Therapie
pt April 2021

Der Functional Movement Screen (FMS)

Was sagt er mir und was nicht?

Der FMS ist ein einfacher, zuverlässiger und schneller Screen, der dem Untersucher einen guten Überblick über die Stärken und Schwächen eines Sportlers bei der Ausführung grundlegender Bewegungsmuster liefert.

Ein Buchauszug von Markus Klingenberg
Lesezeit: ca. 4 Minuten
Pflaum Verlag

Asymmetrien, Bewegungseinschränkungen und Kraftdefizite gehören zu den Hauptfaktoren, die ein Verletzungsrisiko steigern. Der Körper nutzt Kompensationsbewegungen, um Defizite auszugleichen. Das Resultat sind unphysiologische Belastungen, erhöhter Energieverbrauch, eine höhere Belastung des Herzkreislaufsystems und eine insgesamt verminderte Leistungsfähigkeit. Untersucht werden Sportler, die keine akuten Beschwerden des Bewegungsapparates verspüren.

Der Screen zielt also darauf ab, Risiken präventiv zu erkennen, bevor sie Symptome verursachen. Das generelle Risiko, Verletzungen durch eigene körperliche Defizite zu erleiden, kann reduziert werden, wenn diese nicht kompensiert, sondern rechtzeitig ausgeglichen werden. Der FMS ist nicht dazu geeignet, Sportverletzungen oder eine bestimmte Leistung vorauszusagen. Genauso wenig sagt ein einmal gemessener hoher Blutdruck einen Herzinfarkt voraus. Der FMS erkennt Defizite und unterstützt den Untersucher dabei individuell geeignete korrigierende Übungen auszuwählen. Ist eine Verletzung ausgeheilt, so ist der FMS fester Bestandteil meiner Return-to-Sport-Protokolle.

Was ist der Hintergrund des FMS?

Der FMS wurde Ende der 90er-Jahre von Gray Cook und seinem Team entwickelt, um systematisch und standardisiert grundlegende Bewegungen zu überprüfen, die wir im Rahmen unserer Entwicklung erworben haben. Als Kleinkind besitzen wir eine optimale Mobilität bei nur gering ausgeprägter Stabilität. Kopf- und Rumpfkontrolle, Rollen um die Längsachse, Armstützfunktion, Kriechen, Vierfüßlerstand, Krabbeln, Sitzen und Gleichgewicht sind Grundfähigkeiten, die wir uns Schritt für Schritt mit unserem eigenen Körpergewicht und gegen die Schwerkraft aneignen müssen. Mit jedem dieser Meilensteine erlangen wir mehr und mehr Kontrolle über unsere Haltung. Das Erreichen eines neuen Bewegungsmusters dient als Grundlage für neue und komplexere Fähigkeiten.

Kommunikation auf Augenhöhe

Trainer und Therapeuten beschreiben Bewegungsapparat und Bewegungen teilweise aus einem unterschiedlichen Blickwinkel. Ein gemeinsamer Screen bietet auch eine gemeinsame Sprache und ermöglicht eine Kommunikation auf Augenhöhe. Wenn allen Beteiligten klar ist, welche Stärken und Schwächen ein Sportler hinsichtlich seines Bewegungsapparates hat, ist eine effektive interdisziplinäre Betreuung einfacher. Der FMS bietet ebenso wie der Selective Functional Movement Assessment Test, der sogenannte SFMA als klinische Variante eine mögliche gemeinsame Sprache.

Durchführung des FMS

Der FMS besteht aus sieben fundamentalen Bewegungsmustern und drei „Clearing Tests“. Je Muster werden 1-3 Punkte vergeben. Wird eine Bewegung links und rechts ausgeführt, wird bei Differenz der Wertung das niedrigere für die Gesamtrechnung verwendet. Es können also maximal 21 Punkte erzielt werden. Ist eine Bewegung schmerzhaft, werden 0 Punkte vergeben. Die Werte werden in eine einseitige Tabelle eingetragen. Jedes Muster wird bis zu drei Mal wiederholt. Ein kompletter FMS dauert etwa 8-15 Minuten. Benötigt werden keine teuren Messgeräte, sondern nur ein einfaches Untersuchungs-Kit, bestehend aus drei Stäben, einem Brett und einem Gummiband.

FMS-Bewertungslogik

0 = Die Bewegung war schmerzhaft – Empfehlung, einen Physiotherapeuten oder Arzt aufzusuchen

1 = Ausführung des fundamentalen Bewegungsmusters nicht möglich

2 = Ausführung nur mit Kompensationsbewegungen möglich

3 = uneingeschränkte Fähigkeit, das fundamentale Bewegungsmuster exakt durchzuführen

Die sieben FMS-Bewegungsmuster

  1. Überkopfkniebeuge
  2. Hürdenschritt
  3. Ausfallschritt-Kniebeuge mit beiden Füßen auf einer Linie
  4. Schulterbeweglichkeit
  5. Anheben des gestreckten Beins in Rückenlage
  6. Rumpfstabilitäts-Liegestütz
  7. Rotationsstabilität im Vierfüßlerstand

Mit diesen grundlegenden Bewegungsmustern bekommt der Untersucher einen guten Gesamteindruck über den Bewegungsapparat des Sportlers:

Dr. Markus Klingenberg / Julian Huke
Dr. Markus Klingenberg / Julian Huke
Dr. Markus Klingenberg / Julian Huke
Dr. Markus Klingenberg / Julian Huke
Dr. Markus Klingenberg / Julian Huke
Dr. Markus Klingenberg / Julian Huke
Dr. Markus Klingenberg / Julian Huke

Interpretation der Ergebnisse

Ein Screening liefert dem Untersucher keine Diagnose, sondern Befunde, die eine korrigierende Trainingsstrategie ermöglichen. Stärken des Sportlers können intensiv trainiert und Defizite ausgeglichen werden. Ein besonderes Augenmerk richtet der Trainer auf Muster mit der Bewertung 1 und auf Rechts-/Links-Muster, die eine starke Asymmetrie aufweisen – z. B. Hürdenschritt rechts 3 Punkte/links 1 Punkt.

Die Korrekturstrategie adressiert Mobilität, Stabilität und die neuromuskuläre Bewegungskontrolle und folgt dabei in der Priorität der folgenden Reihenfolge:

  1. Verbesserung der Mobilität und damit auch der Propriozeption
  2. Verbesserung der statischen Stabilität/Kraft
  3. Verbesserung der dynamischen Stabilität/Kraft

Ob die Intervention erfolgreich war, zeigt ein erneuter FMS nach einer ausreichend langen Trainingszeit.

Früherkennung und Prophylaxe

Für mich ist der FMS für den Bewegungsapparat, was die regelmäßige Kontrolle beim Zahnarzt für die Gesundheit der Zähne ist –, nämlich eine Früherkennung und allgemeine Risikoreduktion! Verspürt der Sportler während des FMS oder des Provokationstests Schmerzen, so muss vor einer Trainingsplanung eine weitere Abklärung erfolgen. Eine Möglichkeit stellt ein Selective Functional Movement Assessment dar. Das SFMA bietet Therapeuten und Ärzten ein diagnostisches und therapeutisches Konzept, in dem die schmerzhaften Befunde in Diagnosen und Therapieempfehlungen resultieren. Erinnere: Schmerz verändert Bewegungsmuster!

Studien

Wissenschaftliche Untersuchungen an Leistungssportlern haben gezeigt, dass sich das Verletzungsrisiko um mindestens das Zwei- bis Dreifache erhöht, wenn nur 14 oder weniger Punkte erzielt wurden. Das Gleiche gilt bei einer Asymmetrie zwischen der linken und der rechten Seite und zwar unabhängig von der Gesamtpunktzahl. Gray Cook sagt hierzu: „Viele Menschen wollen vorankommen, trainieren hart, um stärker und/oder gesünder zu werden. Sie arbeiten konstant an ihrer Kraft, Ausdauer, Flexibilität oder Leistung. Ihre ineffizienten fundamentalen Bewegungen und Bewegungsmuster bleiben dabei allerdings meist unbeobachtet. So kann es passieren, dass diese Menschen – ohne es zu wissen – durch inkorrekte Bewegungsmuster ihre Gesundheit aufs Spiel setzen, ihre Bewegungsmuster nicht optimieren können oder mit Dysfunktionen agieren – im guten Glauben, etwas für ihre Fitness und Gesundheit zu tun. Über kurz oder lang sinken Motivation und Freude an der Bewegung.“

Für diesen Beitrag wurden Auszüge aus dem Buch „Return-to-Sport – funktionelles Training nach Sportverletzungen“ verwendet. Die verwendeten Quellen finden Sie in der Literaturliste der Buchpublikation.

Dieser Artikel ist erschienen in

pt April 2021

Erschienen am 07. April 2021