Ein Wort wird seit einiger Zeit auf berufspolitischen Veranstaltungen geraunt: Therapeutenkammer. Eine Kammer, das klingt gut, professionell und wichtig. Was traditionelle Berufe wie Ärzte, Architekten oder Apotheker haben, kann doch nicht schlecht sein – oder? Wie konkret ist die Diskussion eigentlich? Haben wir schon bald eine Kammer? Eine Standortbestimmung.

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Wir sind Bewegung

Wenn wir Physiotherapeuten im Jahr 2018 etwas gelernt haben, dann doch, dass wir nur genug trommeln, mit Fahrrädern nach Berlin fahren und hartnäckig Hashtags unter Posts setzen müssen, dann werden wir irgendwann vom Bundesgesundheitsminister an einen Tisch geladen und es gibt neue Gesetze. Es werden nicht unbedingt die eingeladen, die am lautesten protestiert haben, aber in Schwung gekommen ist die physiotherapeutische Berufspolitik allemal.

Wir sind dadurch aber auch in einer ganz neuen Rolle: Wir müssen liefern. Wir sollen plötzlich professionelle Berufspolitik können. Es wird nicht mehr danach gefragt, was wir nicht wollen, sondern danach, wie wir uns unsere Zukunft konkret vorstellen. Ein Übungsfeld für viele. Einige der Akteure beherrschen dieses Parkett schon, andere weniger.

Eine Idee ist eine Idee ist eine Idee

In diese Stimmung hinein kultiviert sich die Idee der Therapeutenkammer, eine Sehnsucht nach mehr Selbstbestimmung, größerer Freiheit und Autonomie. Viele aus der „Generation Heilmittelerbringer“, der 40-plus-X-Generation, die sich seit Jahrzehnten (oft vergeblich) um Augenhöhe mit den Ärzten bemüht haben, sind fasziniert von der Idee der Therapeutenkammer. Aber das ist sie zunächst auch nur: eine Idee.

Ein Förderverein

Ich spreche mit Daniela Hoffmann-Kruse (Abb. 1). Sie ist erste Vorsitzende des Fördervereins Therapeutenkammer in Nordrhein-Westfalen (NRW) e. V., dessen Ziel die Gründung einer berufsständischen Kammer für Therapeuten ist. Ich möchte von ihr wissen, wofür sie sich einsetzt und wie lange es wohl dauert, bis wir eine Therapeutenkammer etablieren können. Die Kollegin meint: „Wir [Therapeuten] sind ja absolut fremdbestimmt. Ich finde es wichtig, dass wir nach außen hin eigenverantwortlich mit einer Stimme sprechen und auch politisch so vertreten sind.“

Es geht ihr um klare Berufsbilddefinitionen, die Berufszulassung, Standards für die Qualitätssicherung in den Therapieberufen und eine geregelte, kontrollierte Fort- und Weiterbildung, sowohl der Therapeuten als auch der verschiedenen Fortbildungsanbieter.

Sie versteht unseren Beruf als Berufung und ist darüber besorgt, dass wir nicht mehr genug Nachwuchs bekommen. Sie setzt sich für eine Kammer ein, die alle therapeutischen Berufe vertritt. „Je mehr Mitglieder eine Kammer hat, desto größer ist ihr Einfluss und desto geringer werden die Beiträge.“

Ich muss kurz an den Turmbau zu Babel denken, möchte die Kollegin aber auch nicht entmutigen. Ihr Verein hat sich zum Ziel gesetzt, die Therapeuten in NRW darüber aufzuklären, welche Vorteile eine Kammer hätte. Der nächste Schritt wäre irgendwann, dass eine Umfrage unter Therapeuten zu dem Ergebnis käme, dass eine Landeskammer in NRW gewünscht ist. Dann würde die Politik entsprechend handeln müssen. Klingt nicht so, als hätten wir bis Weihnachten eine Therapeutenkammer.

Abb. 1 Daniela Hoffmann-Kruse  findet es wichtig, dass wir nach außen hin eigenverantwortlich mit einer Stimme sprechen und auch politisch so vertreten sind.Daniela Hoffmann-Kruse
Abb. 1 Daniela Hoffmann-Kruse findet es wichtig, dass wir nach außen hin eigenverantwortlich mit einer Stimme sprechen und auch politisch so vertreten sind.

Aufgaben von Kammern

Die Bundesärztekammer existiert bereits seit Oktober 1947 (1). Sie definiert klar ihre Aufgaben (siehe Kasten) (2).

Aufgaben der Bundesärztekammer

  • Sicherung einer guten medizinischen Versorgung der Bevölkerung durch den ständigen Erfahrungsaustausch zwischen den Ärztekammern und der gegenseitigen Abstimmung ihrer Ziele und Tätigkeiten; Vermittlung des Meinungs- und Erfahrungsaustausches zwischen den Landesärztekammern
  • Pflege des Zusammengehörigkeitsgefühls aller in Deutschland tätigen Ärzte und ihre Beratung und Unterrichtung bei wichtigen Vorgängen […] auf dem Gebiet des Gesundheitswesens und des sozialen Lebens
  • Herbeiführung einer möglichst einheitlichen Regelung der ärztlichen Berufspflichten und Grundsätze für die […] Tätigkeit auf allen Gebieten
  • Wahrung der beruflichen Belange der Ärzteschaft in Angelegenheiten, die über den Zuständigkeitsbereich eines Landes hinausgehen. Kontakte zu Bundesregierung und Bundesrat sowie zu den politischen Parteien
  • Vermittlung der Position der Ärzteschaft zu gesundheitspolitischen und medizinischen Fragen
  • Förderung der ärztlichen Fortbildung und Qualitätssicherung
  • Herstellung von Beziehungen zur medizinischen Wissenschaft und zu ärztlichen Vereinigungen des Auslandes
  • Regelung der Berufsordnung und Weiterbildungsordnung (2)

Lita Herzig von der „Initiative Therapeutenkammer“ beschrieb die Aufgaben einer Therapeutenkammer schon 2017 ganz ähnlich (3):

  • Qualitätssicherung von Aus-, Fort- und Weiterbildung sowie Berufsausübung
  • Anerkennung von Ausbildungsinhalten (fachschulische, akademische, ausländische)
  • Abnahme von Abschlussprüfungen, Vergabe von Berufserlaubnis und Zertifikaten, Registrierung aller Therapeuten
  • Weiterentwicklung des Berufsbildes, Entwicklung von Einsatzbereichen studierter Therapeuten
  • verbindliche Entwicklung von Therapiequalität und Berufsethik
  • Lobbyarbeit zur Stärkung und Wahrnehmung der Berufsbilder
  • Bündelung der therapeutischen Interessen im politischen Kontext, Anhörungspflicht
  • Mitgestaltung interprofessioneller Gesundheitsversorgung
  • regelmäßige Information aller Therapeuten und erhöhte Transparenz im Berufsgeschehen

Kritische Stimmen

Der Bundesverband selbstständiger Physiotherapeuten (IFK) spricht sich in seinem „Argumentationspapier Heilmittelkammer“ (4)deutlich gegen eine Kammer aus. Aus seiner Sicht sind die physiotherapeutischen Berufsverbände demokratisch dazu legitimiert, die Berufsgruppe in allen Belangen zu vertreten. „Eine Therapeutenkammer hätte insbesondere berufsrechtliche Aufgaben zu übernehmen, die bisher in staatlicher Verantwortung sind, z. B. die Sanktionierung ordnungswidriger Berufsausübung.“

Der IFK bemängelt, dass durch die Schaffung einer Kammer „Doppelstrukturen“ geschaffen würden, beispielsweise bei Stellungnahmen zu Gesetzes- und Verordnungsentwürfen und Vorschlägen „zu allen den Berufsstand und die Berufsausübung betreffenden Fragen“.

Die Verbände würden bereits als Sprachrohr der Berufsgruppe fungieren: So „haben sich die Verbandsvertreter auf der politischen Bühne etabliert und verfügen über ein großes Netzwerk in der Gesundheitspolitik über die gesamte Parteienlandschaft hinweg. Der Aufbau einer zusätzlichen Lobby in Form einer Therapeutenkammer wäre ein langwieriger Prozess. Die Politik wünscht sich jedoch lediglich einen einzigen Ansprechpartner für die Belange von Heilmittelerbringern.“

Als weiteres Argument gegen eine Kammer wird die „Zwangsmitgliedschaft“ genannt. Dagegen könnte man anführen, dass nur ungefähr ein Drittel der Heilmittelerbringer überhaupt in einem Verband organisiert ist (5). In den letzten Jahren hat sich die berufspolitische Landschaft in den Therapieberufen komplett verändert (6).

Durch das Auftreten von berufspolitischen Akteuren außerhalb der klassischen Verbandslandschaft – Therapeuten am Limit (TAL), Therapeutenkammerinitiativen, Vereinte Therapeuten (VT) – stellt sich die grundsätzliche Frage, ob der tatsächliche Rückhalt der Berufsverbände in der Branche groß genug ist, um die Zukunft im Sinne der Therapeuten zu gestalten.

Moderater äußerte sich die IFK-Vorsitzende Ute Repschläger in ihrer Funktion als Vorsitzende des Spitzenverbands der Heilmittelerbringer (SHV) im Interview mit der pt: „Ich sehe das Thema Kammer als eines, das man diskutieren muss, und zwar sachlich. Es ist weder vollkommen sinnvoll noch vollkommen sinnlos. […] Im IFK hat sich die Vertreterversammlung skeptisch gegenüber der Kammer ausgesprochen, aber wir diskutieren es weiter. Im SHV gibt es da auch unterschiedliche Positionen.“ (7)

Thomas Etzmuß, erster Vorsitzender von VT, steht folgendermaßen zur Therapeutenkammer: „Hier kommt es insbesondere auf die Struktur und die personelle Besetzung einer solchen Kammer an. Ich sehe die Handlungsmöglichkeiten einer Kammer als relativ gering an. Sie kann keine (Gehalts-)Verhandlungen führen. Und die aktuellen Probleme würden durch eine solche Kammer nicht gelöst werden.“ (8)

Ähnlicher Meinung ist Jens Uhlhorn von TAL: „Unsere aktuellen Probleme – Honorare, Heilmittelkatalog, Zertifikate – löst eine Kammer nicht, das darf sie rechtlich nicht. Andererseits hat die Idee Charme, alle Kollegen unter einem Dach zu vereinen und den Organisationsgrad zu erhöhen.“ (9)

Der VDB-Physiotherapieverband positionierte sich deutlich gegen eine Kammer: „Eine Kammer beinhaltet eine Zwangsmitgliedschaft mit entsprechenden Beiträgen. Mit dieser Zwangsmitgliedschaft wird das Grundrecht der individuellen Freiheit des [E]inzelnen erheblich eingeschränkt. Erfahrungen anderer Berufsgruppen mit ihren Kammern zeigen eine hohe Unzufriedenheit [mit dem] Kammerzwang, Beiträgen und einem zu geringen Einsatz für den Berufsstand. Obwohl sich Kammerbefürworter gerade diesen Einfluss wünschen, zeigt die Realität: Eine Kammer hat eine geringere politische Schlagkraft als Verbände.“ (10)

Physio-Deutschland für Physiotherapeutenkammer

Physio-Deutschland ist zurzeit der einzige Berufsverband, der sich öffentlich zur Kammer bekennt. „Wir müssen in eine Organisation kommen, die uns eint“, sagte Andrea Rädlein, Vorsitzende, im Interview mit der pt. „Wenn wir unsere Sachen nicht selber in die Hand nehmen, wer soll es denn dann tun? Ich glaube, dass das Thema Kammer die Zukunft für uns sein wird.“ (11)

Ein Team, dem unter anderem Michael Austrup (LV Baden-Württemberg) und Rüdiger von Esebeck (LV Bayern) angehören, betreibt außerdem die Website physiotherapeutenkammer.de. Dort heißt es: „Eine Kammer bedeutet vor allem eines: mehr Einfluss und Mitbestimmung.“ Die Kammer müsse bei Gesetzgebungsverfahren, die den Berufsstand betreffen, zwingend miteinbezogen werden. Es gebe ein Mitbestimmungsrecht, nicht (wie für die Verbände) ein Anhörungsrecht. Heilmittelkatalog, Zulassungsbedingungen, Ausbildungs- und Prüfungsverordnung würden bisher von anderen Berufsgruppen gestaltet (Ärztekammer, Krankenkassen).

Die Pflichtmitgliedschaft wird als Garant für die demokratische Vertretung des Berufsstandes eingeordnet: „Damit die Interessen aller Berufsangehörigen gehört und demokratisch vertreten werden, gilt für Kammern eine sogenannte Pflichtmitgliedschaft. Das bedeutet: Jeder, der der Berufsgruppe angehört, ist auch Mitglied in der Kammer. Aus der Mitte aller Berufsangehörigen werden die Delegierten für die Delegiertenversammlung gewählt. Diese Versammlung ist die eigentliche Kammer. Aus ihrer Mitte werden [wiederum] die Vorsitzenden und Vorstandsmitglieder sowie die Mitglieder für die ständigen Ausschüsse und Gremien gewählt.“ (12)

Kammer muss „von unten nach oben entstehen“

Abb. 2 Das Hauptproblem der Therapeuten ist, dass sie zu einem hohen Prozentsatz nicht (in Verbänden) organisiert sind, meint Politiker Roy Kühne.Thomas Trutschel / Deutscher Bundestag
Abb. 2 Das Hauptproblem der Therapeuten ist, dass sie zu einem hohen Prozentsatz nicht (in Verbänden) organisiert sind, meint Politiker Roy Kühne.

Am Telefon spreche ich mit Dr. Roy Kühne, Physiotherapeut und Berichterstatter für Heilmittelerbringer der CDU / CSU-Bundestagsfraktion (Abb. 2). Eigentlich möchte er sich nicht zum Thema Therapeutenkammer äußern, weil er der Meinung ist, dass eine Kammer „von unten nach oben entsteht“. Er will uns Therapeuten als Politiker nichts vorgeben. Eine Kammer müsse aus dem Berufsstand heraus entstehen, damit sie nicht als Zwang, sondern als Möglichkeit gesehen werde. Die jetzigen Probleme – Geld und „Verbandszwistigkeiten“ – könne sie allerdings nicht lösen.

Das Hauptproblem der Therapeuten sei, dass sie zu einem hohen Prozentsatz nicht (in Verbänden) organisiert seien und deshalb in der Politik auch nicht als einheitliche Lobbygruppe wahrgenommen würden. Sowohl gut organisierte Verbands- als auch Kammerstrukturen könnten helfen, mehr politische Durchschlagskraft zu entwickeln. Eine Kammer würde in gewisser Weise auch zu „einer gewissen Mitarbeit zwingen“.

Fazit

Der Wunsch nach mehr Selbstbestimmung in der Physiotherapie ist groß. Die Vorstellungen, wie man dorthin gelangt, sehen jedoch sehr unterschiedlich aus.

Eine Therapeutenkammer würde vermutlich nicht mit der viel beschworenen (und unrealistischen) „einen Stimme“ sprechen – aber sie würde viele Stimmen unter einem Dach vereinen.

Argumente für eine Kammer

Argumente gegen eine Kammer

Alle Therapeuten unter einem Dach

Pflichtmitgliedschaft

Mitbestimmungsrecht bei Gesetzesvorhaben, Verordnungen und Fragen, die den Beruf betreffen

Aktuelle Probleme können nicht gelöst werden.

Mehr Selbstbestimmung

Doppelstrukturen

Hohe repräsentative Bedeutung

Kann keine Vergütungen verhandeln

Physiotherapeuten entscheiden für Physiotherapeuten.

Unterschiedliche Modelle werden diskutiert (Physiotherapeutenkammer, Kammer für alle therapeutischen Berufe).

Altersvorsorge: durch Etablierung eines Versorgungswerks Befreiung von der Rentenversicherungspflicht; gegebenenfalls besser als gesetzliche Altersvorsorge

Altersvorsorge: durch Etablierung eines Versorgungswerks Befreiung von der Rentenversicherungspflicht; gegebenenfalls schlechter als private Altersvorsorge

Sanktionierung ordnungswidriger Berufsausübung von Physiotherapeuten durch Physiotherapeuten

Langfristiger Entstehungsprozess

Die Struktur der Kammer ist demokratisch, weil alle Berufsangehörigen vertreten werden.

Aufwendige Organisationsstrukturen

Zusätzliche Vertretung zu den bestehenden Verbänden; die Vertretung der Profession wird dadurch insgesamt stärker

Unnötige zusätzliche Vertretung zu den bestehenden Verbänden (Schaffung von unübersichtlichen Doppelstrukturen)

Literatur

1. Bundesärztekammer. 2019. Geschichte der Bundesärztekammer. www.bundesaerztekammer.de/ueber-uns/geschichte-der-baek; Zugriff am 18.4.2019

2. Bundesärztekammer. 2017. Aufgaben der Bundesärztekammer. www.bundesaerztekammer.de/ueber-uns/aufgaben; Zugriff am 3.4.2019

3. Herzig L. 2017. Eine Therapeutenkammer für Gesundheitsberufe? Mitgestaltung! Z. f. Physiotherapeuten 69, 6:12–4

4. IFK. 2019. Argumentationspapier Heilmittelkammer

5. Witzel K. 2016. Kammer für Heilmittelberufe. Möglichkeiten und Grenzen dieser Organisationsform. Z. f. Physiotherapeuten 68, 2:72–5

6. Stanko J. 2018. Wind of change? Warum wir uns gerade jetzt bewegen sollten. Z. f. Physiotherapeuten 70, 7:15–7

7. pt_Zeitschrift für Physiotherapeuten. 2019. pt unterwegs: Interview mit Ute Repschläger. youtu.be/50UwnAXggAU; Zugriff am 18.4.2019

8. Stanko J. 2019. Denkfabrik Physiotherapie. Im Gespräch mit Thomas Etzmuß. Z. f. Physiotherapeuten 71, 2:16–8

9. Stanko J. 2018. Denkfabrik Physiotherapie. Im Gespräch mit Jens Uhlhorn. Z. f. Physiotherapeuten 70, 7:12–4

10. VDB. 2018. Gute Argumente gegen eine Therapeutenkammer. vdb-physiotherapieverband.de/index.php/2018/11/30/gute-argumente-gegen-eine-therapeutenkammer; Zugriff am 4.4.2019

11. pt_Zeitschrift für Physiotherapeuten. 2019. pt unterwegs: Interview mit Andrea Rädlein. youtu.be/InfGPGC6HzE; Zugriff am 4.4.2019

12. Von Esebeck R. 2019. Physiotherapeutenkammer. physiotherapeutenkammer.de; Zugriff am 4.4.2019