Behandeln Sie auch steife Gelenke dreimal die Woche eine gute Viertelstunde mit passiver Mobilisation (MT) und empfehlen dem Patienten, sich viel zu bewegen? Das mag ihm guttun, vergrößert aber nicht sein Bewegungsausmaß. Die wissenschaftliche Evidenz ist erdrückend – und nicht neu. Nachdem Teil 1 dieses Beitrags die Entstehung von Gelenkkontrakturen und die daraus resultierende notwendige Zeit für ihre Behandlung erklärt hat, erfahren Sie nun, wie Sie Gelenkkontrakturen effektiv und evidenzbasiert behandeln können.

Physikalische und biologische Reaktion

Die passive dehnende Mobilisation von Bindegewebe, wie der Gelenkkapsel, löst sofort eine physikalische Reaktion aus. Diese kann kurzzeitig ein angenehmes Empfinden von mehr Beweglichkeit erzeugen, stimuliert aber nicht ausreichend das Gewebe, länger zu wachsen (1). Es geschehen Phänomene wie das Überwinden der Viskosität (2), Kriechfluss und Entspannung (engl. creep and relaxation) sowie die Hysterese (3), bei der nach einer Verlängerung die Ausgangslänge nicht wieder vollständig erreicht wird und der Energieverlust in Wärme übergeht. Dies alles geschieht in den ersten Stunden (4–6), aber auch schon nach 30 Minuten, beispielsweise an der LWS (7), im Labor sogar schon nach drei bis vier Minuten (8). Wenige Grade an Bewegungsausmaß können so in einer Behandlung gewonnen werden, was der Patient als angenehm empfindet. Schnell, oft innerhalb Minuten, verliert der Patient das gewonnene Bewegungsausmaß jedoch wieder (9–11), weshalb der Physiotherapeut den Patienten nach der Mobilisation zu Eigenübungen auffordert. Die direkte physikalische Reaktion auf Verlängerung geht mit einer Denaturierung des Kollagens und einer Schwächung des Gewebes einher, weshalb der Patient sich nach dem Dehnen langsam zunehmend belasten muss (6).