Unzählige Meldungen, Lobgesänge und große Fürsprachen brachte die sogenannte Schulgeldfreiheit bisher. Schon der bis 2018 amtierende Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) kündigte die Schulgeldfreiheit in der Physiotherapie groß an. Seit dem Versuch ihrer Umsetzung beklagen Fachschulen jedoch Kündigungen von bereits abgeschlossenen Ausbildungsverträgen – und Schüler, die bereits mitten in der Ausbildung waren spielen mit dem Gedanken, abzubrechen und neu zu starten. Bei den aktuellen Auszubildenden existiert ein gewisser Groll im Hinterkopf, getragen von der Frage: „Warum zahle ich, während die Abschaffung des Schulgeldes längst beschlossen ist?“

Komplizierte Marktlage

Die potenziellen zukünftigen Berufsangehörigen haben es heute schwer, sich für einen Ausbildungsweg zu entscheiden: Staatliche Berufsfachschulen locken seit jeher mit der kostenfreien Ausbildung, an gewisse Klinikträger angegliederte Fachschulen locken mit dem Ausbildungsgehalt, private Schulen mit staatlicher Förderung preisen die von Bundesland zu Bundesland unterschiedliche Übernahmeregelung der Ausbildungsgebühren an. Zu guter Letzt bleiben dann noch die Schulen in den Ländern, die noch ganz normal ihre Gebühren in voller Höhe einfordern müssen.

Zudem besteht parallel die Möglichkeit, in einem Modellstudiengang primärqualifizierend direkt zu absolvieren. Die aktuelle Marktlage stellt also klar eine Wettbewerbsverzerrung dar, die ihresgleichen sucht.

Gegebenfalls ist für den ein oder anderen Schüler die geförderte Fachschule oder die staatliche Schule von Vorteil, denn bei Anspruch auf Schüler-BAföG besteht gegenüber dem Studenten-BAföG keine Rückzahlungspflicht. Einige Fachschulen haben auch Kooperationseinrichtungen, die eine Aufwandsentschädigung oder Versorgungspauschale im Zeitraum des praktischen Einsatzes gewähren. Diese kann um die 300 Euro betragen und wirkt sich nicht mindernd auf das bewilligte Fördergeld aus. So kann es sein, dass jemand, der ein Ausbildungsgehalt bezieht, gleich oder gar schlechter gestellt ist, denn dieser muss ja auch Abgaben leisten und hat in der Regel keinen Anspruch auf ein Schüler-BAföG. Dies ist im Einzelfall zu prüfen.

Präferenzen, Schwerpunkte, individuelle Leistungen

In den letzten Jahren fand durch die angespannte Marktlage eine Marktbereinigung statt, die viele positive Effekte hatte. Schulen, die sich ihrer alten Strukturen nicht entledigen konnten, schlossen. Andere reformierten sich, erfanden die Ausbildung neu und es entwickelten sich Alleinsstellungsmerkmale, die es vorher so nicht gab.

Einige Schulen implementierten Tierphysiotherapie, legten gezielt die Grundlage für ein weiterführendes Studium oder boten Zusatzqualifikationen im Sport an; andere wiederum setzten ausbildungsbegleitend den Fokus auf kaufmännische Kompetenzen. So fingen die Berufsinteressierten an, zu vergleichen und den Ausbildungsort nicht mehr nach Heimatnähe oder Kostenstruktur auszusuchen, sondern nach persönlichen Präferenzen, Schwerpunkten sowie Leistungen, die sie im Gegenzug erhielten.  

Regionale Verwirrspiele

Ein Beispiel aus Nordrhein-Westfalen: Die Schulen dort erhielten die Aufforderung, zum Schuljahresbeginn 2018 keine Gebühren mehr in voller Höhe zu erheben und auf die Förderung zu warten. Diese sollte im März 2019 erfolgen. Wie die Schulen diese Zeit mit nur 30 Prozent der Einnahmen überleben sollten, konnte niemand beantworten. 

Auch bereits erfolgte Zahlungen oder Abschlagszahlungen waren ja entsprechend zu verrechnen. Förderfähig war auch lediglich die Höhe der Schulgebühr aus dem Jahr 2017 und nicht die aktuelle. Diese durfte im gesamten bewilligten Förderzeitraum auch nicht erhöht werden. Weitere Zusatzkosten, wie Kopiergeld oder sonstige Pauschalen, durften ebenfalls nicht erhoben werden. Die Förderung ist eine Individualförderung. Das heißt, sie ist personenbezogen, jedoch kann sie nur von der Bildungsinstitution und nicht vom Individuum selbst beantragt werden. Die komplette Bürokratie wurde quasi vom Amt outgesourct und diese administrativen Leistungen hängen nun zusätzlich an den Schulen. 

Dazu kommt, dass niemand sagen kann, wie es mit der Förderung weiter geht; so müssen geförderte Schulen bald den Interessenten sagen: „Es kann sein, dass dein erstes oder die ersten beiden Lehrjahre gefördert werden, du dann aber wieder die volle Höhe der Beiträge zahlen musst.“

Das zieht natürlich wieder einen weit größeren Rattenschwanz hinter sich her, denn alle Verträge und Marketingunterlagen müssen wieder neu aufgesetzt werden. Viele Berufsinformationsdienste oder Bedienstete überblicken die Situation schon seit Jahren nicht mehr und mit jeder weiteren Änderung schwindet deren Motivation, für den Beruf zu werben. 

Was ist zu tun?

Grundsätzlich bleiben die Wirkungen abzuwarten und dann zu reflektieren, aber die Schulgeldfreiheit ausschließlich mit Lob zu preisen und mit Freude zu beklatschen, ist sicherlich keine Lösung. Eine weitere Debatte, die darüber hinaus anzustoßen wäre, ist die Signalwirkung nach außen. Nachdem die maßgeblichen Verbände sich nahezu geschlossen für die Vollakademisierung aussprechen, werden jetzt trotzdem die Fachschulen wiederbelebt; vor allem die, die den Umbruch aus eigener Kraft nicht überlebt hätten, profitieren davon. Das ist sicher kein treibender Motor für ein Berufsbild, das sich für die Zukunft aufstellen und für den Gesundheitsmarkt 2030 rüsten sollte.