Über die Akademisierung der Gesundheitsberufe wird viel diskutiert und gestritten. Wer könnte besser über das Studium Auskunft geben als die Studierenden selbst: Der Hochschulverbund Gesundheitsberufe (HVG) hat eine Absolventenbefragung zur Evaluation von Bachelorstudiengängen für die Physiotherapie durchgeführt. Unsere Autorinnen stellen Ihnen die wichtigsten Ergebnisse vor.

Die „Modellstudiengänge“

Seit 2009 ermöglicht der Gesetzgeber die modellhafte Erprobung einer hochschulischen Erstausbildung für Physiotherapie, Ergotherapie und Logopädie (1). Für diese primärqualifizierenden Studiengänge liegt die Gesamtverantwortung für die theoretische und praktische Ausbildung bei den Hochschulen. Neben der staatlichen Prüfung nach drei Jahren wird in einem Doppelabschluss der Bachelortitel erworben (2).

Für diese sogenannten Modellstudiengänge wurden vom Bundesministerium für Gesundheit (BMG) anhand eines vorgegebenen Fragenkataloges Evaluationen verpflichtend vorgeschrieben (3). Aus den Ergebnissen sollten Schlussfolgerungen hinsichtlich der Konzeption und des Nutzens von primärqualifizierenden Studiengängen abgeleitet werden. 

Dabei kommen alle Evaluationen übereinstimmend zu dem Ergebnis, dass primärqualifizierende Studiengänge in den Gesundheitsfachberufen dauerhaft wünschenswert und machbar sind (4). Die Erkenntnisse aus insgesamt 25 Modellvorhaben in acht Bundesländern wurden im August 2016 vom BMG zusammengestellt, bewertet und vom Bundestag beschlossen (4).

Dennoch konnten einige Evaluationsfragen nicht zufriedenstellend beantwortet werden, weil zum Beispiel erst wenige Studierende die Studiengänge abgeschlossen hatten und diese auch erst relativ kurz im Arbeitsmarkt waren. Vor diesem Hintergrund haben Bundestag und Bundesrat eine zweite Evaluation gefordert und eine fünfjährige Verlängerung der Modellphase bis 2021 verabschiedet. (5). 

Spätestens 2021 berichtet das BMG auf Basis von weiteren Evaluationen der Bundesländer dem Bundestag. Dieser entscheidet, ob und wie das Studium als reguläre Angebotsform gesetzlich verankert wird.

Die Fragen

Die Evaluationsfragen des BMG beinhalten unter anderem die Motivation der Studierenden, sich für einen (Modell-)Studiengang zu entscheiden, den beruflichen Verbleib dieser Absolventen und den Einsatz der hochschulisch erworbenen Qualifikationen in der Praxis (3).

Mit dem Ziel, zur Beantwortung dieser Fragestellungen beizutragen, hat der Hochschulverbund Gesundheitsfachberufe (HVG) (siehe Kasten) Anfang 2018 in Zusammenarbeit mit zwölf primärqualifizierenden Studiengängen an sieben HVG-Mitgliedshochschulen eine Online-Befragung unter Studiengangabsolventen der zwölf Modellstudiengänge in fünf Bundesländern außerhalb von NRW durchgeführt (6). 

Dabei standen der berufliche Verbleib, die Einsatzmöglichkeiten hochschulisch erworbener Kompetenzen, die Einschätzung von Vor- und Nachteilen einer hochschulischen Primärqualifikation sowie die berufliche Zufriedenheit im Zentrum der Befragung. Insgesamt waren 143 Fragebogen von Absolventen für die Auswertung verfügbar, deren Studienabschluss zum Zeitpunkt der Befragung mindestens neun Monate zurücklag. Die Rücklaufquote betrug 9,8 Prozent. 

Mit 75 Fragebogen, die von Absolventen der Physiotherapie-Studiengänge an fünf Hochschulen ausgefüllt wurden, stellten die Physiotherapeuten mit 52 Prozent die größte Berufsgruppe unter den Teilnehmern der Befragung dar. Auf diese Daten (6) wird im folgenden Abschnitt näher eingegangen. 

Die Ergebnisse

Persönliche und soziale Kompetenzen

Zum Zeitpunkt der Befragung sind 87 Prozent (65) der befragen Physiotherapeuten nach dem Studium als Therapeuten berufstätig. 92 Prozent (59) arbeiten in direktem Kontakt mit Patienten. 97 Prozent (63) befinden sich im Angestelltenverhältnis, davon 46 in einem unbefristeten Arbeitsverhältnis. Mit 74 Prozent wurden am häufigsten Praxen in der ambulanten Versorgung als Arbeitsort angegeben, gefolgt von Reha-Einrichtungen (26 Prozent) und Krankenhäusern (20 Prozent). Nur vier Physiotherapeuten (6 Prozent) sind nach eigenen Angaben in Forschungsprojekte eingebunden (Tab. 1).

im Angestelltenverhältnis tätig absolut in %

in der therapeutischen Praxis tätig 

absolut in %

in Reha-Einrichtungen tätig

absolut in %

im Krankenhaus tätig

absolut in %

an Forschungsprojekten beteiligt

absolut in %

Absolventen Physiotherapie

63

97 %

48

74 %

17

26 %

13

20 %

4

6 %

Auf die Frage, welche der typischerweise im Studium erworbenen Kompetenzen für die Ausübung des therapeutischen Berufes als besonders wichtig erachtet werden, wurde den persönlichen und sozialen Kompetenzen die höchste Bedeutung beigemessen (88 Prozent), gefolgt von Kommunikation, Patientenedukation (83 Prozent) und Clinical Reasoning (77 Prozent). 

Das selbstständige Arbeiten (69 Prozent) und das Wissen um evidenzbasierte Behandlungsmethoden (62 Prozent) wurden dagegen in ihrer Bedeutung für die tägliche Berufspraxis als weniger wichtig eingeschätzt. 

Die Frage, welche der typischerweise im Studium erworbenen Kompetenzen aus Sicht der Absolventen für Arbeitgeber in Bezug auf die Patientenversorgung besonders wichtig seien, ergab ein ähnliches Antwortbild, allerdings mit einer geänderten Rangfolge: Hier folgt der persönlichen und sozialen Kompetenz (88 Prozent) die Fähigkeit zum selbstständigen Arbeiten (83 Prozent) sowie Kommunikation und Patientenedukation (73 Prozent). Organisatorisches und wirtschaftliches Denken (65 Prozent) verdrängt das Wissen um evidenzbasierte Behandlungsmethoden (34 Prozent), darauf folgt das Clinical Reasoning (59 Prozent) (Tab. 2).

Welche der typischerweise im Studium erworbenen Kompetenzen sind Ihrer Meinung nach für die Ausübung Ihres therapeutischen Berufes wichtig?Angaben für „sehr wichtig“

Welche der typischerweise im Studium erworbenen Kompetenzen sind Ihrer Meinung nach für Arbeitgeber / -innen in Bezug auf die Patientenversorgung wichtig? Angaben für „sehr wichtig“

in %

absolut

in %

absolut

persönliche und soziale Kompetenz

88 %

56

88 %

56

Kommunikation, Patientenedukation

83 %

53

73 %

47

klinisches Reflexionsvermögen (Clinical Reasoning)

77 %

49

59 %

38

selbstständiges Arbeiten

69 %

44

83 %

52

Wissen um evidenzbasierte Behandlungsmethoden

62 %

39

34 %

22

organisatorisches und wirtschaftliches Denken

38 %

24

65 %

41

Qualitätsmanagement

33 %

21

41 %

26

Zufriedenheit

Für 93 Prozent der Physiotherapeuten, die den Fragebogen beantwortet haben, ist das Studium eine persönliche Bereicherung. Nach den Vorteilen des Studiums gefragt, sehen 92 Prozent eine Erweiterung der Berufsperspektiven. Knapp zwei Drittel (64 Prozent) geben an, dass ihnen das Studium die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit Ärzten und Psychotherapeuten auf Augenhöhe ermöglicht. Für 69 Prozent erleichtert das Studium die interprofessionelle Zusammenarbeit mit anderen therapeutischen / pflegerischen Berufen. 

Die Zufriedenheit mit den Tätigkeitsinhalten (81 Prozent) und dem Tätigkeitsspektrum (74 Prozent) ist bei den Physiotherapeuten hoch; dem gegenüber steht allerdings eine hohe Unzufriedenheit mit dem Gehalt (81 Prozent) und den beruflichen Aufstiegsmöglichkeiten (56 Prozent) (Tab. 3). 

unzufrieden

absolut in %

wenig zufrieden

absolut in %

zufrieden

absolut in %

sehr zufrieden

absolut in %

gesamt

Gehalt

18 38 %

20 43 %

7 15 %

2 4 %

47

Aufstiegsmöglichkeiten im Beruf

14 30 %

12 26 %

17 36 %

4 9 %

47

Tätigkeitsinhalte

3 6 %

6 13 %

30 64 %

8 17 %

47

hohes Anforderungsniveau

3 6 %

6 13 %

28 60 %

10 21 %

47

Arbeitsorganisation / -atmosphäre

5 11 %

8 17 %

18 38 %

16 34 %

47

Tätigkeitsspektrum

3 6 %

9 19 %

18 38 %

17 36 %

47

Akzeptanzproblem?

Wenn auch wesentliche Nachteile nicht benannt werden, sehen doch knapp 50 Prozent ein Akzeptanzproblem ihres Abschlusses im Kollegenkreis. Knapp zwei Drittel (63 Prozent) der Befragten sind jedoch der Auffassung, dass der Studienabschluss von den Arbeitgebern positiv bewertet wird. Allerdings vermissen knapp zwei Drittel (59 Prozent) die Bereitschaft des Arbeitgebers, ein angemessenes Gehalt zu zahlen. 

Gefragt nach ihren Aufgaben, geben nur 16 Prozent der befragten Physiotherapeuten an, teilweise andere Aufgaben zu haben als Kollegen ohne hochschulische Qualifikation. 84 Prozent der Therapeuten würden sich jedoch anspruchsvollere Aufgaben wünschen. Für mehr als die Hälfte sind dabei organisatorische Aufgaben, Teamleitung, Mitarbeiterschulung und Forschungsaufgaben von Interesse. Ein Teilnehmer der Befragung ergänzt dazu: „Kompetenzen, die im Studium erworben wurden, können oftmals im Berufsalltag nicht gelebt werden (z. B. [w]issenschaftliche Kompetenz), da man ‚nur‘ als Therapeut tätig ist. […] [D]ie Suche nach aktueller Evidenz ist vom Arbeitgeber nur in der Freizeit erwünscht“ (6).

Resümee

Deutschland ist das einzige europäische Land, in dem Therapeutinnen noch nicht durchgehend in primärqualifizierenden Studiengängen ausgebildet werden (7). Die vom HVG befragten Physiotherapeuten sehen jedoch die Notwendigkeit der Akademisierung: „Es muss ein Regelstudiengang werden. Dies ist essentiell für die Gesundheitsversorgung in Deutschland. Stichwort komplexere Individualisierung der Gesundheitsleistung und [d]emografischer Wandel“(6).

Bisher spielt die klinisch-therapeutische Forschung nur eine untergeordnete Rolle und Deutschland bildet im europäischen Vergleich das Schlusslicht in Bezug auf eine wissenschaftsbasierte Versorgung (8). Dabei liegt eine der großen Chancen der akademischen Qualifikation darin, dass studierte Therapeuten die Fähigkeit erlangen, die eigenen Therapien zu überprüfen und weiterzuentwickeln. Eines der wichtigsten Merkmale der akademischen Ausbildung ist neben der Befundung, Behandlung und Beratung von Patienten / Klienten die Entwicklung von wissenschaftlichen Kompetenzen, um sich kritisch mit bestehenden Therapien und Methoden auseinanderzusetzen und Wirksamkeitsnachweise zu erbringen (9). 

Derzeit wird im Berufsalltag allerdings die „fehlende Reflexion, der Mangel an evidenzbasiertem Arbeiten und wissenschaftlichem Arbeiten“ sowie „wenig Interesse an EBP“ (6) von den Teilnehmern der HVG-Befragung kritisiert.

Den hochschulisch ausgebildeten Physiotherapeuten fehlen bisher Möglichkeiten, ihre erworbenen Kompetenzen im Berufsalltag umzusetzen. Aufgrund der gesetzlichen Rahmenbedingungen gelingt es den Studierenden im Berufsalltag nur gegen Widerstände, ihre besonderen Qualifikationen am Patienten einzubringen, was die Absolventenbefragung des HVG bestätigt. Im Versorgungssystem werden weiterhin Evidenzen nicht umgesetzt und die Anpassung an die bisher üblichen Methoden gefordert (10).

Dass eine vollständige Akademisierung notwendig und machbar ist, wurde in einem gemeinsamen Strategiepapier des HVG und des Verbunds für Ausbildung und Studium in den Therapieberufen (VAST) (siehe Kasten) begründet und belegt (11). Ein Teilnehmer der HVG-Befragung stellt fest: „Schade[,] das[s] Deutschland nicht bereit ist, in das Gesundheitssystem zu investieren, um diesen tollen Beruf attraktiver zu gestalten und damit die Qualität und Quantität der Therapeuten und gesundheitlichen Förderung zu verbessern“(6).

Die vollständigen Ergebnisse der HVG-Absolventenbefragung, welche auch Absolventen der Logopädie und Ergotherapie umfasst, stehen im Netz zur Verfügung (6).

Wer ist wer? Wer will was?

Hochschulverbund Gesundheitsfachberufe e. V. (HVG)

Ziel dieses interdisziplinären Zusammenschlusses von 37 Hochschulen mit Studiengängen für Therapieberufe, Berufsfachschulen, Berufsverbänden und weiteren institutionellen und persönlichen Mitgliedern ist die Förderung der Therapiewissenschaften im deutschsprachigen Raum. Neben den Aktivitäten des Vereins zur Förderung von Forschung geht es den Mitgliedern um die vollständige Akademisierung der Ausbildung in den Therapieberufen und gute Hochschullehre: Die Akademisierung zielt letztlich auf die Sicherstellung der Qualität der Gesundheitsversorgung zum Wohle der Patienten ab. 

www.hv-gesundheitsfachberufe.de

Verbund für Ausbildung und Studium in den Therapieberufen (VAST)

Der VAST ist ein Arbeitsbündnis des Bundesverbands deutscher Schulen für Logopädie (BDSL e. V.), des Verbands deutscher Ergotherapie Schulen (VDES e. V.), des Verbands leitender Lehrkräfte an Schulen für Physiotherapie (VLL e. V.), des Bundes für Ausbildung und Lehre in der Diätetik (BALD e. V.) und des Verbands leitender Lehrkräfte an Podologieschulen e. V. (VLLP). Die Mitglieder des Bündnisses setzen sich geschlossen für eine Akademisierung der Therapieberufe ein. 

www.vast-therapieberufe.de

Literatur

  1. Bundesgesetzblatt. 2009. Gesetz zur Einführung einer Modellklausel in die Berufsgesetze der Hebammen, Logopäden, Physiotherapeuten und Ergotherapeuten vom 25. September 2009. www.bgbl.de/xaver/bgbl/start.xav?start=%2F%2F*%5B%40attr_id%3D%27bgbl109s3158.pdf%27%5D#__bgbl__%2F%2F*%5B%40attr_id%3D%27bgbl109s3158.pdf%27%5D__1468415761627; Zugriff am 19.3.2019
  2. Höppner H. 2016. Hochschulische Ausbildung in der Physiotherapie: Ein konsequentes Ja zur Primärqualifikation – jetzt! physioscience 12:119–21
  3. Bundesministerium für Gesundheit. 2009. Bekanntmachung von Richtlinien über die wissenschaftliche Begleitung und Auswertung von Modellvorhaben. www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/3_Downloads/Statistiken/GKV/Bekanntmachungen/Richtlinien_Modellvorhaben/Bekanntmachung-RiLi-Berufsgesetze.pdf; Zugriff am 19.3.2019
  4. Deutscher Bundestag. 2016. Bericht über die Ergebnisse der Modellvorhaben zur Einführung einer Modellklausel in die Berufsgesetze der Hebammen, Logopäden, Physiotherapeuten und Ergotherapeuten. dip21.bundestag.de/dip21/btd/18/094/1809400.pdf; Zugriff am 9.8.2019
  5. Deutscher Bundestag. 2016. Drittes Gesetz zur Stärkung der pflegerischen Versorgung und zur Änderung weiterer Vorschriften (Drittes Pflegestärkungsgesetz – PSG III). Bundesgesetzbl. Jahrgang 2016 Teil I Nr. 65 vom 28.12.2016:3191–220
  6. Blümke C, Räbiger J, Hansen H, Lauer N, Warnke A, et al. 2019. Ergebnisse der HVG-Absolventenbefragung zur Evaluation von primärqualifizierenden Bachelorstudiengängen für therapeutische Gesundheitsfachberufe (Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie). www.hv-gesundheitsfachberufe.de/ergebnisse-der-hvg-absolventenbefragung-zur-evaluation-von-primaerqualifizierenden-bachelorstudiengaengen-fuer-therapeutische-gesundheitsfachberufe-physiotherapie-ergotherapie-logopaedie; Zugriff am 8.8.2019
  7. Darmann-Finck I, Reuschenbach B. 2017. Ergebnisse der Evaluation der hochschulischen Erstausbildung in den therapeutischen Berufen. Gesundheitswesen 81, 4:325–31
  8. Borgetto B, Räbiger J, Rottenecker J, Hansen H, Pfingsten A, et al. 2019. Die vollständige hochschulische Ausbildung in der Ergotherapie, Logopädie und Physiotherapie ist notwendig und machbar. physioscience 15:41–2
  9. Gerber-Grote A. 2019. Gesundheit muss man studieren. www.fr.de/meinung/gesundheit-muss-studieren-11773074.html; Zugriff am 28.2.2019
  10. Wolf U. 2019. Das Eisen ist heiß – verzagen wir schon, bevor wir zum Hammer greifen? physioscience 15:1–2
  11. Hochschulverbund Gesundheitsfachberufe und Verbund für Ausbildung und Studium in den Therapieberufen. 2018. Notwendigkeit und Umsetzung einer vollständig hochschulischen Ausbildung in den Therapieberufen (Ergotherapie, Logopädie und Physiotherapie) – Strategiepapier. www.hv-gesundheitsfachberufe.de/wp-content/uploads/Strategiepapier-2018_11_08.pdf; Zugriff am 10.3.2019