Mittlerweile sprechen sich fast alle berufspolitischen Akteure innerhalb der Physiotherapie für eine Vollakademisierung aus. Diese zu fordern, ist einfach. Aber wie könnte sie auch in den bestehenden Strukturen umgesetzt werden? Die „Ressource Berufsfachschule“ erfährt in diesem Modell eine Umwidmung zu einem Versorgungszentrum, in welchem das schulische Lehrpersonal (auch) ein Aufgabenfeld finden könnte.

Eine vollständige hochschulische Ausbildung in der Physiotherapie wird von allen führenden Berufs- und Ausbildungsverbänden, die sich im „Bündnis Therapieberufe an die Hochschulen“zusammengeschlossen haben, nachdrücklich gefordert. In ihrem Positionspapier, das eine nachhaltige, zukunftsorientierte Ausbildung der Therapieberufe in Deutschland fordert, plädiert das Bündnis für eine vollständige Überführung der schulischen Ausbildung an die Hochschulen (1).

Diese Transformation soll auf der Basis von Übergangsregelungen in einem begrenzten Zeitraum von zehn Jahren erfolgen. Nur auf diese Weise können sowohl bestehende Engpässe in der Versorgung gemindert, als auch eine Weiterentwicklung des Berufes gewährleistet werden. Eine Teilakademisierung ist aus vielfältigen, triftigen Gründen abzulehnen. So erhebt das Sozialgesetzbuch SGB V (2) den Anspruch auf eine Patientenversorgung, die dem jeweils aktuellen Stand der wissenschaftlichen Erkenntnis entspricht. Damit alle Patienten diesem Standard gemäß versorgt werden, ist es notwendig, eine flächendeckende, hochschulische, wissenschaftsbasierte Ausbildung sicherzustellen.

Ebenso ist die vollständige hochschulische Ausbildung bildungsstrukturell ein Garant dafür, zukünftigen Herausforderungen und Veränderungen gerecht zu werden. Darüber hinaus ist es für die relativ kleine Berufsgruppe wichtig, ein einheitliches Berufsprofil zu etablieren. Nur auf diese Weise werden Parallelstrukturen in Ausbildung und Versorgung vermieden. Unnötigen Abgrenzungen respektive Profilbildungen wird kein Nährboden geboten, Patienten können ein eindeutiges Berufs- und Kompetenzprofil erwarten.

Für die Berufsangehörigen ergibt sich der Vorteil, dass klare Bildungsstrukturen Karrierewege eröffnen und damit die Attraktivität des Berufes erhöht wird. Perspektivisch ist eine längere Verweildauer im Beruf und damit eine gesicherte therapeutische Versorgung zu erwarten. Besonders vor dem Hintergrund demographischer Entwicklungen, die von deutlich weniger Berufsangehörigen ausgehen, sind dies wesentliche Vorteile (3).

Der Umbau zu vollakademisierten (vollständig hochschulischen) Ausbildungsstrukturen lässt sich in zehn Jahren realisieren (4). Dabei ergibt sich die Frage, wie es mittels Aus- und Umbauprozessen gelingt (5), den Transformationsprozess sinnvoll zu gestalten. Die für 2021 angekündigte Novellierung der therapeutischen Berufsgesetze eröffnet die Chance, die Grundlagen dafür zu schaffen.

Die notwendigen Umstrukturierungen sollten besonders folgende Veränderungen initiieren:

  • Etablierung einer evidenzbasierten physiotherapeutischen Versorgung, welche internationalen Standards entspricht
  • Implementierung von Ausbildungsstrukturen, die eine verbindliche wissenschaftsbasierte Lernbegleitung sicherstellt und die Verzahnung von Theorie und Praxis weiterentwickelt
  • Transformierung des historisch gewachsenen Berufsfachschulsystems in hochschulische Strukturen, die kritisch wissenschaftlich reflektierende Praktiker ausbilden
  • Auf- und Ausbau der Physiotherapiewissenschaft und unterstützender Forschungsstrukturen

Bei der Transformation sollten Wege für die Nutzung von Ausbildungsressourcen aus den Berufsfachschulen (personell, konzeptionell, infrastrukturell) bedacht werden. Als eine Option hierzu wird das Modell der Praktischen Zentren (PZ) vorgestellt.

Das Modell  

Das Modell der praktischen Zentren kreiert neue Institutionen, in denen die praktische Ausbildung wissenschaftsbasiert professionalisiert wird. Die PZ sind professionsspezifisch ausgerichtet, können aber zu einem interprofessionellen Zentrum ausgebaut werden. Im PZ findet primär die Versorgung von Patienten statt, idealerweise interprofessionell. Dies gewährleistet Lernsituationen, die zum einen im dominanten Tätigkeitsfeld von Therapeuten stattfinden und ein „Lernen in der Arbeit“ (6) ermöglichen und zum anderen ausreichend Ausbildungskapazitäten für die praktische Ausbildung generieren.

Während des Transformationsprozesses zur vollständigen hochschulischen Ausbildung erscheint es sinnvoll, auf bestehende Infrastrukturen und Ressourcen zurückzugreifen und diese zu nutzen. Die bereits existierenden Berufsfachschulen können als geeignete Orte ausgewiesen werden, die zu PZ umgestaltet werden. Die Ressource „Berufsfachschule“ erfährt auf diese Weise eine Umwidmung zu einem Versorgungszentrum, in welchem das schulische Lehrpersonal ein Aufgabenfeld finden könnte. Die zu errichtenden PZ arbeiten eng mit der Hochschule und den externen Lernorten der praktischen Ausbildung zusammen (Abb. 1).

Abb. 1 Das Modell der Praktischen ZentrenEigener Nachbau
Abb. 1 Das Modell der Praktischen Zentren

PZ bekommen zwei wesentliche Funktionen

Ihre erste Funktion ergibt sich aus der engen Zusammenarbeit mit der Hochschule. Ihr institutioneller Auftrag zielt darauf ab, eine inhaltliche und strukturelle Verzahnung von Theorie und Praxis herzustellen und insbesondere die reflexive Handlungsfähigkeit von Studierenden in der realen Praxis zu fördern. Eine Hochschule arbeitet optional mit verschiedenen PZ zusammen (in Abhängigkeit ihrer Studierendenzahl).

Modulbezogen werden Studierendengruppen zum Beispiel in einem Umfang von circa 20 Personen während ihrer praktischen Ausbildung einem PZ zugeteilt. In Kleingruppen von vier bis fünf Studierenden arbeiten sie in Abhängigkeit vom Ausbildungsstand im Rahmen von Patientenversorgung an gemeinsamen Lernaufgaben. Sie übernehmen dabei die Mitverantwortung für fünf bis sechs Patienten am Tag. Die Studierenden führen unter Anleitung Diagnostik und Therapie durch und erhalten strukturiertes Feedback von den angestellten Therapeuten des PZ.

Gleichzeitig bekommen die Studierenden Zeitkontingente für die Vor- und Nachbereitung sowie zum Beispiel auch für Literaturrecherche nach Evidenzen, Dokumentation, praktisches Üben und Lernaufgaben zur Verfügung gestellt. Eine entsprechende professionsspezifische Ausstattung sowie audiovisuelles und digitales Equipment bietet dabei eine vielfältige Lernintensivierung (7). Die PZ bieten im weitesten Sinne einen geschützten Raum, der Lernenden die Chance bietet, reflektierende Praktiker zu werden.

Darüber hinaus ist das PZ ein geeigneter Ort für die Durchführung von praktischen Modulprüfungen. Sowohl Prüfungssetting, Patienten- und Prüferbeteiligung (hochschulische und PZ-Mitarbeiter) können inhaltlich wie organisatorisch den Notwendigkeiten angepasst werden.

Neues Rollenmodell

Als zweite Funktion fungieren die PZ als Rollen-Modell, um die notwendigen Veränderungsprozesse zu einer evidenzbasierten Versorgung anzubahnen beziehungsweise zu unterstützen. Auf lokaler Ebene arbeiten die PZ eng mit den externen Kooperationspartnern der Hochschule zusammen, koordinieren die externen Einsätze und unterstützen die Hochschule bei der Durchführung der Praxisbegleitung vor Ort. Wenn eine Hochschule mit mehreren PZ zusammenarbeitet, werden die externen Kooperationspartner auf Basis ihrer geographischen Lokalisation den PZ zugeordnet. Hierdurch entstehen Organisationseinheiten, in denen gezielt Netzwerkarbeit auf- und ausgebaut wird. In diesen Organisationseinheiten können spezifische Fragestellungen und der Dialog zwischen Hochschule, PZ und externen Kooperationspartnern angegangen werden, die an den lokalen Bedürfnissen und ausgehandelten Zielsetzungen ausgerichtet sind. Die PZ können sowohl eine mitwirkende Rolle in der weiterführenden Entwicklung zu einer flächendeckenden evidenzbasierten Versorgung wahrnehmen, als auch projektbezogene Forschung mit implementieren.

Finanzierung

Die derzeitig stattfindende, sukzessive Einführung der Zahlung von Ausbildungsvergütungen für Schüler führt zu einer monetären Attraktivitätssteigerung der berufsfachschulischen Ausbildung. Im Umkehrschluss erfahren die therapeutischen Studiengänge eine Schwächung. Ob diese zusätzlichen Geldmittel der Weiterentwicklung des Berufes zuträglich sind, eine Abwanderung aus dem Beruf gestoppt und letztlich den Fachkräftemangel eindämmen werden, ist sehr fraglich. Eine Finanzierung von fortschrittlichen Ausbildungsstrukturen, die dem europäischen Standard gleichkommen, erscheint zielführender.

Unter Finanzierungsaspekten ergäbe sich für das Modell der PZ die Möglichkeit einer Mischfinanzierung der Gesamtausbildungskosten. Die Bundesländer könnten die Finanzierung der hochschulisch entstehenden Kosten übernehmen, eine Finanzierung der PZ könnte über einen Ausgleichsfonds, ähnlich der Finanzierungsmodalitäten in der Pflege, durch weitere Kostenträger (gesetzliche und private Krankenversicherung (GKV und PKV), Arbeitgeber etcetera) übernommen werden.

Dies hätte den großen Vorteil, dass Strukturen und Konzepte der praktischen Ausbildung auf einer gesicherten Finanzierung fußen würden. Eine bundesweit verpflichtende Umsetzung würde zur Standardisierung der Ausbildungsrahmenbedingungen beitragen. Verbindliche Qualifikationsprofile des praktischen Bildungspersonals könnten festgelegt werden und zur Qualitätssicherung beitragen.

Chancen der Transformation

Die Neuordnung eines Physiotherapiegesetzes eröffnet die Chance, tradierte Strukturen zu prüfen und Modernisierungen anzugehen. Die Ausbildung der therapeutischen Gesundheitsberufe wird über ein Berufszulassungsgesetz geregelt und fällt damit nicht unter das Berufsbildungsgesetz (BBiG). Demnach ist die Physiotherapie nicht im dualen System angesiedelt, obwohl sie politisch fälschlicherweise gern in dessen Nähe gerückt wird.

Die Novellierung des physiotherapeutischen Berufsgesetzes für 2021 sollte endlich Bildungsstrukturen etablieren, die das Erreichen zeitgemäßer Kompetenzprofile ermöglicht. Nur so kann den steigenden Anforderungen in der therapeutischen Gesundheitsversorgung bedarfsgerecht begegnet werden. Nur hochschulische Ausbildungen sind in der Lage, wissenschaftlich reflektierende Praktiker auszubilden. Um eine reflexive Handlungsfähigkeit herauszubilden, sind konzeptionelle Ansätze nötig, die eine Reflektion realer Arbeitsprozesse unter Theoriebezug fördern. Erst dann kann es in praxisbezogenen Situationen zu einer bewussten, kritischen und verantwortlichen Einschätzung und Bewertung von Handlungen, auf der Basis von eigenen Erfahrungen und verfügbarem Wissen, kommen (8).

Eine essentielle Stellschraube für den Erwerb dieser reflexiven Handlungskompetenzen ist die Implementierung von systematischen und zielgerichteten Anleitungskonzepten. Demnach ist eine gesetzliche Verankerung der Anleitung zwingend notwendig. Hierfür sind erforderliche Studienkapazitäten und Studiengangkonzepte sukzessive auf- und auszubauen, wobei die Gesamtverantwortung bei der Hochschule liegt. In einem Transformationsprozess kann das Modell der Praktischen Zentren einen wesentlichen Beitrag leisten.

Ausblick

Eine vollständige hochschulische Ausbildung in den therapeutischen Gesundheitsberufen ist unabdingbar. Die vorgestellte Konzeption bietet deutliche Chancen, sowohl den inhaltlichen Novellierungsaspekten gerecht zu werden, als auch eine zeitnahe, zukunftssichernde Transformation der Bildungsstrukturen in Angriff zu nehmen. An diesem Prozess wären sowohl schulisches Bildungspersonal als auch hochschulisch Lehrende beteiligt. Erfahrungswissen im Sinne beruflicher Expertise und Wissenschaftsorientierung könnten sich idealerweise ergänzen.

Der Beitrag ist als Anstoß zur Diskussion des vorgestellten PZ-Modells zu verstehen. Im Rahmen der Vorstandsarbeit des Verbundes für Ausbildung und Studium (VAST) wurde das Modell der Praktischen Zentren als vielversprechend eingeordnet.

Literatur

  1. Bündnis Therapieberufe an die Hochschulen. 2019. Für eine nachhaltige, zukunftsfeste Ausbildung der Therapieberufe in Deutschland. https://www.hv-gesundheitsfachberufe.de/wp-content/uploads/Positionspapier_Therapieberufe_Versand_f.pdf; Zugriff am 24.1.2020
  2. Sozialgesetzbuch (SGB). Fünftes Buch. www.sozialgesetzbuch-sgb.de/sgbv/1.html; Zugriff am 24.1.2020
  3. Bundesministerium für Wirtschaft und Energie. 2017. Entwicklung der Angebotsstruktur, der Beschäftigung sowie des Fachkräftebedarfs im nichtärztlichen Bereich der Gesundheitswirtschaft. www.bmwi.de/Redaktion/DE/Publikationen/Studien/entwicklung-angebotsstruktur-beschäftigung-fachkraeftebedarf-im-nichtaerztlichen-bereich-der-gesundheitswirtschaft.pdf; Zugriff am 24.1.2020
  4. HVG, VAST. 2018. Notwendigkeit und Umsetzung einer vollständig hochschulischen Ausbildung in den Therapieberufen (Ergotherapie, Logopädie und Physiotherapie) – Strategiepapier. www.hv-gesundheitsfachberufe.de/wp-content-uploads-Strategiepapier-2018_11_08.pdf; Zugriff am 24.1.2020
  5. Handgraaf M. 2019. Vollakademisierung Physiotherapie. Überlegungen zur Gestaltung des Transformationsprozesses von Berufsfachschule zur Hochschule. Therapie Lernen 8, 38–43
  6. Klemme B, Weyland U, Harms J. 2019. Praktische Ausbildung in der Physiotherapie. Stuttgart: Georg Thieme Verlag
  7. Pust A. 2019. Lehr- und Forschungsambulanz. In Praktische Ausbildung in der Physiotherapie. Stuttgart: Georg Thieme Verlag
  8. Dehnbostel P. 2007. Lernen im Prozess der Arbeit in Schule und Betrieb. Münster: Waxmann Verlag