkennbar, werden aber zunehmend als existenzgefährdend empfunden, auch in unseren Heilmittelpraxen […] Nicht ein Glied in der Therapiekette, nicht eine einzige Praxis darf wegbrechen, die Versorgung muss für alle Patienten uneingeschränkt weitergehen.“ (4)

„Es reicht!“ und #flattenthecurve

Am 16. März meldete der Bundesverband Selbstständiger Physiotherapeuten (IFK), dass trotz Allgemeinverfügungen Physiopraxen geöffnet bleiben dürfen: „Für immer mehr Regionen in Deutschland gelten aufgrund der Corona-Infektionswelle Allgemeinverfügungen, die Teile des öffentlichen Lebens einschränken […] Die Behandlung von Patienten, die mit einer gültigen Verordnung in die Physiotherapiepraxis kommen, ist weiterhin uneingeschränkt möglich.“ (5)

Bei unseren Nachbarn in Österreich nahm man die Situation ganz anders wahr. „Es reicht!“, schrieb Physio-Austria in einer nächtlichen Mitteilung vom 17. März. Der österreichische Verband sprach von „fahrlässiger Gefährdung vulnerabler Personengruppen“ und von „Physiotherapeuten ohne existenzielle Absicherung“. In Österreich schlossen zahlreiche Physiotherapiepraxen freiwillig. 

Aber auch in Deutschland meldeten sich vermehrt Stimmen zu Wort, die eine Schließung von Praxen befürworteten. Georg Supp und Wolfgang Schoch, die eine Praxis mit 21 Mitarbeitern in Freiburg betreiben, riefen in einem Video vom 17. März dazu auf, Praxen zu schließen: „Behandlung am Patienten in direktem Kontakt, das macht momentan überhaupt keinen Sinn […], denn die Gesundheit von uns allen sollte im Vordergrund stehen.“ (6)

Bundesregierung beschließt: Praxen sollen offen bleiben

„Heute wurde durch die Bundesregierung beschlossen, dass unter anderem therapeutische Praxen, Rehabilitationsreinrichtungen sowie Reha-Kliniken weiterhin offen zu halten sind. Momentan ist es aber der Fall, dass eine hohe Anzahl von Patientinnen und Patienten aus Angst vor der Infektion den Besuch in therapeutischen Einrichtungen vermeiden. Wir rechnen mit Absagen um die 40 Prozent. Somit entsteht ein Liquiditätsproblem bei Praxisinhaberinnen und -inhabern“, schrieb der Physiotherapeut und Bundestagsabgeordnete Dr. Roy Kühne (CDU) am 16. März in einem Facebookposting. Zur Überbrückung schlug er einen Rettungsschirm vor. Dieser beinhaltet die Idee, „dass die Krankenkassen eine monatliche Abschlagszahlung an die Praxen zahlen“, so der Politiker. Das Ziel des Schirms soll es sein, die „Arbeitsfähigkeit“ von Praxen trotz der Absagen zu gewährleisten. (6)

Plötzlich Entscheidungsträger!

Am 20. März verkündete der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) weitere Maßnahmen, um die Corona-Pandemie zu bekämpfen. Unter anderem orakelte er: „Jeder kann auch weiterhin medizinisch versorgt werden und zum Arzt gehen, aber es gibt für einige Bereiche Einschränkungen: Physiotherapeuten beispielsweise, nur in Notdienst, in Notfällen.“ (7)

Die physiotherapeutische Community reagierte zunächst verwirrt. Wie konnte man diese Aussage interpretieren? Physio-Deutschland reagierte schnell und deutete die Aussage des Politikers folgendermaßen: Patienten könnten weiterhin zur Physiotherapie kommen, weil jeder Arzt, der aktuell eine Verordnung über Physiotherapie ausstellt, in der momentanen Situation neben der Frage, ob eine Behandlung medizinisch notwendig ist, auch abwäge, ob eine Behandlung mit Blick auf mögliche Infektionsrisiken dringend erforderlich oder doch aufschiebbar wäre. (7)

Appelle von Stunde zu Stunde dringlicher

Am 20. März wandte sich der SHV aufgrund der bevorstehenden Gesetzgebungsverfahren zum Covid-19-Gesetz in einem offenen Brief an alle Bundestagsabgeordneten: „Alle Heilmittelpraxen sind für die ambulante Versorgung der Versicherten systemrelevant und damit flächendeckend unverzichtbar; sie müssen deshalb als Teil der kritischen Infrastruktur (KRITIS) im Bestand geschützt werden. Bereits jetzt ist Fakt, dass die ganz überwiegende Zahl der Patienten ausbleibt. Diese Entwicklung wird sich […] weiter verschärfen, wenn bedingt durch Ausgangsbeschränkungen nur noch in Notfällen behandelt werden darf. Damit werden die jetzt schon entstandenen gravierenden wirtschaftlichen Einbußen in den Praxen existenzgefährdend. Wir haben deshalb die dringende Bitte und Forderung, dass der finanzielle Schutzschirm auch auf die Heilmittelpraxen ausgedehnt wird. Sie dürfen unsere Praxen jetzt nicht allein lassen.“ (8)

Nur zwei Tage später veröffentlichte der SHV einen Forderungskatalog: „Zum Schutz vor einer zu hohen Umsatzminderung durch ausbleibende Patienten sollte es Ausgleichszahlungen geben, damit die zugelassenen Leistungserbringer Kalkulationssicherheit hinsichtlich der Höhe des zu erwartenden Honorars und zum Fortbestand ihrer Tätigkeit als zugelassener Leistungserbringer […] erhalten.“ (9)

„Herr @JensSpahn: Wir Physiotherapeuten können Ihnen helfen“

Am gleichen Tag meldete sich auch Andrea Rädlein, Vorsitzende von Physio-Deutschland, erneut zu Wort: „Wir lindern mit unserer Arbeit Schmerzen, beugen Pflegebedürftigkeit vor, erhalten oder stellen Arbeitsfähigkeit wieder her. Wir fördern Entwicklung bei Kindern und lindern Schmerzen von Sterbenden auf ihrem letzten Weg. Physiotherapie ist damit ein unverzichtbarer Teil der Gesundheitsversorgung in Deutschland – auf uns bauen viele Patienten und deren Angehörige. Die Politik hat diesen hohen Stellenwert unserer Arbeit scheinbar immer noch nicht verinnerlicht. Anders ist es nicht zu verstehen, warum wir im aktuellen Covid-19-Gesetz überhaupt nicht berücksichtigt sind. Ich fordere die Politik im Bund und in den Bundesländern auf, dem Gesetz so nicht zuzustimmen, sondern nachzubessern und die gesamte Patientenversorgung ins Blickfeld des Rettungsschirms zu nehmen. Sehr geehrter Herr @JensSpahn: Wir Physiotherapeuten können Ihnen helfen bei der Bewältigung dieser Krise, lassen Sie uns und stellen Sie uns die erforderlichen Mittel dafür zur Verfügung!!“ (10)

Das Gesetz ohne uns

„Das Gesundheitswesen und die Pflege bei der Bewältigung der Corona-Epidemie zu unterstützen – das sind die Ziele zweier Gesetzespakete, die nach dem Beschluss des Deutschen Bundestages am 25. März heute die Zustimmung des Bundesrates erhalten haben. Mit dem ,COVID19-Krankenhausentlastungsgesetz’ werden die wirtschaftlichen Folgen für Krankenhäuser und Vertragsärzte aufgefangen. Mit dem ,Gesetz zum Schutz der Bevölkerung bei einer epidemischen Lage von nationaler Tragweite’ wird die Reaktionsfähigkeit auf Epidemien verbessert“, so stand es am 28. März auf der Website des Bundesgesundheitsministeriums. 

In dieser Pressemitteilung ist kein Wort über Physiotherapeuten zu finden. (11)

Alles ist vorläufig. Ist alles vorläufig?

Außer Acht gelassen habe ich die gesamte Diskussion über Schutzkleidung und Hygiene. Neben den beiden oben erwähnten Gesetzen sind viele finanzielle Sofortmaßnahmen beschlossen worden. Man muss jetzt abwarten, ob diese Hilfen greifen und welche weiteren Maßnahmen notwendig sind.

Schaut man sich diese Wochen rückblickend an, müssen wir zunächst feststellen: Ja, wir sind systemrelevant, zumindest hat es die Politik jetzt bestätigt – das kann uns freuen und daran kann man anknüpfen.

Feststellen sollten wir auch: Wir sind in der aktuellen Krise nicht die wichtigsten Akteure. Virologen, Pflegekräfte, Altenheime und viele andere spielen in der akuten Situation eine größere Rolle, so kann man vielleicht den Blick auf die verabschiedeten Gesetze relativieren. 

Teletherapie, Videosprechstunden – neue Möglichkeiten?

Wenn man der Krise etwas Positives abringen möchte, dann kann man sie gegebenenfalls als Beschleuniger für bestimmte Prozesse ansehen. Ab 31. März gelten beispielsweise aktualisierte Empfehlungen der gesetzlichen Krankenkassen für den Heilmittelbereich.

Ziel der Empfehlungen ist es, die Versorgung in dieser außerordentlichen Situation zu erleichtern und aufrechtzuerhalten. Diese Verfahrensregelung gilt zunächst allerdings nur für alle Behandlungen, die bis einschließlich 31. Mai 2020 durchgeführt werden. Die Entscheidung, ob die Behandlung aktuell persönlich oder im Rahmen einer telemedizinischen Behandlung erfolgen kann, darf jetzt der Therapeut treffen. (12)

Damit ist jedoch ausschließlich eine Videobehandlung gemeint, keine telefonische Beratung, darauf weist der Bundesverband Selbstständiger Physiotherapeuten (IFK) in einer Mitteilung vom 1. April ausdrücklich hin. Videobehandlungen sind laut IFK für folgende Positionen möglich: Bewegungstherapie, Krankengymnastik (auch KG-Atemtherapie), Krankengymnastik-Mukoviszidose. (13)

Spahn erteilt Rettungsschirm für Heilmittelerbringer zunächst Absage

Die Bundesregierung hat im Eiltempo zahlreiche Hilfspakete verabschiedet. Einen weiteren gezielten Rettungsschirm für Heilmittelerbringer soll es zunächst nicht geben, so Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) In einem Facebook-Live-Chat vom 2. April. Der O-Ton: „Es ist wie folgt: Das wir jetzt auch erst mal schauen, wie die anderen Hilfsmaßnahmen der Bundesregierung dort wirken.“ Es gäbe ja Liquiditätszuschüsse, die Möglichkeit, Mietzahlungen zu reduzieren, Bürgschaften und Bankkredite, so der Minister. Er versichert, dass er die Situation im Blick behalten will. (14)

Zu Ostern kommt der Wandel

Spätabends am Karfreitag kursierten plötzlich verschiedene Meldungen in den sozialen Medien. Gesundheitsminister Spahn plane doch einen „zweiten Rettungsschirm“, der auch physiotherapeutische Praxen berücksichtigt. Auf der Website des Bundesgesundheitsministeriums ist dazu am Dienstag nach Ostern folgende Meldung zu finden: „Auch die Einnahmeausfälle von Heilmittelerbringern (Physiotherapeuten, etc.), Zahnärzten und Reha-Einrichtungen für Eltern-Kind-Kuren sollen abgefedert werden. Das ist Ziel eines weiteren finanziellen Schutzschirms, den Bundesgesundheitsminister Jens Spahn plant. Demnach sollen Heilmittelerbringer – wie zum Beispiel Physiotherapeuten – 40 Prozent ihrer Vergütung aus dem vierten Quartal des Jahres 2019 als Einmalzuschuss erhalten.“

Der Minister dazu: „Viele Patientinnen und Patienten sind derzeit verständlicherweise zurückhaltend, medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Therapeuten und Zahnärzten brechen daher die Einnahmen weg. […] Um gut funktionierende Strukturen zu erhalten, werden wir hier Verluste abfedern und Liquidität sichern.“

Ende gut, alles gut?

Wie sich die Hilfen für uns Physiotherapeuten auswirken, wird sich sicher erst in einigen Monaten zeigen. Irgendwann sind auch wir bemerkt worden. Irgendwann.

Die Frage, die die Krise erneut und mit großer Ernsthaftigkeit aufwirft, ist die nach einer maßgeblichen Vertretung. Maßgeblich im Sinne von wirkungsvoll. Sind unsere alten berufspolitischen Strukturen in der Lage, unsere Belange in Krisenzeiten zu vertreten? Oder sind Ehrenämter und aufgesplitterte Verbände Strukturen aus dem letzten Jahrhundert, die in Zeiten der Professionalisierung und Globalisierung von Politik und Herausforderungen schlichtweg nicht mehr ausreichen, um Lobbyismus in einem positiven Sinn zu betreiben? Es ist an der Zeit, über wirkungsvolle und hauptamtliche Vertretungen nachzudenken, die unsere Kräfte bündeln und entfalten und nicht verschleißen.

Anmerkung

Redaktionsschluss für diesen Artikel war der 24. April 2020.

Literatur

1. Physiotherapeuten.de. 2020. Coronavirus – Informationen für physiotherapeutische Praxen. pt.rpv.media/7u; Zugriff am 31.03.2020

2. Physiotherapeuten.de. 2020. FIBO Köln auf zweite Jahreshälfte 2020 verschoben. physiotherapeuten.de/news/2020/03/fibo-koeln-auf-zweite-jahreshaelfte-2020-verschoben/; Zugriff am 31. 3.2020

3. VPT. 2020. Informationen zum Thema Corona und Praxisschließung. pt.rpv.media/ab; Zugriff am 31.03.2020

4. SHV. 2020. Bundesregierung sagt wirtschaftliche Hilfe zu. pt.rpv.media/c1; Zugriff am 31.03.2020

5. IFK. 2020. Trotz Allgemeinverfügungen: Physiopraxen dürfen geöffnet bleiben. pt.rpv.media/cb; Zugriff am 31.03.2020

6. Stanko J. 2020. Update Coronakrise: „Physiotherapeuten stehen vor dem Nichts“ pt.rpv.media/dw; Zugriff am 31.03.2020

7. Stanko J. 2020. Update Coronakrise: „Physiotherapie in Notfällen“ – bedeutet? pt.rpv.media/ey; Zugriff am 31.03.2020

8. Boßmann T. 2020. Update Coronakrise: Offener Brief des SHV – Schutzschirm auch für die Heilmittelbranche unverzichtbar. pt.rpv.media/f7; Zugriff am 31.03.2020

9. Boßmann T. 2020. Update Coronakrise: SHV fordert Ausgleichszahlungen. pt.rpv.media/hk; Zugriff am 31.03.2020

10. Stanko J. 2020. Update Coronakrise: „Die Politik hat den hohen Stellenwert unserer Arbeit nicht verinnerlicht“ pt.rpv.media/ga; Zugriff am 31.03.2020

11. BMG. 2020. Bundesrat stimmt Gesetzespaketen zur Unterstützung des Gesundheitswesens bei der Bewältigung der Corona-Epidemie zu. pt.rpv.media/je; Zugriff am 31.03.2020

12. Physio-Deutschland. 2020. Aktualisierte Empfehlungen schaffen weitere Klarheit. https://pt.rpv.media/jq; Zugriff am 01.04.2020

13. IFK. 2020. Teletherapie nur als Videobehandlung möglich. https://pt.rpv.media/jr; Zugriff am 01.04.2020

14. Stanko J. 2020. Jens Spahn: Zunächst keinen Rettungsschirm für Heilmittelerbringer. pt.rpv.media/l6; Zugriff am 07.04.2020