Die TAL gGmbH hat von Mitte März bis Anfang April 2020 mehrere Umfragen zum Thema „Therapiepraxen in der Corona-Krise“ durchgeführt. Die Initiatoren stellen im Interview die wichtigsten Ergebnisse vor. Geschlossene Arztpraxen, Therapieabbrüche, neue Hygienemaßnahmen, fehlende Kinderbetreuung, Kurzarbeit – es kam viel zusammen. Kann man schon Schlussfolgerungen aus der Krise ziehen?

Volker Brünger

Volker Bruenger

Der Gesundheitsökonom (B. A.) und Physiotherapeut ist geschäftsführender Gesellschafter der TAL gGmbH. Zuvor war er 18 Jahre selbständig in der Physiotherapie tätig. Seine Interessenschwerpunkte sind zukünftige Versorgungskonzepte und die Etablierung eines modernen Berufsrechts. Kontakt: volker.bruenger@tal-ggmbh.de

Heiko Schneider

Heiko Schneider

Er ist seit 2005 Physiotherapeut (B.Sc.). Er studierte an der Hogeschool Utrecht und in Idstein. Der selbstständige Physiotherapeut ist Initiator des Aktionsbündnis Therapeuten am Limit und seit 2019 geschäftsführender Gesellschafter der TAL gGmbH. Kontakt: heiko.schneider@tal-ggmbh.de

Lieber Heiko, lieber Volker, ihr habt vom 14. März bis 4. April 2020 mehrere Umfragen zum Thema Therapiepraxen in der Coronakrise durchgeführt. Könnt ihr für uns Fragen undHintergründeerläutern? Wie viele Kollegen haben sich beteiligt?

Heiko Schneider (HS): Schon zu Beginn der Coronakrise war uns sofort klar, dass es massive Auswirkungen auf die Heilmittelversorgung geben wird und dass diese im Detail dokumentiert und analysiert werden müssen (1). Denn die Erfahrungen aus der Vergangenheit haben uns gelehrt, dass der Heilmittelbereich noch immer ein weitgehend blinder Fleck in der Gesundheitsversorgung ist, der traditionell übersehen wird.

Volker Brünger (VB): Wir haben in den ersten vier Wochen der Krise insgesamt sechs Umfragen durchgeführt. In der dritten und vierten Woche haben wir Selbständige und Beschäftigte zusätzlich separat befragt – und dabei 7.745 Antworten erhalten. Mit der letzten Umfrage zeichnete sich dann eine qualitative Sättigung ab, das heißt, es waren keine neuen Problemfelder aus den Antworten mehr zu identifizieren.

 Zu welchen Ergebnissen kommen die Umfragen?

HS: Die Ergebnisse sind sehr vielschichtig und zeigen zudem auch eine Entwicklung in der zeitlichen Abfolge. In der ersten Woche war die Verunsicherung sehr groß. Es gab kaum Informationen über notwendige Schutzmaßnahmen und die Sorge um die besonders vulnerablen Patientengruppen stand im Vordergrund. Daraus folgten zwangsläufig Überlegungen zu generellen Praxisschließungen.

VB: Im weiteren Verlauf zeigten sich dann neue Probleme. Durch uneinheitliche Kommunikation seitens der Landesbehörden und der Gesundheitsämter kam es zu großen Unsicherheiten, zum Beispiel darüber, ob Praxen weiter geöffnet bleiben sollten oder nicht. Diese waren sicher auch ein Grund dafür, warum die Auslastungsquote in den Praxen kontinuierlich zurück ging. In der vierten Woche stabilisierte diese sich dann auf einem Niveau von 36 Prozent im Durchschnitt.

Immer häufiger wurden Therapeuten in Kurzarbeit geschickt, in der vierten Wochen waren es schon 62 Prozent. Hinzu kam, dass Nebentätigkeiten, wie etwa Gruppenangebote im Präventionsbereich oder Rehasport, komplett wegbrachen. So ermittelten wir für die Beschäftigten ein durchschnittliches Nettoeinkommen von 1.187 Euro.

HS: Selbst die Kinderbetreuung stellte viele Therapeuten vor Probleme, da es regional zu sehr unterschiedlichen Auslegungen kam, ob Therapie systemrelevant ist. So brachten viele der Befragten in den Freitexten der Umfragen ihr Unverständnis darüber zum Ausdruck, dass Therapieberufe wieder vergessen werden. Zu dieser Zeit waren die offiziellen Verlautbarungen aus dem Bundesgesundheitsministerium noch so zu verstehen, dass man von einem Rettungsschirm absah. Gleichzeitig kam es immer häufiger zu Therapieabbrüchen, weil Verordnungen fehlten. Die Gründe dafür waren unterschiedlich. Teilweise hatten Arztpraxen geschlossen oder den Patientenkontakt reduziert. Oder die Verordner meinten, Therapie wäre unter Abwägung der Infektionsrisiken nicht indiziert. 

 „Praxen brauchen finanzielle Sicherheit, um die Versorgungsstrukturen zu erhalten.“

Welche Schlussfolgerungen zieht ihr aus den Ergebnissen?

VB: Die Motivation für die Durchführung der Umfragen kam, wie gesagt, aus der Erwartung, dass der Heilmittelbereich wieder vergessen wird. Auch wenn die Ausprägung der Krise für alle Beteiligten neu war, zeigen die Umfrageergebnisse detailliert, dass diese Erwartung mehr als erfüllt wurde. Exemplarisch kann man hier die Prüfpflicht und die Retaxierungen anführen.

HS: Es war jedem klar, dass unnötige Patientenkontakte zur Minimierung des Infektionsrisikos vermieden werden müssen und Praxen finanzielle Sicherheit brauchen, um die Versorgungsstrukturen zu erhalten. Die einfachsten Maßnahmen wären eine sofortige Aussetzung der Prüfpflicht und ein Verzicht auf Retaxierungen gewesen. Dies wären starke Signale im Sinne einer verantwortungsvollen und partnerschaftlichen Patientenversorgung gewesen. Aber offensichtlich braucht es dafür noch größere Katastrophen.

VB: Die eigentliche Erkenntnis aus der Krise ist, dass es nach wie vor deutliche Barrieren für eine vollumfängliche Integration therapeutischer Leistungen in die Gesundheitsversorgung gibt. Aus Sicht der Patientenversorgung lässt sich die Aufgabe ableiten, diese Barrieren zu identifizieren und abzubauen.

 Was möchtet ihr ergänzen?

VB: Ganz objektiv besteht aktuell eine Unterversorgung mit Heilmittelleistungen. Je nach Verlauf der Krise rechnen wir regional mit sehr unterschiedlichen Versorgungsbedarfen. Faktoren wie verbliebene Versorgungsstrukturen, individuelle Nachfrage, beispielsweise auch nach Präventionsangeboten, und auch die Anzahl von Erkrankten sowie die Auswirkungen von Unterversorgung werden sich sehr unterschiedlich darstellen.

HS: Im Heilmittelbereich haben wir eigentlich gute Instrumente, um auf stark heterogene Bedarfe zu reagieren. Die Blankoverordnung böte gute Möglichkeiten, Therapiepfade individuell zu planen, und der Direktzugang könnte überall dort helfen, wo der Zugang zur ärztlichen Verordnung schwierig ist. Vielleicht hat die Coronakrise am Ende einen positiven Effekt und wir schaffen es, eine moderne Heilmittelversorgung zu etablieren. Eigentlich fehlt nur etwas Mut bei den Verantwortlichen.

Das Gespräch führte Jörg Stanko.

 

Literatur

  1. TAL gGmbH. 2020. Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Heilmittelversorgung in Deutschland. Zusammenfassende Analyse, Lösungsansätze und Ausblick auf mögliche Herausforderungen in der Heilmittelversorgung. pt.rpv.media/15i; Zugriff am 22.6.2020