In Deutschland wird die hochschulische Erstqualifikation in der Physiotherapie als Regelfall kontrovers diskutiert. Die für 2021 angekündigte Novellierung der therapeutischen Berufsgesetze soll für die Physiotherapieausbildung tragfähige Strukturen schaffen, auf deren Basis sich die Physiotherapie auch in der Zukunft erfolgreich weiterentwickeln kann. Ein Weiterdenken ist mehr als nötig.

Es ist sehr verwunderlich, dass immer noch viele Vorurteile gegenüber einer Vollakademisierung bestehen. Sie erscheint unumgänglich, um auch zukünftig eine adäquate Versorgung der Patienten sicherzustellen. Im Folgenden werden die drei wichtigsten Gründe dargelegt, warum eine vollständige hochschulische Erstqualifikation als zentrale Voraussetzung für eine langfristig verbesserte Versorgungsqualität zwingend notwendig ist.

Grund 1: Evidenzbasierte physiotherapeutische Versorgung für alle Patienten

Die Komplexität in der Versorgung steigt stetig aufgrund des demographischen Wandels und einer damit einhergehenden höheren Multimorbidität der Versorgten (1). Es werden zunehmend individuelle Strategien zur Problemlösung und Entscheidungsfindung in der physiotherapeutischen Behandlung benötigt, insbesondere in der Versorgung von Menschen mit chronischen Erkrankungen. Der Wissenschaftsrat (2) beschrieb schon im Jahr 2012, dass für die Behandlung dieser Patientengruppen zusätzliche Kompetenzen benötigt werden. Diese sind im Deutschen Qualifizierungsrahmen (DQR) (3) mindestens auf Niveau sechs (= Bachelor Qualifikation) angesiedelt. Dieses höhere Kompetenzniveau ist sowohl für die Anwendung von wissenschaftlichen Kompetenzen und für eine eigenverantwortliche Entscheidungsfindung notwendig, als auch für das Gelingen von interprofessioneller Zusammenarbeit von Vorteil, damit Ärzte und Physiotherapeuten auf Augenhöhe kommunizieren können. Daher beschreiben alle internationalen Standards für die Physiotherapie, unter ihnen auch der deutschsprachige Kompetenzrahmen aus der Schweiz und aus Österreich, ihre praktischen Anforderungen mindestens entsprechend Niveau sechs des DQR (4).