Nach der Saison ist vor der Saison. Ein Spruch, den wir alle kennen, in dem aber viel Wahrheit liegt. Nach einer kurzen Verschnaufpause beginnt vor allem für die sportmedizinische Abteilung die Arbeit für die folgende Saison wieder sehr frühzeitig. Jedes Ende einer Trainingsphase oder einer Saison gibt dem Staff die Möglichkeit, eine Evaluation beziehungsweise eine Analyse in der Retrospektive des vergangenen Trainingsprozesses durchzuführen und damit wichtige Erkenntnisse für die folgende Planung zu gewinnen.

In der Regel beginnt eine Evaluation immer mit einer Retrospektive auf die erhobenen Daten aus dem Profiling und Monitoring. Wichtige Parameter für die Beurteilung des Trainingsprozesses sind die Verletzungszahlen beziehungsweise die Anwesenheitsquote. Diese Zahlen geben Aufschluss darüber, inwieweit das übergeordnete Ziel der Spielerverfügbarkeit erreicht wurde. In der Regel werden diese Informationen in tabellarischer Form dargestellt und mit verschiedenen Farben optisch aufgewertet, um auch den Trainern einen guten Überblick über das Erreichte zu geben.

Parameter

01.07.19

02.07.19

03.07.19

04.07.19

05.07.19

06.07.19

RPE

Geplant

5

7

0

6

9

3

Erzielt

6

6

0

5

8

3

Gesamtdistanz

Geplant

6.500

7.200

0

6.350

9.250

4.500

Erzielt

6.900

7.120

0

5.750

8.650

4.325

Zusammenhang zwischen Load Management und Leistungsfähigkeit

In einem zweiten Schritt wird dann überprüft, ob es einen Zusammenhang zwischen den Daten aus dem Load Management und der Leistungsfähigkeit gab. Hier ist vor allem der Vergleich zwischen der vom Trainer geplanten und durch die Spieler tatsächlich wahrgenommenen Belastung ein echter Impulsgeber. Bereits weiter oben habe ich von der häufigen Diskrepanz zwischen der geplanten und der tatsächlich wahrgenommenen Belastung berichtet. Eine Retrospektive und der Vergleich der Daten helfen dem Trainer häufig dabei, ein besseres Verständnis für den Effekt seiner Übungs- und Spielformen sowie deren Auswirkung auf die Leistungsfähigkeit der Spieler zu bekommen. Auch für uns Athletiktrainer bietet die Verknüpfung von Load Management Daten und Performance Daten eine große Chance. So konnte ich zum Beispiel in der Vergangenheit feststellen, dass die Daten aus den Wellness-Fragebögen, dem GPS-Tracking und der Handkraft-Messung sehr ähnliche Ergebnisse liefern. So habe ich mich dazu entschieden, die Handkraft-Messung wieder aus dem Monitoring-Prozess zu streichen, da diese keinen offensichtlichen Mehrwert gegenüber den anderen Verfahren lieferte und konnte so die Spieler zeitlich etwas entlasten.

Verbesserung der Testing-Ergebnisse?

Im dritten Schritt wird überprüft, ob sich die Spieler hinsichtlich ihrer Testing-Ergebnisse verbessert haben. Der weitere Verlauf der Evaluation folgt dann keinem konkreten Plan mehr – vielmehr ergeben sich verschiedene Fragestellungen aus den ersten drei Schritten, denen dann gemeinsam im Team auf den Grund gegangen wird. Häufig führt eine Frage dann zur nächsten. Daher ist die Zeit der Evaluation auch die Zeit der Weiterbildung. Letztlich bietet die Phase nach einer Saison eine gute Möglichkeit, sich anhand objektiver Daten und ohne das alltägliche Chaos einer Saison noch einmal zu verdeutlichen, was tatsächlich gut geklappt hat und wo noch Optimierungsbedarf besteht, um ein besseres Verständnis für den Verlauf der Saison und den Trainingsprozess zu bekommen. Einer meiner wichtigsten Lernprozesse aus den vergangenen Jahren ist die optische und inhaltliche Aufbereitung der Erkenntnis und Information aus der Evaluation, sodass der Trainer eine Verbindung zu den Daten aufbauen kann.

Neben diesen regelmäßigen Vorüberlegungen und der Berücksichtigung aller Schritte im Trainingsprozess folgen wir bei der Erstellung unserer Trainingsprogramme vier einfachen Grundprinzipien: 

  • Back to Basics 
  • First things first – look at your feet 
  • Ground-up Control 
  • Minimum Effective Dose

Das hier vorgestellte Trainingskonzept beruht auf dem Prinzip der Individualisierung. Dabei beschreibt Individualisierung ein pädagogisch-didaktisches Prinzip, das, ausgehend von psychischen, physischen und motorischen Unterschieden der Entwicklung von Sporttreibenden, Ansatzpunkt für eine differenzierte Planung und Gestaltung des Bildungs- und Erziehungsprozesses vor allem in Training und Sportunterricht ist, bei denen es um die Förderung und Entwicklung sportlicher Leistungen sowie die Herausbildung sportlicher Handlungskompetenz geht. Es gilt also sowohl bei der Trainingsplanung als auch bei der Trainingsdurchführung die alters- und entwicklungstypischen Merkmale sowie die individuellen Stärken und Schwächen der Spieler zu berücksichtigen, und ihnen durch den Einsatz gezielter Differenzierungsmaßnahmen einen optimalen Trainingsreiz zu ermöglichen. Dabei spielen vielfältige Variablen, wie das Alter, das Trainingsalter, die Verletzungshistorie, die Körperzusammensetzung und das Leistungsniveau eine wichtige Rolle für eine Individualisierung. Weiter bestimmen auch die Zielstellungen und das psychologische Profil eines Spielers die Auswahl geeigneter Maßnahmen. Genau dafür nutzen wir das vorgestellte Spielerprofil, denn diese Individualisierung beziehungsweise Differenzierung beginnt bereits beim Profiling.

„There’s no I in team“

Wir bringen das „I“ zurück. I steht für Individualisierung. So hart es auch für manche Leser klingen mag, letztlich wird bei der Entwicklung von Fußballspielern immer der einzelne Spieler im Mittelpunkt stehen. Gerade im Nachwuchsfußball wird niemals eine ganze Mannschaft in den Profibereich gebracht werden – vielmehr geht es innerhalb des Teams um die Entwicklung der einzelnen Spieler. Damit rückt das Individualtraining beziehungsweise die Individualisierung immer mehr in den Vordergrund. Die oben beschriebenen Maßnahmen sind fußballspezifisch ausgewählt, mit Ausnahme der grundlegenden Basistests der ersten drei Rechtecke. Je nach finanziellen und zeitlichen Ressourcen kann diese Differenzierung um das Positionsprofil eines Spielers erweitert werden. Auch die Interpretation sowie die Ausübung der unterschiedlichen Positionen kann zu unterschiedlichen Maßnahmen im Training führen. Zu diesen Differenzierungsmaßnahmen zählen unter anderem eine inhaltliche beziehungsweise zeitliche Differenzierung der Trainingsinhalte sowie die Einteilung verschiedener Trainingsgruppen.