Angemessene Einkommen und konkurrenzfähige Löhne nötig

Das Gutachten wurde vom Institut für Gesundheitsökonomik (IfG) im Auftrag von elf Heilmittelverbänden durchgeführt. Für die Physiotherapie waren das Physio-Deutschland, VPT, VDB und IFK. Ziel des Gutachtens war es im ersten Schritt, die betriebswirtschaftliche Situation der Heilmittelerbringerpraxen zu analysieren. Eine weitere Fragestellung war, wie hoch die Vergütung durch die gesetzlichen Krankenkassen (GKV) sein müsste, um ein angemessenes Einkommen für Praxisinhaber sowie konkurrenzfähige Löhne für Mitarbeiter gewährleisten zu können. Hier klafft laut IfG eine deutliche Lücke. Wie hoch diese ausfällt, variiert je nach Heilmittelbereich.

Zusätzlich zu der Frage, wie stark die Vergütung steigen muss, hat sich das IfG auch mit dem Verwaltungsaufwand in Heilmittelpraxen beschäftigt. Das Ergebnis: In allen Heilmittelbereichen fällt hierfür ein erheblicher Arbeitsaufwand an. Dieser Aufwand müsse in der Vergütung ebenfalls Berücksichtigung finden, so das IfG. Andernfalls drohe unter anderem, dass es immer weniger kleinere Heilmittelpraxen geben werde. Diese seien aber für die flächendeckende Versorgung der Patienten in Deutschland eklatant wichtig.

Hintergründe

In diesem Jahr stehen die ersten bundesweiten Vergütungsverhandlungen zwischen den Heilmittelverbänden und dem GKV-Spitzenverband an. Basis dafür ist das Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG), das im Mai 2019 in Kraft trat. Es regelte zunächst, dass deutschlandweit zum 1. Juli 2019 die Vergütungen aller Einzelpositionen, die bisher in 28 Vertragsgebieten unterschiedlich waren, auf den jeweiligen Bundeshöchstpreis angehoben wurden. Im zweiten Schritt sollen die Verhandlungspartner nun bundesweite Preise aushandeln, die eine „leistungsgerechte und wirtschaftliche Versorgung“ ermöglichen. Konkret heißt es dazu in § 125 Abs. 3 TSVG:

„Die Vertragspartner haben zu beachten, dass die auszuhandelnden Preise eine leistungsgerechte und wirtschaftliche Versorgung ermöglichen. Sie haben bei der Vereinbarung der Preise für die einzelnen Leistungspositionen unter Zugrundelegung eines wirtschaftlich zu führenden Praxisbetriebes insbesondere Folgendes zu berücksichtigen:

1. die Entwicklung der Personalkosten,

2. die Entwicklung der Sachkosten für die Leistungserbringung sowie

3. die durchschnittlichen laufenden Kosten für den Betrieb der Heilmittelpraxis.“

Am 30. Juli wurden die Ergebnisse des WAT-Gutachtens im Rahmen einer Videokonferenz vorgestellt. IFK-Vorsitzende Ute Repschläger wies gleich zu Beginn der Runde darauf hin, dass das Gutachten eine „wertvolle Diskussionsgrundlage“ für die anstehenden Vergütungsverhandlungen bildet, weil „repräsentative Aussagen getroffen werden können.“

Das Gutachten in den Händen. Jetzt fehlt noch das Geld in den Taschen. Von links nach rechts: Bettina Kuhnert (DVE), Katrin Schubert (dbl), Prof. Dr. Günter Neubauer (IfG), Martina Schmidt (Podo Deutschland), Ute Repschläger (IFK)IFK
Das Gutachten in den Händen. Jetzt fehlt noch das Geld in den Taschen. Von links nach rechts: Bettina Kuhnert (DVE), Katrin Schubert (dbl), Prof. Dr. Günter Neubauer (IfG), Martina Schmidt (Podo Deutschland), Ute Repschläger (IFK)

„Typisches Bild der Struktur der Heilmittelerbringer abgebildet“

Prof. Dr. Günter Neubauer, Direktor des IfG, gab eine deutliche Analyse der Auswertung von knapp 4.000 Fragebögen. Er bescheinigte den Gesundheitsberufen einen „eklatanten Fachkräftemangel“. Im Durchschnitt dauere es „mehr als ein halbes Jahr“, um freie Stellen besetzen zu können – vor Corona. Die Pandemie habe die Situation noch verschärft.

Heilmittelpraxen leisten einen „erheblichen Aufwand“ für Verwaltungstätigkeit und werden dadurch von Behandlungen und damit Vergütung abgehalten.

Er führte den Begriff des kalkulatorischen Unternehmerlohns ein. Dieser müsse beispielsweise einen Aufschlag für das unternehmerische Risiko beinhalten und wurde bei 8.000 Euro verortet. Beim Vergleich mit den erhobenen Daten sei laut Neubauer eine Anhebung der Vergütungen um 24 Prozent notwendig, um einen „Unternehmerlohn“ zu erwirtschaften. 

„Es geht nicht darum, mehr Patienten zu behandeln, die Praxen sind ausgelastet“, betonte der Experte. Ein „richtiges Inhabereinkommen“ zu erzielen, sei auch wichtig, um konkurrenzfähige Mitarbeiterlöhne zahlen zu können. Ein Ausbleiben einer verbesserten Vergütung berge das Risiko der Zentralisierung und damit die Verdrängung kleiner Praxen, verbunden mit Kettenbildung und Monopolisierungen.

„Es werden harte Verhandlungen!“

Ute Repschläger vom Bundesverband selbstständiger Physiotherapeuten machte deutlich, dass Praxisinhaber deutlich mehr arbeiten als Angestellte in Krankenhäusern. Praxen brauchen außerdem ein Startkapital – und Praxisinhaber seien „für den gesamten Erfolg oder Misserfolg der Praxis zuständig“. In der Coronakrise sei seitens der Politik bestätigt worden, dass Physiotherapeuten systemrelevant sind. Die Pandemie hat gezeigt, wie wichtig Rücklagen in eine Krise sind. Sie machte deutlich, dass eine Steigerung der Vergütungen von 64 Prozent nötig ist und die Praxen höhere Vergütungen für Hausbesuche brauchen. Das WAT-Gutachten mache deutlich, dass pro Verordnung gut dreizehn Minuten Verwaltungstätigkeit anfallen, die bisher nicht vergütet wird. Ute Repschläger kündigte an: „Es werden harte Verhandlungen!“, in die sie mit „viel Power“ gehe.

Surftipp

Das vollständige WAT-Gutachten finden Sie hier:

pt.rpv.media/watkomplett

Anmerkung

Bei Redaktionsschluss waren die Vergütungsverhandlungen noch nicht abgeschlossen und somit keine endgültigen Ergebnisse bekannt.